Coup de foudre, unausweichlich

von Annika Kemmeter

Wie schön sie waren! So schön! Menschen hätten Kinokarten bezahlt um sie sich stundenlang auf der Leinwand anzusehen. Popcorn wäre unbemerkt in Mündern versunken, während sie beide nichts weiter tun mussten. Ihre Gesichtszüge – so fein, so elegant, so außergewöhnlich. Und die kleinsten Veränderungen in ihren Mimiken waren so charmant und herzerwärmend, das Zucken eines Mundwinkels ließ Lungen aussetzen und Herzen in doppeltem Tempo schlagen, als kannte und liebte man sie seit vielen Jahren oder schon immer. Sie hätten nichts zu machen brauchen. Man hätte ihnen dabei zusehen wollen, wie sie E-Mails schrieben oder sich Kaffee eingossen. Das wäre genug gewesen. Ein verschmitztes Lachen oder eine in Trauer geflossene Träne wären der Höhepunkt des Skriptes gewesen. Mehr konnte niemand erwarten, mehr konnte niemand erhoffen, denn das Lachen und die Träne hätten die Herzen, die Körper, die Seelen der Zuschauer geschmolzen, bis alle Konturen verschwammen.
Sie waren unglaublich schön, aber nie erstrahlten sie in Perfektion. Eine kaum zu erahnende Asymmetrie fesselte die Augen ihrer Betrachter an ihre Gesichter oder schickte die Augen der Betrachter auf eine Reise über das ganze Gesicht, als tasteten sie es zaghaft mit Fingerspitzen ab, behutsam, sanft und ehrfürchtig.
Und sie wussten, dass sie schön waren. Aber für sie war ihre Schönheit ein Spielzeug. Ein zufällig in ihre Wiege gefallenes Spielzeug, das sich, wie sich ein Löffel in ein Auto, eine Rakete oder ein Püppchen verwandeln kann, in klassischen Stil verwandelte, in Verwegenheit, sportliche Coolheit, in naive Zartheit, eiskalte Eleganz – je nach Laune waren sie heute Sexbomben, morgen liebende Mutter und liebender Vater, heute best buddy morgen Professor und Professorin.
Und als sie einander trafen, hätte kein Hollywood-Regisseur ein romantischeres Setting entwerfen können. Und hätte er es versucht, wäre er von den Kritiken zerrissen worden. Sie selbst hatten manchmal Zweifel, ob sie sich überall so schnell verliebt hätten, oder ob es an der Stadt lag, an der Holzbrücke über der Seine, am Sternenhimmel, der sich über Paris auftut wie ein gigantisches Seidentuch, ob es an den Gitarrenklängen lag, am Rotwein, ob all das sich über sie gestülpt hatte wie ein Zauberhut, der aus zweien – plopp! – eins machte. Er war mit den Jungs da, es war ihr erster freier Abend nach Wochen, sie wollten gleich weiter, zu Chez Jaques, einem Weinkeller mit jüdischer Musik, waren auf der Pont des Arts stehen geblieben und hatten den in ein Farbenspiel aus Rot, Rosa, Orange, aus Lila, Gelb, Türkis und Blau getunkten Himmel entdeckt. Benny hatte mit einem kritischen Blick in den Himmel gesehen. Kleine, zarte Fältchen hatten sich um seine Augen gelegt, große Mandeln aus geschliffenem Glas, aus denen selbst in diesem kritischen Blick Herzenswärme strömte. „Was ist? Warum guckst du so?“ „Ah, viel zu kitschig! Verstehst du? Zu schön! Es sieht aus wie gemalt. Kitschig gemalt.“ Nichtsdestotrotz probierte er verschiedene Positionen aus, ohne zu knipsen. Nahm Gebäude vom Rive gauche und dann vom Rive droite mit in den Bildausschnitt, mal mehr von der Brücke, mal weniger, mal nur das Geländer, mal die Seine mit ihren Touristenboten. Er war nicht zufrieden, und das Licht war bald weg. Während er über die Brücke wanderte auf der Suche nach dem perfekten Bild, dabei innerlich über sich selbst lachend, weil er wie besessen auf die Leute wirken würde, wenn sie aufsehen würden, hatten die Jungs Mädels angesprochen, wie so oft. Das Licht änderte sich und der Himmel wurde dunkler und fahler und die Farbenpracht löste sich in Blau- und Lilatönen auf. Er hatte ein paar passable Bilder gemacht, den Rest würde er nachher löschen. Oder gleich jetzt. Er fand, noch ganz in Gedanken bei seinem Motiv, seine Kumpels und dann sah er sie. Wie vom Schlag getroffen. Sie sah kurz hin, in ein belangloses Gespräch mit Marcus vertieft, und dann sah sie richtig hin und dieser Augenblick, den zu filmen wäre ein Seufzen und Augenrollen gewesen. Wie oft gesehen, in Liebesfilmen, wie oft mit überbordender Musik und weichem Filter hinterlegt? Hier war nichts weich. Hier war eine Wucht. Ein LKW, der auf einen zuraste ohne zu bremsen und Knochen brach. Sie sahen sich an, sahen die Schönheit des anderen leicht unscharf, denn die Augen zogen ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Ach, sie sahen auch nicht die Augen des anderen an, wie man etwas betrachtet oder ansieht, ein Objekt und ein suchender Scheinwerfer, da waren zwei Blicke die einander fanden und zu einem verschmolzen, die ineinander fielen und zusammenpassten wie gefaltete Hände oder wie der passende Antikörper zum Spikeprotein, oder um es profan auszudrücken, wie zwei Puzzlestücke, die sich verbanden, zwei lose Enden eines gerissenen Gummibandes, das, einmal wiederzusammengefügt, wieder ganz wurde, eine Verbindung, die sich nicht mehr, nie wieder lösen würde. Und so war es. Der Blick dauerte und Benny fragte sich, ob es ihr wirklich genauso ging wie ihm, ob auch sie das Hupen des LKWs gehört und ignoriert hatte. Aber der Blick hielt allen Fragen stand und nicht die kleinste Regung zeigte sich außer gelegentlichem blitzschnellem Augenblinzeln, der Blick dauerte und er war sich sicher, dass es ihr ging wie ihm. Dass es das also doch gab, Liebe auf den ersten Blick. So abgedroschen es klang, so nach sogenannter Frauenliteratur, war es doch irgendwie, Benny schluckte…, und ihm fiel nur das Universum ein, der Kosmos, das Schicksal, Dinge, die sich plötzlich aufdrängten und er glaubte, das nun auch in ihren Augen zu sehen: Wundern und Unglauben und Überwältigtsein und Vergessenzuatmen. Und so wären sie vielleicht gestorben, im immerwährenden Anblicken, unfähig, sich zu lösen, dachte Benny manchmal im Nachhinein, wenn ihre Freundin sich nicht vorgestellt hätte: „Salut, je suis Katharina!“ Die Verbindung des Blicks aber war noch zu stark, um sich ganz zu lösen. Aber Katharina hielt ihm ihre Hand entgegen und Benny nahm sie und sagte Benny. Und sah zurück zu ihr, aber sie redete schon wieder mit Marcus. Über was redeten sie da? Und warum hörte Marcus nicht auf zu quatschen? Ah, über Physik und sie schien durchaus interessiert. Und Katharina fragte etwas auf Französisch, wobei doch längst schon klar war, dass sie Deutsche war und sicherlich besser englisch konnte. Und unter seinem Shirt flatterte sein Herz wie die Flügel eines Vogels, der im Flug von einem Pfeil getroffen worden war. Doch er nahm sich zusammen, erinnerte sich an das Konzept von Höflichkeit und sah Katharina an. „Yeah, I tried to make some pictures of the sunset“, sagte Benny und lächelte verlegen und nahm weder ihren bewundernden Blick wahr, denn auch Katharinas Herz schmolz natürlich bei diesem verlegenen Lächeln, noch die nächste Frage. Sie geisterte aber noch in seinem Kurzzeitgedächtnis, als sich Katharina zu ihm beugte, um einen Blick auf sein Handy zu werfen. „They are not very good. I need to delete most of them”, sagte Benny und steckte sein Handy schüchtern in seine hintere Hosentasche. Denn, ja, er wusste, dass die Leute ihn hübsch fanden, sogar schön, aber das war ja nichts, worum es wirklich ging, und deshalb fand er es immer merkwürdig, wenn Leute ihn so ansahen wie Katharina, als wäre er ein göttliches Wesen, ohne seinen Charakter zu kennen. Und der war schwach. Ja, Benny kannte alle seine Schwächen und diese Kenntnis, dachte er, müsste doch viel klarer zu sehen sein, als alles andere. Der Blick eben, jedoch, dieser unendliche, der war ganz anders gewesen, ebenbürtig, irgendwie. Ja, gefesselt. „Och, comon“, sagte Katharina und Benny sah sich gezwungen sein Handy wieder hervorzuholen und Marcus beim Dozieren über Physik zuzuhören und Katharina und Elvis ein paar Fotos zu zeigen, die etwas besser gelungen waren. „Looks like a picture from a calendar!“, staunte Katharina. Und Elvis warf Benny einen mitleidigen Blick zu, denn Elvis wusste, dass Benny immer versuchte genau gegenteilige Fotos zu machen. Aber wenn der Himmel nun mal verdammt nach Kalenderbild aussah, war nicht viel zu machen. Er erklärte es Katharina und sie schlug vor, einfach jetzt zu fotografieren, wo der Himmel nicht mehr so aufdringlich leuchtete wie die Decke einer Barockkirche. Und Benny musste lachen bei dem Vergleich und öffnete die Kamera-App, trat ein paar Schritte zurück, darauf achtend, niemandem in den Weg zu treten und auch nicht gegen die Leute zu stoßen, die auf der Brücke saßen und Rotwein aus Flaschen tranken. Die hohen Laternen tunkten die Brücke und ihre Besucher in orangenes Licht, und Benny fotografierte Marcus, Elvis, Katharina und sie, wobei Katharina in die Kamera lächelte, worüber Benny schmunzelte. Alle Authentizität des Moments war damit kaputt. Das Bild würde nicht mehr Leute auf der Pont des Arts zeigen, sondern eine Katharina, die für ein Familienalbum posierte. Und dann sah sie auf, sah zu ihm hin und Benny tippte auf den Kreis auf seinem Handybildschirm und es machte schnk und Benny besah das Resultat. Ihr Mund, schöner als ein Herz, lächelte minimal spöttisch und die Augen waren pure Herausforderung, als sähen sie durch die Linse hindurch zum Fotografen. Und das hatten sie wahrscheinlich auch getan. Er näherte sich der Gruppe, zeigte ihr das Bild und sagte „What’s that look?“ Sie lächelte, streckte ihm ihre Hand hin. „Laura“, sagte sie. Dann steckte sie sich eine Zigarette an. Ihre roten Lippen. Ihre hellblauen Augen. „B- Benny“, sagte Benny und merkte, dass er stotterte. Und dachte, dass er dieses Stottern doch schon so gut im Griff gehabt hatte und dass er sich ohrfeigen könnte. Und an ihrem wissenden Lächeln sah er, dass sie es bemerkt hatte und ihre Augen sagten ihm, dass sie es süß fand und er hatte plötzlich das Gefühl nicht mehr geatmet zu haben, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, atmete tief ein und aus, stellte sich neben sie, die der Brücke zugewandt war, und sah selbst auf den Fluss hinaus. Die Abendlichter von Paris schimmerten in den sanften Wellen und unten, am Ufer liefen betrunkene Paare Arm in Arm mit den Ratten spazieren. Die Künstler oder Kunstsammler, die ihre grünen Stände bis jetzt zum Verkauf offen gehabt hatten, schlossen die Klappen zu und machten sich auf den Heimweg. Und Laura drehte sich um, er spürte die kühle Haut ihres Armes an seinem Arm und dann ihren Kopf an seiner Schulter. Und mit einem Mal war ihm aller Kitsch egal, denn so ist es eben, wenn man verliebt ist: Rosarot und leichtfüßig und dann kann man auch alles zulassen und muss nichts tausendmal hinterfragen und dann ist es eben so. Und wie in einem Null-acht-fünfzehn-Liebesfilm tat er es einfach, was er sich sonst nie getraut hätte, nur hier auf der Pont des Arts unter dem Nachthimmel von Paris, und vielleicht war es nur die Kopie eines Liebesfilms, und er hatte die Szene so oft gesehen, dass es ein purer Reflex war und gar kein eigener Wille, und es war auch kein Wille, wirklich, sondern irgendwie ein Anflug von einer Lust, wie der Lust auf noch einen Kartoffelchip aus der Tüte, der man nachgibt. Und er tat es einfach und drehte sich zu ihr hin und sie schnickte die Zigarette in den Fluss und seine Lippen trafen ihre und er vergaß nicht nur den Kitsch und Elvis und Marcus sondern auch seine Frau und das gemeinsame Kind, die er von Herzen liebhatte, denn der Coup de Foudre war unausweichlich und Benny war nun einmal schwach.

Image by NakNakNak from Pixabay

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