Tabulos

von Nina Lischke

Manchmal frage ich mich, was das Schicksal dir sagen will, wenn es dich trifft wie ein Stück Kreide am Hinterkopf. Wie soll ich das verstehen, was es mir hinwirft? Wach auf oder Kannst du der Versuchung widerstehen?

Ich starre das Foto in der Zeitung an. IHR Foto. Die kurzen schwarzen Haare, das offene, verwegene Lachen. Was macht sie dort, in der Zeitung, bei den Todesanzeigen? Sie war doch so lebendig, noch vor Kurzem, und sie hat mich so … berührt.

Meine Gedanken schweifen ab, zurück an den Tag in der Sauna vor ein paar Wochen.

Ich spüre ihre Lippen. Warm. Weich. Wie ein saftiger Pfirsich im Sommer. Sie hielt mich fest, hatte eine unsichtbare Schlinge um mich geworfen.

War sie das Schicksal? Das Stück Kreide am Hinterkopf? Das Wach auf oder das Kannst du der Versuchung widerstehen?

Es war unsere zweite zufällige Begegnung. Schwitzend saß ich in der 80 Grad Sauna, als ich ihren Blick in meinem Rücken spürte. Ich hatte sie beim Reinkommen nicht gesehen, mich direkt auf die mittlere Stufe gesetzt und die Augen geschlossen. War froh, dem Schreibtisch entkommen zu sein, die letzten Klausuren meiner Drittklässler korrigiert zu haben. Endlich Wochenende. Endlich durchatmen.

Doch es juckte mich auffällig zwischen den Schulterblättern. Ich drehte mich um und begegnete ihren grünen Augen. Forsch, mit einer Art Jagdlust darin. Erst eine Woche zuvor stand sie auf der WG-Party im Türrahmen, als ich gerade mit meiner Tinder-Verabredung tanzte. Ein Josh oder John oder so. Einer von denen, die weniger auf Worte setzen und direkt zur Tat überschreiten. Was mir meistens auch ganz recht ist.

Und dann saß sie dort, in der Sauna. Sie, die Tabulose.

Sie schien zu spüren, was in mir gärte. Ich hielt ihrem Blick stand. Misstrauisch. Fragend.

Zischend verdampfte Wasser auf den Ofensteinen.

Sie machte mir Angst. Und faszinierte mich. Beide Gefühle in einem, die mir tausend kleine Kugeln durch den Körper jagten.

Ich wollte meinen Blick von ihr lösen, konnte aber nicht. Der Schweiß rann mir mittlerweile in Bächen herunter.

Sie hörte auf, mich zu fixieren. Suchte etwas im Raum, erhob sich elfengleich, ließ sie sich auf meiner Stufe in den Schneidersitz gleiten. Wir waren allein.

Ich fühlte mich ergeben und ausgeliefert. Sie war so stark. So entschlossen. So wild.

Die Zeit

schien still

zu stehen.

Da war nichts als reine Vibration.

Dann, ganz sanft, spürte ich ihre Fingerspitzen auf meinem Knie. Ein leichtes Kitzeln, das mir das Herz gegen die Rippen schlagen ließ.

Ein neckisches Lächeln umspielte ihre Lippen, von denen ich meinen Blick einfach nicht lösen konnte und über denen sich nun ein leichter Schweißfilm gebildet hatte. Lippen, die ich kurz darauf zu spüren bekam.

Sanft strich sie mir danach mit ihrem Daumen über die meinen, verteilte das Salz darauf. Sie ergriff meine Hand und legte sie sich sanft auf ihr Bein. Ich spürte die knochige Form ihrer Kniescheibe, suchte ungeschickt und blind die Ränder ihres schmalen Körpers ab, den Blick noch immer in ihren Augen gefangen.

Und dann, als ich bei ihrer Brust ankam, ertasteten meine Finger einen Wulst. Nicht ganz frisch aber auch noch nicht allzu lange verheilt. Sie legte meine Hand ganz darauf, hobt mein Kinn an, sodass ich sie wieder anschauen musste.

Sie war nicht nur stark. Sie war ebenso verletzlich.

Aber sie versteckte sich nicht.

Bereit?, flüsterte sie.

Mehr nicht, nur diese eine Frage, in der sie alles verpackte, was war und was sein sollte.

Sie löste ihre Hand von meinem Gesicht und ließ sie wieder nach unten gleiten. Als sie an meiner rechten Brust ankam, hielt sie inne. Sie streichelte sie mit ihrem Daumen und ich konnte nicht anders, als die Lust auszuhauchen, die sich in mir ausgebreitet hatte. Obwohl ich peinlich pikiert war, musste ich grinsen. Sie rief Verwegenheit in mir hervor. Verwegenheit, die lange, lange Zeit in mir versteckt war. Unzüchtig, unrein, falsch. Tabu.

Mein Atem ging flach, mein Kopf war heiß. Was, wenn jemand hereinkam? Mir wurde schwindelig. „Ich … ich muss gehen“, stotterte ich. Einen kurzen Moment noch hielt sie mich fest. „Die Zeit ist zu kostbar für Lügen“, sagte sie. War da ein Flehen in ihrem Blick? Dann löste sie die Schlinge.

Ich wankte zur Tür hinaus. Mit zitternden Händen zog ich am Seil des Eimers, der sein eisiges Wasser über mich ergoss. Was hatte ich getan? Hatte ich einfach die Kontrolle verloren? Oder wollte ich sie verlieren?

Ohne mich noch einmal umzuschauen, ging ich in die Umkleide, streifte mir die Klamotten über den nassen Körper und fuhr nach Hause.

Nach langer Krankheit hat der Herr dich doch zu sich genommen. Du hast gekämpft und erst gesiegt, doch er hatte andere Pläne für dich. Wir beten dafür, dass dein Mut und Eigensinn dich auch im Himmel stets begleiten werden. Wir tragen dich immer in unseren Herzen.

Deine dich liebende Familie

Das Bild aus der Zeitung lächelt mich noch immer neckisch an. Sie, die Tabulose. Stark und dennoch weich.

Sie ist … ehrlich gewesen. Ein hartes Stück Kreide an meinem Hinterkopf.

Ich hole eine Schere und schneide die Anzeige aus. Bereit?, hallt es in meinem Kopf. Bereit?

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