Nachtgesicht

von Arina Molchan   zwei Schritte zur Seite um die Kluft spüren zu lassen im Gesicht schien die Nacht bald würden im Licht der Mondsichel erfrorene Glühwürmchen ihm seine Schulter ins Wanken bringen – er unterbrach mich ließ das Wort leicht gewellt der Mondsichel kräuselte die Fläche geschützt hinter Mauern bewehrt, überspannt   So ist…

wir, jünger

von Arina Molchan Ich erinnere mich: wir, jünger, zwischen unseren Händen die Milchstraße, zwischen unseren Händen nichts. Wie habe ich dich geliebt, damals, bloß durch das Spüren deiner Haut        

Inhalt einer kühlen Beziehung

von Arina Molchan Im Kühlschrank liegt eine geköpfte Zwiebel, ein altes, grauweißes Schweinespeckstück und ein kümmerlicher Rest Käsekuchen. Die Gabel steckt drin, zwar nicht mehr aufrecht, aber sie steckt. Ich stecke auch fest: essen oder es sein lassen? Ich schnüffel am Schweinespeckstück – riecht ranzig. Die Zwiebel riecht gar nicht mehr, sie ist nur noch…

„Veto“ oder „Die Fünf Phasen“

von Lydia Wünsch  Es war am Frühstückstisch und einfach so – scheinbar aus dem Nichts – fiel ihm ein, dass er die Beziehung beenden wollte. Gerade hatten wir noch darüber geredet, was wir nachher einkaufen wollen, als er plötzlich einen tiefen Seufzer von sich gab. „Was ist los?“, frage ich ihn und greife nach seiner…

Du sagst

von Arina Molchan Du sagst: „Ich unterstütze dich“ und gehst. Ich bleibe alleine auf der Terrasse zurück – über mir die Krähen, unter mir die Regenwürmer. Ich ziehe die Handschuhe an und wühle die schwarze Erde auf, während im Wohnzimmer blaues Licht flimmert. Ich höre von dir den ganzen Abend lang nichts, weil dort die…

Bisse

von Dominik Erhard Sehr attraktive Mädchen haben oft hässliche Füße, was mich zeitweise enorm traurig macht. Nicht, dass mich diese schwieligen roten Stellen an den Fersen, oder die Blasen am Knochen neben dem großen Zeh abstoßen würden – es macht mich einfach nur traurig, wie man nach einem Tag traurig ist, den man sich schöner…

Stumm[el]

von Arina Molchan Auf ihrem Nachttisch schwelte der volle Aschenbecher. Sie lag in der Mulde der Matratze, Sprungfedern in jedem Wirbel, und zerrauchte die karierten Papierröllchen zu Stummeln. Sie waren innen ganz leer, nur Grafit und Luft statt des Tabaks: Liedentwürfe von ihm, dem Mitbewohner mit der immer geschlossenen Zimmertür. Sie inhalierte ihren Sinn und…

Ungeschminkt

von Lydia Wünsch Wenn Ella nachts nach Hause kam, war sie angetrunken und gut gelaunt. Leise vor sich hin summend torkelte sie ins Schlafzimmer. Dabei streifte sie ihre High Heels von den Füßen und ließ sie achtlos liegen. Sie zog sich den Pullover über den Kopf und warf ihn dazu. Dann schälte sie sich –…

Liebes Leben,

um mir nicht vollkommen nutzlos vorzukommen, habe ich mir heute von der Kellnerin einen Stift und einen Zettel geliehen. Und jetzt schreibe ich diesen Brief an dich. Weil mir sonst nichts Besseres einfällt. Außerdem habe ich sowieso ein paar Fragen an dich. Aber zunächst will ich dir versichern: Ich habe stets versucht, ganz in deinem…