Kapitel 35 – Ina sieht alles

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Auffällig Unaufällig – ein Gemeinschaftsroman von Alexander WachterAnnika KemmeterArina MolchanIna MaschnerLydia WünschNina LischkeVerena Ullmann und Victoria Grader.

Ist dies dein erstes Kapitel von Auffällig Unauffällig? Dann starte am besten am Anfang: Auffällig Unauffällig – Prolog

Auf Victorias Klopfen öffnete sich der Wagenverschlag. Aber nicht mehr so wie früher, wie sie feststellen musste. Der Verschlag glitt nicht mehr so federleicht auf, nicht mehr mit diesem Hauch von Feenstaub. Schwerfällig knarzte er, klemmte, um dann gewaltvoll aufgestoßen zu werden. 

„Komm herein, komm herein – wenn’s kein Schneider ist“, grüßte Inas Stimme. Sie war vom vielen Wodka und dem Rauchen noch kratziger geworden. „Ja ja, sag nichts. Ich weiß es, die Tür muss ich noch reparieren.“ 

Als Victoria den Wagen betrat, stach ihr ein süßlicher Gestank in die Nase. Wie eine abgebrannte Parfümerie, die ein katholischer Trauerzug mit Weihrauch beweint hatte. Ansonsten war der Wagen unaufgeräumt. Die Tarotkarten lagen verstreut auf dem Tisch. Verschiedene Decks, sofern Victoria das beurteilen konnte. In einer dunklen Ecke des Tisches lag eine verstaubte Kristallkugel auf dem Messingständer. Sogar das Panel aus dunklem Holz, an dem Inas Pendel aufgehängt waren, war verstaubt. Alles in allem sah es so aus, als hätte Ina seit langem keinen der Gegenstände mehr benutzt.  

Ina entdeckte sie in der Küchenecke des Wagens und ging zu ihr, dafür musste sie über andere eigentümliche Utensilien steigen. Die Küche selbst war verdreckt. Der Staub und das Öl hatten sich als ein gräulicher Kleber über die Anrichte und sämtliche Gegenstände gelegt. Grüne, flache Krümel lagen verstreut darauf. Reste getrockneter Kräuter oder Teeblätter, vermutete Victoria. 

Jetzt drehte sich Ina zu ihr. Zwar waren die Wangen eingefallen, allerdings strahlte Ina richtig. Das ungarische Kopftuch ließ sie alt aussehen. Trotzdem haftete noch etwas Ehrwürdiges an ihr. 

„Kann ich dir etwas zu trinken anbieten, Victoria?“, fragte Ina. „Ich weiß schon, es sieht sehr schlimm hier aus. Ich muss wirklich putzen. Die letzten zwei Wochen kam ich einfach nicht dazu. Aber …“, und als sie das sagte, wuchs Ina zwei Zentimeter in die Höhe, „ … jetzt bin ich hochmotiviert.“ 

Victoria zögerte, aber dann holte sie aus ihrer Handtasche die Wodka-Flasche heraus. „Schau, ich habe uns diese hier mitgebracht. Ich weiß ja, du kannst Absolut Wodka nicht leiden, aber das hier die Crystal-Edition. Davon gibt es nur 800 Stück. Und die Flasche ist sogar nummeriert. Hier, sechshundertsechsundsechzig. Bei einem Auftritt in der Pariser Oper hab’ ich sie gefordert. Und extra mit dieser Nummer, für dich. Eccellente, eh?“ 

„Hauptsache, es knallt“, lachte Ina herzhaft. „Lass uns doch deine Sitzung heute draußen machen, ja? Der Abend ist mild. Und die Sterne werden einen guten Einfluss auf das Ergebnis haben!“

Draußen ankommen sah Victoria auf zwei verwittert aussehende Campingstühle die um einen nicht minder verschmutzten Tisch herum aufgestellt waren.  

„Ina, Stella mia! Wie ich dir im Tempel sagte: Es ist wirklich wichtig, dass die Wahrsagung auch hundertprozentig stimmt!”, erklärte Victoria, während sie pikiert Pflanzenreste von den weißen Plastikstühlen schnickte. Sie schwang ihr Tuch aus Rohseide um sich, und prüfte ein letztes Mal, ob die Stühle nun einigermaßen sauber waren. Das Tuch konnte man nicht waschen und ihre Sammlung war zu einer erschreckend kleinen Zahl geschrumpft. Sie setzte sich und atmete durch. Dann fuhr sie fort: “Bald ist doch Aniko Senchis große Hutausstellung im Tempel. Und, ja, ich gedulde mich ja. Aber bis du so weit bist, deinen Plan durchzuführen, muss ich wissen, was dieses Ereignis für mich bereithält, das verstehst du doch?“ Victoria hatte sie an den Schultern gepackt und geschüttelt. „Verstehst du mich? Mein Leben hängt davon ab!“ 

Ina nickte, blickte aber an Victoria vorbei. Sie war mit ihren Gedanken wohl schon weit fort. Ob das ein gutes Zeichen war? 

„Komm, ich leg dir die Karten. Ich habe da ein wirkliches starkes Gefühl!“ Ina schlich an ihr vorbei, griff nach der Wodka-Flasche, die Victoria neben sich abgestellt hatte, trank einen Schluck daraus und dann nach einem Stapel Tarotkarten. Dann bereitete sie den Tisch vor.  

Ina legte die Karten drauf, kehrte dann kurz in den Wohnwagen zurück, um sich einen Tee zu machen. Victoria wusste natürlich, wie wichtig für Ina der Tee für die Wahrsagerei war und wie wenig Ina es leiden konnte, wenn man sie zur Eile zwang. Also wartete sie geduldig am Tisch. Aber nur dem Anschein nach. Innerlich konnte sie den Faden sehen, der wirklich zu reißen drohte. 

Ina taumelte mit der Tasse Grüntee zum Tisch, wobei das gelbliche Wasser über den Tassenrand schwappte und auf dem abgetretenen Erdboden kleine Flecke hinterließ. Sie setzte sich an den Tisch und schüttete einen großzügigen Schluck Wodka in die Tasse. Victoria verzog den Mund vor Ekel. „Was willst du wissen?“ Ina wirkte nun völlig klar. Sie war offen und strahlte förmlich, als würde ein Licht sie von innen beleuchten.  

„Ich muss wissen, was ich an dem Abend singen werde? Immer noch diesen widerwärtigen Jazz? Doch Opern? Musicals? Schlager?“ Die Aussprache des letzten Wortes war mehr ein Speien. Jazz und Schlager, diese beiden Musikrichtungen gehörten verboten. Da konnte Verena sagen, was sie wollte. An den Glanz der Oper kam so oder so keine andere Musik heran. 

„Diese fürchterliche Capra! Und dieser grausige Jazz. Meine Stimme und mein Talent sind für diese Musik gänzlich vergeudet. Diese Pute hat doch keine Ahnung von meiner Kunst!“, ereiferte sich Victoria. Doch sie wusste, dass Ina ihr schon nicht mehr zuhörte.  

Ina schob ihr nur die Karten zum Mischen hin, ohne ein Wort zu sagen. Der Blick ging leer an Victoria vorbei. Diese nahm nun auch einen Schluck Wodka – wofür war er sonst da? – und mischte. Dann gab sie Ina die Karten zurück. 

Ina legte das Alte Spiel, Victorias liebste Legeart. Doch irgendetwas stimmte hier nicht! 

„Sind das verschiedene Decks?“, fragte Victoria.  

Ina besah sich die Karten, die sie auf dem Tisch ausgebreitet hatte. „Ja, aber das macht nichts. Ich kann das schon deuten, keine Sorge.“ Dann verzog sie kurz das Gesicht, rieb sich die Augen und trank von dem Grünen-Tee-Wodka-Mischgetränk. 

„Und?“, fragte Victoria ungeduldig. „Was sagen die Karten?“ 

„Alles gut!“, rief Ina, schob die Karten zusammen und steckte sie in den übrigen Stapel. „Du musst jetzt gehen.“ Sie stand auf, packte die Karten zusammen und ging in den Wohnwagen. „Aber Ina -“ 

„Nein, alles gut“, sagte sie und drückte Victoria ihre Tasche in die Hände. „Alles gut.“ 

„Aber die Karten -“ 

„Du … ähm … du wirst protegiert nach deinem Auftritt. Weil du … äh … passend zu den ausgestellten Hüten … äh … verschiedene Musikrichtungen singen wirst … äh, ja. Du wirst sie mit deinem … äh … Talent begeistern. Ja.“  

Und damit knallte Ina die Türe vor Victorias Nase zu. .  

Wie geht die Geschichte weiter?

Lies gleich weiter und finde es heraus: Kapitel 36 – Ein Ritter ohne Rüstung

Was ist Auffällig Unauffällig“?

Neun gescheiterte Persönlichkeiten und ein Mord. Das ist die Ausgangsituation in diesem skurrilen Kriminalroman.

Alle neun Personen treffen an verschiedenen Punkten ihres Lebens zusammen. Alle werden vom Leben ausgepeitscht und scheitern auf so liebenswerte Weise, dass es fast schon auffällig ist. Die Szene-Bar Der Tempel ist ihr Treffpunkt und jeder verdächtig, den Mord an Tempelbesitzerin Verena Pfuhlmann begangen zu haben. Oder war es doch nur ein Unfall?

Auffällig Unauffällig ist ein Gemeinschaftsprojekt der Prosathek. Jede(r) Autor:in hat einen Charakter geschrieben. Victoria wurde von Ina Maschner verfasst.


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