Willi wills

von Martin Trappen

„Schon wieder eine Fünf. Das kannst du doch besser, Willi“, sagte Jessika. Sie waren seit einigen Monaten zusammen. Nur sahen sie sich selten. Trotzdem beruhigte ihre Stimme ihn immer, wenn er sie hörte.

„Ich weiß ja, ich weiß“, gab Willi zurück.

„Dann tu auch was dagegen. Und zwar nicht für mich, sondern für dich selbst“, meinte Jessika. Willi hatte die Schule tatsächlich schleifen lassen, musste er sich eingestehen. Inzwischen stand er in mehreren Fächern auf einer Fünf. In Mathe sah es für ihn besonders schlecht aus.

„Vielleicht sollte ich mit Raffael reden“, schlug Willi vor.

„Wer ist das?“, fragte Jessika.

„Der Beste in Mathe in meiner Klasse.“

„Dann kann er dir bestimmt helfen. Ich muss gehen. Versprich mir, dass du dir in der Schule wieder mehr Mühe gibst“, bat Jessika.

„Also gut, ich verspreche es.“

„Dann bis morgen“, sagte Jessika und verabschiedete sich mit einem Kuss auf Willis Wange. Sie erfuhr nie, dass sie wieder aneinander vorbeigeredet hatten.

„Wilhelm, wie wär’s mit dir?“, fragte Herr Gerdes.

Angestrengt löste Willi seinen Blick von dem Sitz zwei Reihen vor ihm und schaute an die Tafel. Dort standen deutlich mehr Zeichen und Zahlen als noch vor wenigen Minuten.

„Ich… “, stammelte Willi.

„Komm nach vorne und rechne mir diese Aufgabe vor.“ Willi war ratlos. Er kannte alle Formeln, die sie in der letzten Zeit durchgenommen hatten. Aber welche davon er hier anwenden sollte, wusste er nicht. Auf einmal sah Willi, wie Raffael ihm Zeichen gab. Er zwinkerte, nickte mit dem Kopf, hob eine Augenbraue, zeigte mit dem Finger. Aber Willi hatte keine Ahnung, was er ihm damit sagen wollte.

„Glaub nicht, ich bemerke das nicht, Raffael.“

Willi starrte völlig ratlos auf die Tafel. Er war nie ein Musterschüler gewesen, aber er hatte sich auf dem Gymnasium lange gut behaupten können. Es erschreckte ihn selbst, wie schnell sich das geändert hatte. Und daran war nur eine Sache schuld.

Die Pausenglocke erlöste Willi. Er setzte sich an seinen Tisch und schloss sein Mathe-Buch. Raffael kam zu ihm rüber. „Tut mir leid, Mann. Ich habe noch versucht dir zu helfen.“ Raffael war ein wenig größer als Willi, mit langem, schwarzem Haar, das er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er war ein Mathe-Genie, aber das war nicht der Grund, warum Willi so fasziniert von ihm war.

„Brauchst dich nicht zu entschuldigen.“

„Da steht die Formel, die du brauchst“, sagt Raffael und zeigte auf die Tafel. Willi vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Das kriegst du sicher hin“, sagte Raffael und legte eine Hand auf Willis Schulter.

„Du könntest mir da nicht vielleicht helfen?“, fragte Willi, bevor er wusste, was er sagte.

„Klar kann ich dir helfen. Heute Abend um 6 Uhr bei dir?“ Willi nickte. Raffael nahm sich seine Tasche und ging nach draußen. Willi tat sein Bestes, Raffaels Geruch, der noch in der Luft hing, zu vergessen.

Auf dem Pausenhof traf er Paul, seinen ältesten Freund. So gerne er ihn auch mochte, Paul machte Willi immer wieder Angst. Er war von Natur aus stark gebaut und mit einem sehr kurzen Geduldsfaden sowie einem aufbrausenden Temperament ausgestattet. Eine Kombination wie Nitro und Glycerin, dachte Willi sich heute noch.

„Na, auch schon da? Die Pause ist ja gleich schon wieder rum“, begrüßte ihn Paul.

„Ich habe mir noch schnell die neuen Formeln notiert“, antwortete Willi.

„Alter Streber“, meinte Paul.

„Und ich hab, Raffael gefragt, ob er mir nicht mit Lernen helfen kann“, fügte Willi hinzu.

„Alter, halt dich besser von dem fern. Ich hab gehört, der ist eine Schwuchtel“, sagte Paul.

„Was? Woher weißt du das?“, wollte Willi wissen.

„Erzählt man sich so“, erklärte Paul.

„Na das ist ja mal eine erdrückende Beweislage“, sagte Willi. „Und selbst wenn, was hat das schon zu bedeuten? Deswegen ist er trotzdem noch gut in Mathe.“

„Alter, wenn du Zeit mit dem verbringst, färbt das am Ende noch auf dich ab. Willst du auch zu einem von den lauwarmen Brüdern werden?“, fragte Paul.

„Natürlich“, flüsterte Willi?“

„Wie bitte?“, fragte Paul, beinahe schreiend.

„Natürlich nicht“, stammelte Willi.

„Das will ich aber auch hoffen“, sagte Paul, während die Schulglocke das Ende der Pause läutete. „Na gut, gehen wir rein. Wenigstens muss ich diese Mathe-Schwuchtel jetzt nicht mehr sehen.“ „Willi blieb wie angewurzelt stehen. „Was ist los?“, fragte Paul.

„Nichts“, log Willi und folgte seinem Schulfreund zurück in den Unterricht.

„Komm schon, Willi, jetzt hab ich’s dir so oft erklärt.“ Die Stimme war hypnotisierend, von seinem Anblick ganz zu schweigen: das lange Haar zurückgebunden, der konzentrierte Blick in den dunklen Augen, die Lippen fest zusammengepresst. Und sein Hemd war offen. Ein Unterhemd trug er nicht. Es war ein heißer Abend und die Luft von draußen brachte keine Abkühlung. Willi bemerkte die Hitze nur wegen der Schweißtropfen, die sich auf Raffaels nackter Brust sammelten.

„Es ist nicht die Theorie, die mir Schwierigkeiten macht, ich kann die Formeln nur nie auf eine konkrete Aufgabe anwenden“, erläuterte Willi.

„Dann musst du sie wieder und wieder durchrechnen“, sagte Raffael.

„Alles schon probiert. Ich werde einfach nicht besser“, meinte Willi.

„Dann schauen wir uns doch eine einmal genauer an. Aber zuerst“, Raffael stand auf und streckte sich, „machen wir eine Pause. Bei dieser Hitze schmelze ich allmählich weg.“ Raffael ging zu der Kühltasche, die er mitgebracht hatte, nahm zwei Dosen Cola raus und gab Willi eine. Raffael lehnte sich in seinem Stuhl zurück und Willi konnte nicht umhin, die Muskeln auf seiner Brust zu bemerken.

„Wie läuft es eigentlich mit dir und Jessika?“, wollte Raffael wissen.

„Naja, ganz gut eigentlich. Wir sehen uns so selten, weil sie immer beschäftigt ist.“

„Ja, die gibt wirklich Gas. Klassensprecherin, Schulsprecherin, Theater-AG, Schulchor, Schul-Big-Band, der Debattierclub. Ich meine, ich würde mich wirklich nicht als faul bezeichnen, aber sogar mir macht das Sorgen.“

„Kennt ihr beiden euch?“ Willi rieb sich das Kinn, wie immer, wenn er nervös war.

„Wir waren auf derselben Grundschule. Ich war eigentlich eine Klasse weiter, aber auf dem Gymnasium bin ich erst einmal sitzengeblieben und dann hat sie eine Klasse übersprungen.“ Während er erzählte, wanderte Willis Blick langsam Raffaels Brusthaar nach unten. Unter seiner Jeans verschwand die Straße aus Haaren.

„Also, zurück zu der Aufgabe.“ Raffael schob seinen Stuhl näher zu Willi hin und beugte sich über den Schreibtisch. Er roch so gut. Willi spürte, wie seine Jeans enger wurde. Er konnte nicht länger.

„Siehst du, diese Formel …“ Willi lehnte sich vor und küsste Raffael auf den Mund. Einen kurzen Moment lang, der eine Ewigkeit zu dauern schien, sahen sie nur einander in die Augen. Dann erwiderte Raffael Willis Kuss und legte seine Arme um ihn. In seinem Kopf gerieten alle seine Gedanken zu einem unfassbaren Chaos durcheinander: Komm, entspann dich– genieß es– dann ist es eben eine Männerzunge … fühlt sich gut an, oder? – was ist mit Jessika ? – bist du verrückt…?– das kannst du nicht machen– sollen denn die anderen denken…?

Raffaels Hand glitt über Willis Schritt. Er wehrte sich nicht, als Raffael den Reißverschluss öffnete. Seine Gedanken überschlugen sich. Genieße es – einfach als Experiment… Jessika – nie erfahren… keinen Weg zurück – kommt immer irgendwann raus. Mit sanftem Druck brachte Raffael Willi dazu, seine Beine weiter auseinander zu bewegen. Höre einfach auf… lass es geschehen – …spürst doch, dass du es willst… er es auch – macht Spaß, oder? – ganz einfach… einfach, wenn du es nicht schwieriger machst… nicht verkrampfen – locker, lass die Beine locker.

Raffael zog an Willis Jeans. Als ob jemand anderes seinen Körper kontrollierte, hob Willi seinen Hintern an, damit Raffael seine Hose ganz nach unten ziehen konnte. Seine Unterhose folgte und plötzlich stand er da, ganz entblößt.

Als Raffael zupackte, war ihm die warme Hand sehr angenehm. Langsam glitt sie auf und ab. Willi lehnte sich zurück, genoss die Berührung, spürte Raffaels Zunge an seinem–

Ein dumpfes Geräusch zu seiner Rechten ließ sie aufschrecken. Willis Herz erstarrte zu Eis, als er sah, wer in der Tür stand.

Jessika. Sie drehte sich ohne ein Wort um, lief die Treppe hinunter und aus dem Haus. Willi starrte in den Flur. Als er die Haustür zuknallen hörte, gaben Arme und Beine nach, und er musste sich auf die Ellbogen stützen. Er sah Raffael an, in dessen Gesicht Willi zum ersten Mal Scham und Reue sah. ‚Entschuldigung‘ schien sein Blick zu sagen, als er kopfschüttelnd aufstand, sich sein Hemd nahm und auch Willi mit einer Geste suggerierte, er solle sich wieder anziehen. Was gerade geschehen war, hatte Willi noch nicht ganz erreicht, als er sich Hose und Unterhose wieder anzog. Willi schlang seine Hände um die Knie und blickte Raffael an, der seine Jacke anzog, seinen Rucksack nahm und mit gesenktem Blick Willis Zimmer verließ. Als er Raffael auf dem Treppenabsatz verschwinden sah, vergrub Willi sein Gesicht in seinen Armen und fing zu weinen an, als ihn die Erkenntnis traf: Sein Glück war gerade zur Tür hinausgegangen.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. lydiawuensch sagt:

    Aber wer von beiden ist denn jetzt sein Glück gewesen?

    Gefällt 1 Person

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