Die Straße meiner Kindheit

von Sophia Thomsen

Meine Straße zieht sich von Süden nach Norden, fast vom Hauptbahnhof weg bis zur schönen weißen Josephskirche mit den grünen Dächern und dem Platz davor. Aber ich kann sie nur andersherum denken, immer von den großen Hausnummern bis runter zur Dachauer.

Die Straße hat ein nüchternes Gesicht. Gelbe und grüne Fassaden, schlichte Geländer und Tore zu Höfen mit Garagen. Die niedrigen Erdgeschosswohnungen auf Blickhöhe, mit Kakteen und zarten Gardinen vor der Nase, keine hohen Decken und nicht eine Front, die Eindruck macht. Nur an ein Häuschen erinnere ich mich, es steht zwischen einem Parkplatz und einer Hofeinfahrt, ohne Nachbarn, an die es sich anlehnen könnte – wie das letzte Kuchenstück in der Auslage eines Konditors. Ein Haus weiter gibt es ein Käsespezialitätengeschäft, da sind die Käsestücke auf der Theke so kunstvoll gestapelt, dass man die digitalen Anzeigen der Waagen nicht mehr sehen kann, und wenn wir vom Einkauf heimkommen, wiegt meine Mutter nach.

Meine zuverlässigen Füße tragen mich über Gehwegplatten, zwischen denen Zigarettenfilter klemmen, an den Vollmonden zertretener Kaugummis vorbei.

Wenn ich nach Norden laufe, in Richtung der Kirche, habe ich ein Paket in der Hand, das gebe ich in der Wäscherei ab. Die wird von einem Ehepaar geführt, beide mit üppigen, geföhnten Mähnen. Beiden blitzt das Lächeln aus den solariumgebräunten Gesichtern, während sie Wäsche annehmen oder nach der Nummer suchen und rausgeben. Heißer Baumwollgeruch hängt im Raum. Es gäbe in dieser Richtung auch noch eine Apotheke, einen Eduscho, einen Metzger, aber dort kaufen wir nicht ein, ich weiß auch nicht warum. Wir gehen immer in die andere Richtung, zu dem Metzger an der nächsten Querstraße, mit dem Ausgang zur Straßenecke hin. Dort bedienen in weißen Schürzen sorgfältig frisierte Frauen, auf dem Scheitel ist das kastanienrote Haar in Locken gelegt und seitlich ganz kurz gehalten. Eine rätselhafte Schwesternschaft, oder vielleicht Kolleginnen, die zum gleichen Friseur gehen. Sie sagen immer so schön Grüß Gott und reichen die Scheibe Gelbwurst über die Theke, manchmal hantieren sie auch im Nebenraum mit scharfen Messern und glänzenden Maschinen, richten geschickt den geschnittenen Schinken auf dem beschichteten Papier an und drehen Fleischstücke durch den Wolf.

Während ich gehe, nehme ich jeden Meter der Straße in mir auf, um sie später wieder abzurollen, immer von der Nummer 100 aus. In dem Netz aus Schritten, das ich über mein Viertel lege, ist dieser Weg der stärkste Faden.

Ich gehe am liebsten nach Süden, auf meiner Straßenseite. Dann komme ich zuerst an einem kleinen Lebensmittelladen vorbei. Dort packt die Inhaberin selber ein und wiegt ab, in spitze Papiertüten mit aufgedrucktem Obst und Gemüse. Meine Mutter streicht die Tüten glatt und lässt sie mich zurück bringen und die Verkäuferin lobt: eine sparsame Frau! Oft gehe ich noch weiter über die Querstraße zum ‚Borobudur Java’, sicherlich meine erste Begegnung mit dem Namen und wahrscheinlich mit dem Wunderbaren an sich. Hier riecht es nach Gewürzen und Sandelholz, man zwängt sich in einem dunklen Raum zwischen Regalen hindurch, die bis zur Decke mit Lebensmitteln und Küchengeräten gefüllt sind. In den Nebenraum führen einige Stufen hinauf. Dort befinden sich die Wunder der Welt – Räucherstäbchen und Schattenpuppen, chinesisches Porzellan und geschnitzte Elefanten und Papierfächer mit rotwangigen Mädchen drauf.

Als ich hinaustrete, die fremden Düfte noch in der Nase, bin ich fast bei der Stadtbücherei. Hier sitze ich an manchen dunklen Winternachmittagen und lese, stundenlang und vor allem Comics, oder große Sammlungen von Märchen und Sagen mit Bildern schrecklicher Drachen und weiß seit dem – nichts wärmt so sehr wie Bücher.

Beim Nähmaschinengeschäft an der Kreuzung wechsle ich die Straßenseite.

Da hat eine italienische Eisdiele eröffnet. Gleich am ersten Tag stehe ich mit meinem Kleingeld in der Schlange und warte geduldig. Viele andere Eisdielen werden öffnen und wieder schließen, aber diese bleibt. Nebenan in dem großzügigen Schreibwarenladen mit den Holzeinbauten gibt es einen Drehständer mit Groschenheften – hier lese ich die Geschichte von dem Bräutigam, der nie zu seiner Hochzeit erschien und dessen Auto Jahre später aus dem Fluss gefischt wurde, mitsamt dem Leichnam im schönen Anzug. Hastig, damit ich das Heft nicht kaufen muss.

Über die Kreuzung hinaus gehe ich selten.

Wenn ich mich doch weiter wage, dann ist mein Ziel das Geschäft mit den Posten und Partien, da gibt es angeschlagene Schmuckdosen aus Glas in Form von Schwänen und Mao-Mützen und alles, was man nicht braucht aber zutiefst begehrt. Ein Stück weiter dann das Geschäft mit dem zu Pyramiden gestapeltem Katzenfutter im Schaufenster und dem alten Mann, der nur im Halbdunkeln sitzen und nicht gestört werden möchte. Dann der Korbwarenladen mit dem Rattangeruch und dem schwankenden Gebirge aus Körben, Kisten und Stühlen und dem einzigen, ausgetreten Pfad bis zur Kasse, wo ein Mann mit blauem Kittel steht und das Pfandhaus mit den Kettchen im Schaufenster, das nach Unglück riecht.

Schließlich endet die Straße, der Asphalt bricht ab und darunter zeigt sich Kopfsteinpflaster. Und auf dem Pflaster liegen die Schienen, die sich bis hierher unter der Asphaltdecke durchgeträumt haben, als wären nicht Jahrzehnte vergangen, als würden immer noch Straßenbahnen funkenschlagend auf ihnen fahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.