Sparsam optimistisch

von Arina Molchan

Ich wollte ans Meer. Endlich wieder mal raus, in die salzige Sonne. Ich hatte mir letzten Oktober einen Bikini gekauft. Einen zwanzig Prozent reduzierten, auf den es nochmal zehn Prozent gab – wegen dem „Alles muss raus! Letzte Chance!“ Dann kam der Winter und der Frühling und keine Aussicht auf Urlaub – und so kam ich ins Freibad.

 

Obenrum passte der Bikini noch. Untenrum weniger. Das Gummi schnitt in meine Pobacken, machte aus ihnen drei  (zwei kleine rechts und links mit einem großen Poback in der Mitte). Über dem Bund drängte mein – in weiser Voraussicht schon vor Monaten angesetzter – Schwimmring nach außen. Den Bikini zog ich trotzdem an. Ich bin nämlich eine sparsame Optimistin.

 

Und so begab es sich, dass ich bauchnabeltief im übertrieben hellblauen Wasser stand. Es erinnerte mich an Glasreiniger und ich überdachte meine Lebensentscheidungen.

 

Ein bierbäuchiger Herr stand in knappen Speedos am Beckenrand, schaute wie ein alter Kapitän über die auf ein paar Quadratmeter geschrumpfte See und kratzte sich das ergraute Brusthaar. Ich bewegte mich grazil wie eine nasse Katze aus seinem Blickfeld.

 

Als sparsame Optimistin kaufe ich immer nur im Sale und immer nur das, was sozusagen passt. Ich besitze etwas Phantasie und die Gabe, mich völlig Illusionen hingeben zu können. Zum Beispiel, dass ich meine Schnäppchen regelmäßig tragen würde, weil sich meine Mitgliedschaft im Fit-For-Fun Club endlich auszahlt, auch wenn ich dort sehr mit der Zeit geize.

 

In der neuen Ecke roch es nach Käsesemmel und hübsch frisierten Jugendlichen, weshalb ich, sparsam optimistisch, erneut meinen Entspannungsort im Becken wechselte. Eine Badekappe warf mir einen empörten Blick zu und spitzte ihren Lippenstiftmund, weil ich in ihrer Bahn stand. Ein kleiner Junge mit gelben Schwimmflügeln kam aus der Wasserrutsche geflogen. Mein Gesicht wurde nass. Sein entzücktes Quietschen verschluckte sich und gurgelte, als die Rutsche einen älteren Jungen hinterherkotzte, genau auf dieselbe Stelle, an der die Schwimmflügel gelandet waren. Ich rieb mir die Augen und verschmierte die Wimperntusche. Na toll. Die Massagedrüsen gingen an und ich folgte leicht frustriert ihrem Ruf. Bleib sparsam optimistisch, sagte ich mir, es zahlt sich immer aus! Wenn du verheult aussiehst, lassen dich wenigstens alle in Ruhe.

 

Ich schloss die Augen, ließ mich durchkneten. Mein Poback machte Wellen. Stimmen tauschten sich leise über die Ungerechtigkeiten des Lebens aus. Ich lächelte sparsam optimistisch. Die Überlaufrille gurgelte laut. Ich sah nach. Sie war dabei, heimlich meine Haare zu verdauen. Ich erinnerte mich daran, warum ich eigentlich Freibäder hasste.

 

Halb schwamm, halb lief ich zur Mitte des Beckens. Der Kapitän in Speedos war weg, was mir verdächtig erschien. Ich schaute mich um. Meine Ferse juckte. Ich rieb sie mit den Zehen. Der Gedanke, ein Freibad sei quasi ein günstigeres Meer, war ein optimistischer Trugschluss gewesen. Wie der Kauf der goldenen Sandaletten. Die hatte es nur im Vorteilspack mit Hühneraugen und Blasen gegeben und ich hatte zugegriffen.

 

Das Pflaster löste sich von meiner Ferse und trieb an die Oberfläche. Eine leichte Strömung spülte es fort zu den gelben Schwimmflügeln. Ich glitt durch das Glasreinigerwasser, selbstbewusst wie eine Badekappe und war sparsam optimistisch, dass niemand das Pflaster bemerkt hatte. Nächstes Jahr sollte ich wirklich ans Meer. Da fällt so etwas wirklich nicht auf.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Lopadistory sagt:

    Herrliche Geschichte. Sehr amüsant und gut geschrieben. LGLore

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    1. Danke sehr! Es freut mich, dass sie unterhalten konnte 🙂

      Gefällt 1 Person

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