Schiffsarzt Dr. Braun

von Annika Kemmeter

Der Schiffsarzt der Santa Maria genehmigte sich einen Swimmingpool an der Bar. Eigentlich hatte er Grundsätze, z.B. kein Alkohol vor dem Feierabend, aber die warf er heute über Bord. Nicht, dass er ihn nötig hätte, den Alkohol, aber wenn man den ganzen Tag auf dem Schiff herumsaß und auf Patienten wartete, während alle anderen im Pool ihre Pina Coladas schlürften, war es schwer, an solchen Grundsätzen festzuhalten.
„Ach, Herr Doktor“, tönte hinter ihm die zittrige Stimme einer älteren Dame, „gesellen Sie sich heute mal zu Ihren Schäfchen?“
Ein Blick über seine Schulter offenbarte ein faltiges Gesicht umrahmt von einer lilafarbenen Badekappe. Die schmalen, runzligen Lippen waren kirschrot nachgezogen, die Augen versuchten verführerisch zu blitzen.
„Was macht der Ischias?“, fragte Dr. Braun und zwang sich, seine Beine um den Barhocker zu schwingen.
„Er ist besser, Herr Doktor, seit ich täglich in dieses Jakuza gehe.“
„Sehr schön.“ Dr. Braun sah sich um.
„Ich weiß nicht“, setzte die Alte die Unterhaltung fort, „ob vielleicht auch die Massage direkt damit zu tun hatte, aber die Hände von Marco sind ja einfach göttlich. Hatten Sie selbst schon mal eine Massage bei ihm?“
„Noch nicht. Da vorne winkt Ihnen jemand, sind Sie verabredet?“
„Nein. Wo denn?“
„Da vorne, hinter der Palme. Ein adretter Herr. Ist das Ihr Mann?“
„Ich bitte Sie, Herr Doktor, ich bin doch seit 14 Jahren Witwe.“
„Ach, natürlich.“
„Wo, haben Sie gesagt, winkt jemand?“
„Na dort, neben der Snack-Bar. Ich glaube, der wartet auf Sie.“
„Ich gehe mal nachsehen. Einen schönen Vormittag Ihnen noch, Herr Doktor.“
Dr. Braun sog an seinem Strohhalm. Der Cocktail war mittelmäßig. Er wurde von einem Studenten zubereitet, der während seiner Semesterferien auf der Santa Maria arbeitete. Wie hieß der eigentlich? Ihm fiel kein Name zu dem Gesicht ein. Der wahre Cocktailmeister, Stefan, kam erst um acht Uhr abends aus seiner Kabine. Frau von Köbnitz. So hieß die Alte. Hoffentlich kam sie nicht wieder, wenn sie niemanden hinter der Palme gefunden haben würde. Er trank den Cocktail aus, bevor die Eiswürfel zu schmelzen begannen und das wässrige Gesöff noch wässriger machten. Vielleicht konnte der Student Shots ja besser. Da konnte man eigentlich nichts falsch machen.
„Haben wir Shots?“, fragte er den Jungen.
„Ja, klar.“
Dr. Braun sah, wie er zögerte.
„Haben Sie heute einen freien Tag, Herr Braun?“
Dr. Braun verzog seinen Mund. „Was soll die blöde Frage? Bist du meine Mami oder was?“
„Also nicht?“
„Ich weiß nicht, was dich das angeht.“
„Ich habe die Aufgabe, darauf zu achten, dass hier nichts aus dem Ruder läuft.“
„Ohoho! Na dann: Heute ist mein freier Tag, Kumpel. Gut, dass du nachfragst. Also, ich nehme eine Hilde.“
Der Student bewegte sich nicht. „Haben Sie nicht ständige Rufbereitschaft?“
Dr. Braun schlug auf die Bar. „Eine Hilde, oder ich bestell dich zur Schiffscrewuntersuchung ein, inklusive Hämorridencheck!“
Der Student drehte sich um und kam mit zwei kleinen Gläsern zurück. Dr. Braun goss erst den Vodka, dann den Champagner in seinen Körper.
„Geht aufs Haus“, sagte er zu dem Jungen.
„Sie sind heute schlechter drauf als üblich.“
„Der Cocktail war echt Scheiße.“
„Schlechte Nachrichten von zu Hause?“
Dr. Braun schnaubte. „Und du bist Psychologiestudent, oder was?“
„Herr Braun. Wir sitzen doch beide hier fest. Mit den Witwen und den Tattergreisen. Meinen Sie, mir werden nicht den ganzen Tag feurige Blicke zugeworfen? Und haben Sie sich mal umgesehen? Alle trinken das gleiche: Pina Colada. Ich kann das Zeug nicht mehr riechen.“
„Kein Wunder, dass du keine Erfahrung mit dem Swimming Pool hast.“
„Ehrlich? Swimming Pool? Als Sie einen Cocktail bestellt haben, habe ich gehofft, sie bestellen mindestens einen Mai Tai. Ein Swimming Pool, das ist doch was für sechzehnjährige Mädchen.“
„Ich will mich ja nicht abschießen. Ich wollte mir eine schöne Pause gönnen. Danke, dass du sie mir versaust.“ Dr. Braun sah auf die Gläser in seinen Händen. „Ach, es ist wegen Jule!“, sagte er dann.
„Jule?“
„Ja, die Fitnesstrainerin hier.“
„Ich kenne Jule. Aber… ist die nicht zwanzig Jahre jünger als Sie?“
„Für wie alt hältst du mich denn?“ Dr. Braun richtete sich auf und versuchte im Sitzen auf dem Hocker seine Brustmuskeln anschwellen zu lassen.
„Mitte vierzig?“
„Ich bin 31!“
„Hm. Der Alkohol lässt sie älter aussehen.“
„Ha ha. Gib mir noch ’ne Hilde.“
„Die geht aber auf Sie.“ Der Junge stellte zwei neue Gläser vor den Arzt.
„Stimmt es?“, fragte Dr. Braun.
„Was? Dass sie so alt aussehen?“
„Dass Jule was mit Marco am Laufen hat.“
„Könnte sein. Er soll „göttliche Hände“ haben.“ Der Junge grinste schief.
„Weißt du, bei der Seminarwoche, bei der wir uns alle kennenlernen sollten, da habe ich Jule näher kennengelernt.“
„Tatsächlich?“
„Ja, es sah echt gut aus. Wir hatten echt Spaß und so und ich habe mich auf den Job hier gefreut. Und dann kamen wir an Bord und plötzlich tote Hose. Kalte Schulter. Frauen, oder?“ Er trank den Wodka und dann den Champagner. „Ist ne geile Kombi, solltest du mal probieren.“
Der Student zuckte die Schultern. „Ich bin im Dienst. Haben Sie versucht mit Jule zu reden? Hat sie was gesagt?“
„Ich lauf der doch nicht hinterher.“
„Ne, da besaufen Sie sich lieber.“ Beide schwiegen. Der Student spülte die geleerten Gläser. „Vielleicht hat sie auch jemanden zu Hause“, warf er ein.
„Quatsch!“
„Warum Quatsch? Kann doch sein?“
„Wenn sie deswegen Skrupel hätte, hätten wir nicht die ganze Woche durchgepoppt. Dann könnte es hier genauso weiterlaufen, wenn sie einen Trottel zu Hause hätte.“
„Entschuldigung, Herr Doktor“, störte jemand von der Seite. „Darf ich kurz stören? Meine Frau klagt über schreckliche Kopfschmerzen.“
„Sie soll mehr trinken! Tut mir Leid, mein Herr, aber wir sind gerade in einem vertraulichen Gespräch. Wenn Sie wollen, komme ich später mal auf ihr Zimmer, aber ich wette, sie braucht einfach mehr Flüssigkeit. Die Hitze und so.“ Er wartete, bis der übergewichtige Mann seine Zimmernummer auf eine Serviette geschrieben hatte. Allerdings hatte Dr. Braun nicht vor, hinzugehen. Er nahm an, dass er mittlerweile eine ganz schöne Fahne hatte.
„Vielleicht kannst du mal mit ihr reden, äh… wie heißt du nochmal?“
„Janis. Wir haben uns noch nicht vorgestellt. Während der Seminarwoche hatte ich Prüfungen. Und habe wohl ganz schön was verpasst.“
„Ja. Also kannst du mal mit ihr reden, Janis?“
„Klar. Aber nicht ertränken, wenn sie doch was mit einem anderen hat. Weder im Alkohol noch im Meer, versprochen?“
„Ich mich? Eher sie, dieses Flittchen. Wenn es denn so wäre.“
Janis nickte an Dr. Braun vorbei in Richtung Swimmingpool. „Noch eine Pina Colada?“, formte er stumm mit seinen Lippen und streckte seinen Daumen in die Luft.
Dr. Braun sah stumm zu, wie Janis eine weitere Pina Colada zubereitete. „Bin gleich wieder da“, sagte er zu Dr. Braun. Der nickte und drehte die beiden Gläser in der Hand. Er war echt in sie verliebt, stellte er fest. Sie war nicht nur sexy, sondern auch süß, bestimmt, lustig. Wäre er wirklich an Bord gegangen, wenn sie nicht dabei gewesen wäre? Es war eine Idee seiner besten Freundin gewesen, dass er mal aus seinem Loch kommen und was neues erleben musste. Ein Schrei. Dann stand Janis neben ihm. „Eine Frau ! Ohnmächtig im Pool!“, keuchte er. „Schnell, Herr Braun! Sie müssen sie retten!“
Dr. Braun war auf den Beinen und im Wasser. Kalt und nass. Das Wasser trüb, milchig, er sah nichts. Wo war die Frau? Er konnte sie nicht finden. Spitze Schreie. Seine Arztkleidung zog an ihm.
„Wo ist sie?“, rief er. Alle starrten ihn an. Ein Rettungsring wurde in den Pool geworfen. Er sah nach rechts, nach links, tauchte unter. Die trübe Sicht wurde klarer. Beine am Beckenrand, aber kein schwerer Körper im Wasser. Er kam hoch. Prustete. Am Beckenrand waren alle zurückgewichen. Auf seiner Augenhöhe erkannte er die Schuhe des Managers.
„Doktor Braun, kommen Sie bitte mit?“
Dr. Braun hiefte sich aus dem Wasser, die Hosenbeine klebten an seinen Schenkeln, eine Pfütze bildete sich unter ihm. Janis kam hinzu. Dr. Braun sah sich um. Hatte jemand anderes die Frau aus dem Wasser gefischt? Sie musste zu ihm gebracht werden.
„Wo ist die  Frau?“ Der Manager, dem Janis gerade etwas ins Ohr flüsterte, sah verständnislos zu Dr. Braun.
„Betrunken?“, wiederholte der Manager schließlich ungläubig. Bestürzung und dann Ekel in seinem Gesicht. „Doktor Braun“, zischte er, „in mein Büro!“
Janis klopfte ihm auf die Schulter und drückte ihm dabei etwas in die Hand. Doch Dr. Braun sah nur die Blicke der Gäste. Wie ein schiffsbrücher Flüchtling wurde er abgeführt. Er sagte nicht viel und hörte nur ein paar Worte. Suspendiert. Verantwortungslos. Rückflug. Peinlich.
Dabei tropfte das Wasser immer noch an ihm herab. Es roch nach Pina Colada. Und in seiner Hand hielt er eine Serviette. Sie war trocken. Darauf stand die Zimmernummer. Er sah etwas durchschimmern und drehte die Serviette um. „Gruß vom Trottel“ las er und ließ die Serviette sinken.

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