Wie du es liebst

von Annika Kemmeter

Marion stellte das Bügelbrett in die Abstellkammer. Das Klacken, als die Tür zufiel, war das einzige Geräusch im Haus. Sie sah sich um. Alles war perfekt. Sie ging nach oben in die ehemaligen Kinderzimmer. Jederzeit könnten ihre Tochter oder ihr Sohn nach Hause kommen und alles so vorfinden, wie damals, als sie noch hier gelebt hatten. Marion strich über das Kopfkissen. Sie beschloss die Pferdebettwäsche abzuziehen und sie gegen die mit den Bärchen und Luftballons auszutauschen. Es wurde jetzt kälter draußen, und die Bärchen waren flauschiger, wärmer.

Sie saß auf der Couch. Sie sah, dass ihr Mann seine Hausschuhe vor dem Sessel stehen gelassen hatte und räumte sie weg. Den Fernseher wollte sie nicht einschalten. Eine Weile hörte sie Radio. Dann knipste sie auch das aus und rief Jan an.
„Hallo Schatz, wie geht’s dir?“
„Gut.“
„Wie lange bleibst du heute auf der Arbeit?“
„Ach, so wie immer. Heute ist nix besonderes.“ Marion schwieg. Sie hatte das Gefühl, dass Jan nicht mit ihr reden konnte. Vielleicht war ein Kollege im Raum. Sie würde es später noch mal versuchen.
Draußen regnete es. Bei dem Wetter aß Jan gerne Hausmannskost. Braten. Knödel. Blaukraut. Sie zog sich warm an und ging einkaufen.
Zum Kochen band sie ihre Schürze um, legte eine CD auf und tanzte mit dem Knödelteig von der Arbeitsplatte zur Spüle und zum Ofen. „L is for the way you look at me“, buchstabierte Nat King Cole. Jan hatte ihr die CD zum Geburtstag geschenkt. Ihre Laune besserte sich.

Der Bräter war so weit abgekühlt, dass sie ihn anfassen konnte. Sie drapierte die Knödel um das saftige Fleisch und packte das Blaukraut in eine Tupperdose. Die Wetterbedingungen waren widrig. Die Lichter der entgegenkommenden Autos hingen in den Regentropfen, die Scheibenwischer verschmierten das Licht über die Windschutzscheibe. Beim Aussteigen überlegte Marion, ob sie klingeln oder einfach aufschließen sollte. Wenn sie die Tür selbst aufschloss, musste keiner extra aufstehen und sie hineinlassen.

„Jan?“, fragte Silvia.
„Nein, ich bin’s.“
„Oh, ich wusste nicht, dass du kommst.“ Silvia kam in den Flur. Sie hatte ein verkniffenes Gesicht, wie immer.
„Ist Jan noch gar nicht da? Das ist ja komisch.“ Ohne, dass Silvia sie hereingebeten hätte – wohl erzogen war sie wahrlich nicht – ging Marion in die Küche und stellte die Sachen ab. In einem Topf brodelte Wasser. Marion schaltete den Herd aus. Das Wasser brauchten sie ja nicht mehr. „Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Hast du ihn noch nicht angerufen?“
„Er wird auf der Arbeit sein.“ Nach einer Pause fügte Silvia hinzu. „Ich habe gerade Wasser gekocht.“
„Ja, aber das braucht ihr nicht. Ich habe euch einen Braten mit Knödeln und Blaukraut gekocht. Jan liebt das. Ich würde mir Sorgen machen… Jan hat mir gesagt, dass er heute pünktlich nach Hause kommt, weil es keine Besprechungen auf der Arbeit gibt. Ich rufe ihn an.“
Sie holte ihr Handy raus und wählte, als die Haustür aufging. Marion lachte erleichtert. „Da bist du ja, wir haben uns schon Sorgen gemacht!“ Sie umarmte ihren Sohn und gab ihm einen Kuss auf seine Wange. „Schau mal, ich habe euch einen Braten gemacht, mit Blaukraut und Knödeln, wie du es liebst.“
Jan blinzelte ungläubig. Marion lachte. „Danke Mama, heißt das. Na, ich will euch nicht länger stören, Papa kommt ja auch bald nach Hause“, sagte sie. Und mit verstellter Stimme fügte sie hinzu: „Und wenn dann kein Essen auf dem Tisch steht, gibt’s Ärger!“ Sie zwinkerte, lachte, winkte noch zum Abschied. Und leise schloss sie die Tür zwischen sich und dem jungen Glück.

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