Du bist wie ich

Sie hatte graublaue Augen, spitze Eckzähne und einen feinen Nasenring. Knallpinke, schulterlange Haare, die selbst von Weitem strohig aussahen. Als würden sie knistern und knacken, wenn man darüber strich. Mal knallte sie den Hörer aufs Telefon. Nölte: „So ne Flitzpiepe“.
Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie sie es zu mir sagte.

Zu wenig zu spät

von Annika Kemmeter Keiner machte, was er sollte. Statt glatt und geduldig auf dem Schreibtisch zu liegen, verbogen sich die Blätter zu Papierfliegern. Der Stift kullerte über die Tischplatte bis er ein erhelltes Plätzchen gefunden hatte. Dort reckte er seine Mine der Sonne entgegen, dass sie ihn austrockne. Der Tesafilmhalter öffnete sich und ließ die…

Der Ruf des Abenteuers

„Doch jetzt, wo ich sie so sah, wie sie verträumt auf die Wellen hinausblickte und so frei wie die Seemöwen zu sein schien, fragte ich mich, ob ich etwas verpasst hatte. Ob es wirklich so vernünftig war, ein vernünftiges Leben zu führen?“

Verheißung

von Verena Ullmann Leg dich auf den Schotterweg. Ist er breit genug für deine Ängste? Leute steigen über dich. Sie sehen die hohen Wellen nicht, hören nur die nächste S-Bahn kommen. Du überlegst wie jede Woche: Alte Freundschaft leuchtet leider und stellt die Reste in den Schatten. Ihr redet über Nichtigkeiten. Sagt „Meld dich mal“…

Sommermärchen

Über den Strand ausgebreitet lag eine Patchworklandschaft aus Badetüchern.
Sonnenstrahlen krochen über nackte Leiber, kitzelten Schnörkel aus schwarzer Tinte, schlüpften in Drachenmäuler und verweilten auf Lebensweisheiten.

Gleb im Wunderland

Gleb würde gerne einen Rückzieher machen. Aber wie? Er sieht nochmal nach oben, der Berg ist gar nicht so weit weg. Vom andern Ufer hängt eine Liane ins Wasser. Wenn er sie nur zu fassen bekäme. Aber wer weiß? Vielleicht schafft er es.

Die Nebenwirkung

von Annika Kemmeter Als Georg Samba eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Schwarze, muskulöse Stangenarme, zwei Paar; längere, ebenso muskulöse Stangenbeine. Ihm war, als habe er es vorausgeträumt. Gewiss war aber, dass er in diesem Augenblick wach war. Alles war real: Das Gefühl des…

Verschüttet

von Nina Lischke Die Luft ist staubig und dick. Ich bin eingepfercht, fühle mich wie ein Stück Holz, das in der Werkbank eingespannt wurde. Diese Schmerzen überall. Das letzte Mal fühlte ich mich so nach meinem Sturz aus dem 1. Stock, als meine Schwester und ich Madita nachgespielt hatten. Ich spüre das kleine Wesen in…