Märchen

von Sophia Thomsen

Viele Geschichten fangen so an:
In einem tiefen dunklen Wald.
Aber eine geht so:

„Ich kannte einmal eine Frau. Ich kannte einmal eine Frau, die hieß Ursula. Sie lebte am Waldrand und hatte ein Kind, das nicht sprach. Und eines Tages war sie verschwunden.“

Diese Geschichte erzählt Malte, an einem Tisch mit Leuten drum herum, in einem Gasthaus am Ende der Welt.

„Ich habe einmal im Norden gelebt, wo es nichts als Wälder und Seen gab. Nachts hörten wir das Heulen der Wölfe. Der Himmel war so klar wie das Wasser, in dem er sich spiegelte. Die Schatten waren schärfer als hier. Der Sommer war kurz und in das silbrige Licht des Winters getaucht. Man blickte weit über das magere Land.

Wir waren zu mehreren.

Gemeinsam haben wir Leben in ein verlassenes Dorf gebracht, Licht in die leeren Fenster, Gemüse in die überwucherten Gärten. Wir nagelten die Holzschindeln wieder auf die beschädigten Dächer. Wir waren frei und träumten.

Dort, wo der Wald anfing, lebte Ursula.

Zu Fuß war es zu weit. Ein holpriger Sandweg mit tief eingeprägten Spurrinnen führte zu ihr. Nach starken Regenfällen war er kaum zu bewältigen. Ich fuhr immer sehr langsam. Nach der letzten Biegung sah ich den Wald. Er erschien mir jedes Mal riesig. Die Baumkronen beugten sich und bäumten sich wieder auf, das Licht brach flirrend in den Blättern. Ein Meer aus Silber und Grün.
Und dann erblickte ich sie. Ursula arbeitete gebeugt im Garten oder hängte Wäsche auf. Manchmal hatte sie Blumen in der Hand und flocht einen Kranz für ihre Tochter. Oder sie stand nur da und blickte zum Waldrand. Und ihre Tochter Fee saß immer auf den Stufen vor dem Bauwagen und fing goldene Staubkörner, die in dem tiefen, klaren Licht tanzten.

Wenn ich kam, brachte ich etwas mit. Seife. Sonnenblumenöl. Nadel und Faden. Manchmal Kerzen. Die Kleine aber mochte Dinge, die glänzten. Was ich fand, schenkte ich ihr. Eine Glasperle, Kronenkorken, Bonbonpapier.

Wir saßen vor dem Bauwagen, tranken Bier aus Flaschen und unterhielten uns. Und Fee versuchte, die Sonne mit ihren kleinen Fingern zu greifen.

Es muss einer der letzten Sommertage gewesen sein. Ich war wiedergekommen, mit meinen Geschenken und Bier in Flaschen mit Bügelverschluss.
Ursula öffnete eine Flasche. Ein Netz aus Brandnarben zog sich über ihre linke Schulter, ein Andenken an früher. Wir sprachen. Ich hatte Pläne. Ursula erzählte von den Insekten im Garten und ihr Blick schweifte zum Waldrand.
Ich schenkte Fee Muscheln, durch die das Licht fiel wie durch Kinderohren.
Die Sonne stand tief und warf klar umrissene Schatten.
Fee ließ sie zwischen ihren Fingern rot hindurchleuchten. Dann griff sie nach ihr, mit Daumen und Zeigefinger, wie sie dort am Himmel stand, klein wie eine Münze.

Als es dämmerte, machte ich mich auf den Heimweg. Nur wenige hundert Meter vom Bauwagen entfernt glaubte ich, zwei Gestalten zu sehen. In dieser verlassenen Gegend stieß man nicht auf Menschen. Sie standen still im Gestrüpp und blickten zu mir her. Und als das Scheinwerferlicht über die reglosen Gesichter glitt und ihre Pupillen traf, blitzte bei beiden der Augenhintergrund kurz auf – bläulich, kalt und völlig leer. Im Rückspiegel verfolgte ich, wie mir beide gleichzeitig den Kopf nachwandten, in einer vollkommen synchronen Bewegung, wie Rehe am Straßenrand.

Vielleicht haben meine Hände ein wenig gezittert, als ich zu Hause ausstieg.

Ich beschloss, Ursula und ihre Tochter mitzunehmen, in meinem Wagen der nach Schafen roch. Ich hatte Freunde um mich herum, und ein Haus, in das es nicht mehr hineinregnete. Aber dazu kam es nicht.“

Stille senkt sich.
Staub setzt sich auf das geschnitzte Ochsengespann, das ein Fässlein zieht, in dem einmal echter Schnaps war, auf die Zuhörer und alle Dinge im Raum.
Eine Fliege umkreist die Lampe, an der ein Honigstreifen hängt. Sie hat sich noch nicht entschieden.
Zeit verrinnt.

Malte fährt fort.

„Bei uns im Dorf lebte ein Mann, Claudius. Er hatte einen Hund aus Spanien mitgebracht, ein kalbsgroßes Tier. Muskeln unter schwarzglänzendem Fell, die Pfoten breit wie Untertassen. Ein Gebiss, das Stuhlbeine hätte zersplittern können, aber dabei gutmütig und treu. Es gelang mir, Claudius den Hund abzuschwatzen. Ich weiß nicht mehr, was er für ihn wollte, aber es war viel.
Wenn Ursula schon nicht bei mir war, so sollte sie doch sicher sein.
Aber als der Hund verschwand, war sie noch verlassener als zuvor.

Und so fuhr ich wieder zu Ursula. Ich bog ab und sah, wie sich die Baumkronen vor mir auftürmten. Der Wind trieb sie vor sich her und drückte sie nieder, sie richteten sich auf und duckten sich erneut, in einer nie endenden Bewegung.
Wellen aus Licht und Laub. Und davor – winzig – ihre magere Gestalt.

Ursula erzählte von einer Erscheinung – vielleicht ein Traum, der sie bis in den Tag und weiter in die Abenddämmerung hinein verfolgt hatte. Am Waldrand hätte eine Frau gestanden, in Flammen. Sie hätte Ursula zugelächelt, und das Feuer erlöschen und auflodern lassen wie Morsezeichen. An, aus, an, aus.
Ursula schälte Äpfel aus ihrem Garten während ihr Kind in die Sonne starrte, die wie ein brennendes Loch am Himmel stand.

Dann deckte Fee ein Auge mit der flachen Kinderhand zu und wieder auf. Zu und auf. Zu und auf.
Als ich an diesem Tag von ihr wegfuhr, hatte ich kein gutes Gefühl. Das nächste Mal, sagte ich mir, würde ich beide mitnehmen.

Das Laub färbte sich, die Pappeln zitterten, Zweige schlugen im Wind aneinander. Die Wipfel senkten und reckten sich – eine Woge ging, die nächste kam.

Ich weiß nicht, ob ich sie gefragt habe. Mag sein, dass sie so etwas geantwortet hat, wie ‚Man muss nur die Menschen fürchten’, und Menschen gab es dort am Waldrand nicht.

Als ich das nächste Mal kam, kam mir Ursula ruhelos vor. Sie meinte in der Dämmerung gesehen zu haben, wie sich jemand vom Bauwagen entfernte, dem Wald zu, möglicherweise eine junge Frau. Sie schien etwas hochzuwerfen und wieder aufzufangen, immer wieder, einen Apfel aus dem Garten vielleicht. Fee saß vor dem Bauwagen. Auf einem karierten Tuch lagen ausgebreitet vor ihr glitzernde Kleinigkeiten, Flügel von Käfern, die ganze Pracht des Sommers.
‚Woher hast du das?’ fragte Ursula.

Die Lichtstrahlen wurden länger und kälter. Die Luft roch nach Schnee, die Bäume verloren ihr Laub. Fee hatte Geheimnisse. Wenn Ursula an ihr vorbeiging, versteckte sie beide Hände hinter dem Rücken, oder schob vorsichtig etwas unter den Oberschenkel und folgte dabei Ursula aufmerksam mit großen Augen. Einmal beobachtete Ursula durch das Fenster des Bauwagens, wie ihre Tochter ein kariertes Bündel zum Waldrand trug. Das alles erzählte Ursula mir, während ich Matten an den Außenwänden des Bauwagens befestigte.
In meinem Wagen war Platz genug für drei. Ich wollte Ursula und ihre Tochter zu den Menschen mitnehmen, aber vor den Menschen war Ursula geflohen und hatte Frieden am Waldrand gesucht. Die Zweige der Bäume ragten bloß in den Himmel. Bald würde Schnee fallen, dann würde ich nicht mehr durchkommen.

‚Das ist nicht mein erster Winter hier’, sagte Ursula, während ich die Ritzen abdichtete. Sie hatte die weiße Einsamkeit immer genossen. Aber ein Hund wäre doch wieder schön. Ich betrachtete ihr scharfes Profil. Damals hätte ich sie mitnehmen sollen und konnte es nicht.“

Schwankende Schatten tasten sich an Wänden entlang.
Die Fliege klebt.
Ein Frosch wird weggeräuspert.

„Als es taute, kam ich wieder. Der Waldrand war leer. Ich rief, und niemand antwortete. Ich öffnete die Tür des Bauwagens – Spinnweben und lebloser Staub. Die Wipfel schwiegen. Ich ging einige Schritte in Richtung Wald, rief wieder, keine Antwort. Bis zum Abend saß ich allein auf den Stufen. Als es dunkel wurde, fuhr ich.“

„Was ist aus ihr geworden?“ fragt einer der Männer am Tisch. Malte zuckt die Schultern.

„Irgendwer hat mal gesagt, man habe im Wald ein abgenagtes Schulterblatt gefunden.
Aber ich habe nie weiter nachgefragt.“

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Der Emil sagt:

    Was für eine Geschichte! Was für ein Text!

    Gefällt 2 Personen

    1. Sophia Thomsen sagt:

      Vielen Dank!

      Gefällt 1 Person

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