Schlaues Lesen

von Elias Vorpahl

Der Trainer teilte die Schablonen aus. Ich hatte einen Roman mitnehmen wollen. Emily Brontes „Sturmhöhe“ hatte ich schon auf dem Nachttisch bereitgelegt. 500 Seiten in Kleinschrift, für die ich bisher einfach nie Zeit hatte. Im letzten Moment hatte ich mich umentschieden. Belletristik… das ging einfach nicht. Ich hatte stattdessen zu irgendeinem der Skripte aus der Arbeit gegriffen. Rückgabebedingungen im Konzessionsvertrag, Sensitivitätsanalyse und Deckungsquote. Das ging.

„Wählen Sie die Schablone, mit der Sie am besten klarkommen. Ich habe Zwei- und Drei-Blickpunkt-Schablonen mitgebracht.“

Ich griff nach der Schablone, auf der drei vertikale Linien abgedruckt waren, und legte sie über den Text.

„Das Metronom ist auf 230 Wörter pro Minute eingestellt. Das ist schon eine ganz ordentliche Zahl. Später können Sie es steigern.“

Die Teilnehmer an den Schreibtischen neben mir verstummten. Ich konzentrierte mich auf die erste Linie.

„Und los!“

Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, Tack, …

Mit dem ersten Schlag sprang mein Auge zur zweiten Linie, verweilte dort für das Viertel einer Sekunde und sprang dann -tack- weiter, zur dritten Linie, dann -tack- in die nächste Zeile zur ersten Linie, zur -tack- zweiten Linie, zur -tack- dritten Linie, in die nächste Zeile.  Ich raste über den Text, Pronomen und Artikel verschwanden im Rausch. Es gab Leuchtturmwörter, die zwischendurch aufblitzten: GESAMTSCHULDNERISCH, STRESSSZENARIO, ÜBERDECKUNG. Ich ahnte den Text, hörte die Wörter aber nicht mehr in meinem Kopf. Es gab keine Zeit.

„Stopp!“

Der Trainer hatte das Metronom bereits ausgestellt. Mein Blick hackte immer noch über den Text.

„Hören Sie jetzt bitte auf zu lesen!“

Ich blickte auf. Der Trainer saß an seinem Tisch und schaute mich an. Im Eingangstest vor ein paar Wochen war ich mit 160 Wörtern pro Minute mit Abstand der langsamste Leser gewesen. Ich las mir Texte im Kopf laut vor, so wie man einem Kind Geschichten laut vorlas. Wort für Wort. Deshalb das Training. Ich war zu langsam.

„Herr Bauer, 230 Wörter pro Minute. Das entspricht bei Ihnen einer Leistungssteigerung von gut 43%. Ich weiß, dass Sie im Büro jeden Tag etwa vier Stunden lesend verbringen. Mit dieser Technik reduzieren Sie Ihre Lesezeit auf etwa 2,8 Stunden. Wie finden Sie das?“

Sein Anzug war zu weit. Er sah aus wie ein Junge, der im Jackett seines Vaters steckte. Unter den Augen zwei dunkelblaue Flecke, wie Stempelabdrücke, die ihm Schlaflosigkeit bescheinigten.

„Das ist prima.“

Er nickte. „Die so gewonnene Zeit können Sie nutzen, um pro Tag etwa 16,500 zusätzliche Wörter zu lesen.“

„Sehr schön.“

„Sie müssen weiter trainieren. Laden Sie sich die Smart Reading App auf Ihr Corporate Phone. Sie können da jeden Text einkopieren. Die Geschwindigkeit lässt sich einstellen. Die Wörter werden im Takt gehighlightet. Ich bin bei 290 Wörtern pro Minute. Da kommen Sie auch noch hin.“

„Ja.“

 

Ich trat aus der Dusche und zog mir den Pyjama über. Das Bett war angenehm weich, die Decke nur bis zur Hüfte hochgezogen. Ich griff nach dem 500 Seiten Roman und schlug Seite 56 auf. Die kleine Lampe auf dem Nachttisch spendete gerade genug Licht, um die Wörter noch sehen zu können. Ich legte die Schablone mit den drei vertikalen Linien über die Seite. Die Linien bildeten ein Gitter. Gefangene Wörter. Ich dachte an den Trainer. An den viel zu großen Anzug. Ich legte die Schablone zur Seite und fing an zu lesen:

„Mit der Zeit begann Mr. Earnshaw zu kränkeln. Er war stets rege und gesund gewesen, doch plötzlich verließen ihn seine Kräfte…“

Meine Lippen bewegten sich dabei leicht.

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