Die kleinen Dinge

von Victoria B.

„Schieb‘ deinen Hintern aus der Tonne, du Misthaufen!“ Der Ausruf wird von einem Tritt begleitet, der das Ding in Bewegung setzt. Unbeeindruckt kralle ich mich am Deckel fest, während die Tonne ins Rollen kommt. Die Schlaufe habe ich aus einer Mülltüte gefertigt und so in die Öffnungen eingefädelt, dass ich jederzeit von innen entscheiden kann, ob ich herauskommen möchte, oder nicht.

Der Typ, der mich so unhöflich geweckt hat, mag vielleicht der Besitzer der Tonne sein, aber die Macht hab‘ ich. Ich warte, bis die Tonne liegen bleibt, halte aber sicherheitshalber noch ein bisschen an der Schlaufe fest. „Geh mir aus der Sonne, du Penner!“, schreie ich. Kann ja sein, dass er mir nachgerannt ist. Nach ein paar Minuten schiebe ich den Deckel einen Spalt auf und schiele vorsichtig über den Tonnenrand. In meiner Schräglage sehe ich nicht mehr als Asphalt auf der einen, und den Himmel auf der anderen Seite. Die Welt ist grau auf Grau. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich die Sonne zuletzt gesehen habe. Vielleicht ist die Erde von ihrer Bahn abgekommen. Ja, so muss es sein. Und während wir uns immer weiter von ihr entfernen, verschluckt uns der Nebel und wir frieren komplett ein. Vielleicht ist es aber auch das Leben ohne Lichtschalter, das mir schon so lang vorkommt. Das Leben in ewiger Dämmerung. Ein Hupen reißt mich aus meinen Gedanken wieder zurück in die Tonne. Etwas rauscht an mir vorbei. Dann bekomme ich Panik, dass ich auf eine Straße gerollt bin, krieche schnell nach vorne und schiebe mich aus der Tonne. Ich habe die Fahrbahn knapp verfehlt. Auf allen Vieren bewege ich mich vorwärts, stehe dann auf und klopfe mir den Staub von der Hose. Als echter Minimalist habe ich eben nur diese eine und muss sie reinlich halten. Ich bin auf einer Art Parkplatz gelandet. Zwei Laster stehen neben einer Laderampe herum. Sonst ist nichts los. In kürzester Zeit habe ich zwei Ecken ausfindig gemacht, in die eine schwarze Restmülltonne gut passen könnte. Ich fahre sie um die Laster herum und stelle sie schließlich ab. Ich habe keine Ahnung, wo genau ich bin, aber bis zu dem Discount-Bäcker, der mir manchmal alle unverkauften Plundertaschen überlässt, finde ich sicher zu Fuß. Plötzlich höre ich Stimmen, die dem Laster näher kommen. Ruckartig ziehe ich mich zurück in die Tonne und schließe den Deckel über mir. Es sind zwei Kerle mit tiefen Stimmen und schweren Schritten, die nun den Laster öffnen. Ich lausche angestrengt aber kann kein Wort davon verstehen. Die sprechen doch russisch. Und zwar ganz schön aggressives Russisch. „Eh, tehwabschehkatakarmil?“ Was auch immer das heißen mag. „Tschovabschenenormalni?“ Der klingt jetzt aber wütend. Und er wird immer lauter. Ich schiebe den Deckel ein bisschen nach oben. 

In meinem dunklen Eck kann ich sie sehen, aber sie mich nicht. Hoffe ich. Was ich aus meinem Versteck erkennen kann, gefällt mir nämlich überhaupt nicht. Die beiden müssen Riesen sein! Sie sind sicher doppelt so groß und breit wie ich. Der eine hebt seine Hand, die eher eine Pranke ist. Damit könnte er meinen Kopf ohne große Anstrengungen von den Schultern wischen. Mir wird mulmig zumute und ich gehe etwas mehr in die Knie. Wenn die wüssten, dass ich hier in einer Tonne kauere und sehe, dass die beiden bedrohlich aufeinander zuwanken. Wie zwei Tanzbären ohne Dompteur und Peitsche. Ich kauere mich sofort zusammen und ziehe mit aller Kraft die Schlaufe nach unten. Höre nur noch die Geräusche von draußen. Es ist grauenhaft: Ihre Körper knacken, sie ächzen und geben dumpfe Laute von sich, als ob sie dabei über den Boden rollen würden. Ich habe das Gefühl, dass es nun schon ewig so geht. Tatsächlich bekomme ich langsam Hunger. Und zwar so einen Hunger, dass ich gedanklich abschweife und an die Plundertaschen denke, die ich normalerweise um diese Zeit abhole. Hoffentlich bleiben die beiden so laut, sonst verrät mich das Magenknurren. Warum bin ich nur hier und nicht da wo ich sein soll? Ich kaue auf meinen Lippen herum und klammere mich immer fester an die Schlaufe, jedes Mal wenn einer stöhnt oder grunzt. Irgendwann ist es vorbei und alles ist ruhig. Aber bis ich es wage, wieder aus der Tonne zu spitzeln, vergeht noch viel Zeit. Als ich die beiden Körper auf dem Boden liegen sehe, mache ich den Deckel schnell wieder zu und lasse noch einige Minuten verstreichen. Dann traue ich mich, etwas weiter über den Rand zu blicken und stütze mich sogar am Tonnenrand ab, um mich, geräuschlos wie eine Katze, auf den Boden gleiten zu lassen. Beide Riesen liegen bewegungslos auf dem Asphalt und geben zusammen einen ordentlichen Berg Fleisch ab. Ich trete aus der Ecke und immer noch regt sich nichts. Etwas näher herangeschlichen, stelle ich fest, dass der Laster noch offen steht. Langsam pirsche ich mich heran. Er ist bis oben voll gepackt mit Päckchen. Ich will es nicht drauf ankommen lassen, deshalb schnappe ich mir eines am vorderen Rand, sprinte zu meiner Tonne und lege es lautlos hinein. Jetzt muss ich nur noch das Ding wegfahren, ohne mich zu verraten. Ich rolle sie ein kleines Stück nach vorne. Weil das Päckchen in der Tonne hin und her schlittert, ist es noch schwieriger keinen Mucks zu machen. Ich stupse sie nur ein klein wenig, aber immer etwas weiter zur Straße. Auf einmal zuckt einer der Bären mit seiner Pranke und ich halte inne. Er schnarcht! Ich fahre die Tonne wieder ein bisschen weiter. Jetzt nur noch ein kleines Stück und ich habe es geschafft. Ich fühle mich wie ein Sieger, als ich die Tonne auf den Bordstein befördere. Jetzt bin ich nur noch ein Müllmann, der an einem Parkplatz vorbeiläuft. Der einen Chef hat, der ihn vermisst meldet, wenn er bei der Arbeit nicht mehr auftaucht. Gelassen schiebe ich die Tonne vor mir her, einfach immer gerade aus, bis ich mich wieder etwas besser auskenne. Bald bin ich bei dem Bäcker angekommen, der glücklicherweise noch offen hat und verschlinge drei Plundertaschen gleich vor dem Hintereingang. Der Bäcker sieht mich komisch an, aber kämpft dann mit einem Lächeln.

„Weißt’e eigentlich wie viel Uhr es is’?“, fragt er mich, weil er scheinbar selbst keine hat. „Nö“, sage ich und esse einfach weiter. Er zuckt die Schultern, sagt „N’Abend“ und geht wieder hinein, um seine Theke weiter zu putzen. Dann verschlinge ich das letzte Stückchen Gebäck und mache mich auf den Weg. Mittlerweile ist es völlig dunkel geworden und die Nacht hat sich über die Stadt gelegt. Nach einer Weile bin ich im Industriegebiet angekommen. Hier gibt es eine Parkgarage, die nachts verlassen und friedlich ist. Ich arbeite mich langsam vor und lasse die Tonne neben der Einfahrt des Betonklotzes stehen. Als ich das Packet aus der Tonne hole, wünsche ich mir nichts. Es ist nicht mal so, dass ich nervös bin. Ich reiße am Karton herum, der sich schnell öffnen lässt. Im Prinzip ist mir egal was drinnen ist. Aber was das jetzt sein soll? In der Verpackung liegen jede Menge Plastikpäckchen. Ich nehme eines, schüttle es und höre ein paar kleine Gegenstände aus Blech aneinander klappern. Mit den Händen geht das Ding nicht auf, also benutze ich die Zähne. Und was da aus der Verpackung fällt, sind ungefähr fünf Teelichter. Dümmlich grinsend beiße ich alle Päckchen auf und mache mir nacheinander die Hosen- und Jackentaschen voll. Ich werde kein Feuer suchen. Nein, ich werde darauf warten. Und wenn ich eines habe, werde ich jeden Abend ein paar Teelichter anzünden, bis sie alle weg sind. Vielleicht werde ich auch mal eines in der Tonne anmachen und sehen, wie sich das anfühlt, ein Licht ganz für mich alleine zu haben. So heimelig und beschützt, wie eine Dosensardine. Oder wie eine Schnecke in ihrem Häuschen. Doch, es sind die kleinen Dinge im Leben, die Freude machen.

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