Obdach

von Verena Ullmann

Fünf Tage lang hatte ich mich eingesperrt – oder ausgesperrt, wie man es sehen mag – und mein Leben auf zwölf Quadratmeter reduziert. Ich versprach mir von der gewonnenen Überschaubarkeit, ganz pragmatisch, eine Vereinfachung meines Lebens. Was für eine naive Idee, denke ich mir inzwischen. Damals dachte ich nicht viel. Ich wollte nur meine Ruhe. Keine Menschen, keine Pflichten, keine Ablenkung. Nur Schlaf und Vergessen. Fünf Tage lang schleppte mich der Hunger immer wieder über den Platz, der sich zwischen meinem Bett und meinem Kühlschrank erstreckte. Auf die über den Boden verteilten Brösel hätten sich die Tauben, die auf der Fensterbank lauerten, nur zu gern gestürzt. Gelegentlich zwängte mich meine Blase durch die von Holzschränken gesäumte Passage in mein Bad. Fünf Tage … das klingt nicht viel. Mir kam es vor wie fünf Jahre mit mir alleine. Mit mir und diesen vielen scheiß Gedanken, von denen ich hoffte, sie würden draußen bleiben, bei den Tauben auf der Fensterbank. Ich hätte sie erst ausgiebig durch die Glasscheibe betrachtet und schließlich angewidert verscheucht. Aber sie hafteten an mir wie Kaugummi an der Schuhsohle, den man – unter den Blicken irritierter Passanten – am Bordstein abkratzen will und doch nicht ganz loswird.

Am Morgen weckte mich nicht die ausgelaugte Melodie meiner Wecker-App, die ich für gewöhnlich noch im Halbschlaf abwürgte, sondern eine Bande von Geräuschen, die sich gewaltsam Zugang zu meinem Bett verschaffte: das Gurren der Tauben, das Geplapper und Geschrei der Schulkinder, die sich an der Haltestelle vorm Haus ansammelten, das Bimmeln der Tram und das Hupen der sich dahinter anstauenden Autos. Sie versuchten sich gegenseitig zu übertönen und mit kleinen Klappmessern durch mein vollgeschwitztes Kissen zu stechen, unter dem ich meinen Kopf vergraben hatte. Die Attacken zogen sich über den ganzen Tag. Und wenn sie spät abends verstummten, kam noch die Straßenreinigung vorbei und wirbelte Schallwellen auf, die sich an den Fensterscheiben brachen, bevor sie über mich hereinstürzten.

Auf zwölf Quadratmetern sieht man nicht viel. Vielleicht toben sich deshalb die Geräusche zwischen den immer gleichen Wänden aus. Den Wänden, zwischen denen ich Schutz suchte und die mich, ohne ihre kalte, weiße Miene zu verziehen, dem Lärm auslieferten. Ziemlich bald kam ich auf die Idee, mir angefeuchtete Taschentuchknäuel in meine Ohren zu stopfen. Damit zwang ich zunächst einen Großteil der städtischen Angreifer zum Rückzug, reduzierte den Raum jedoch noch weiter: es blieb ein auf einen Kubikmeter zusammengezogenes Häufchen Körper, zwischen dessen Hautwänden ganz eigene Geräusche aufbegehrten.

Das Zischen der Luft durch die Nasenlöcher, das Dröhnen des Blutes, das Knirschen der Gelenke, das Wummern des Herzens, das immer lauter und schneller wurde, je mehr ich mich darauf konzentrierte, bis ich schließlich dachte, es wird platzen, ja, in mir explodieren; die ganze tiefrote, heiße Soße wird sich in mir verteilen und schließlich werden schwarze Fliegen die Fensterscheibe verdunkeln; die Tauben würden sich nichts dabei denken, nein, aber die Leute nebenan würden es bald riechen, wenn ich durch die Matratze und den Lattenrost hindurch auf den Boden gesickert bin. Also nahm ich das Papier wieder aus den Ohren, kam auf die zwölf Quadratmeter zurück und begann zu weinen, weil ich der Stadt nicht entkam, weil ich mir selbst nicht entkam.

In den fünf Tagen bewegte ich mich nicht viel, ich aß nicht viel und einmal trank ich eine Flasche Wein, die ich mir aufgehoben hatte. Von meinem Bett aus prostete ich den Tauben zu und all den Leuten, die mich einmal kannten und die sich inzwischen vielleicht um mich sorgten, wenn sie mich nicht schon vergessen hatten, und trank die Flasche schlückchenweise aus. Wie erbärmlich selbstmitleidig, denke ich nun. Aber damals wollte ich nicht mehr denken. Ich wollte vergessen. Und wurde vergessen. Die Sonne schien durch die Fenster und brannte die Silhouetten der Möbel in meine Netzhaut ein. Ich schloss die Augen, sah den Mülleimer von gegenüber noch deutlich vor mir, verrückte ihn und alles um ihn herum, mit einer langsamen Drehung des Kopfes ein Stück nach links und wieder zurück. Beschwipst vom Wein, freute ich mich über das mühelose Möbelrücken, schloss und öffnete die Lider immer wieder, wobei die Gegenstände an den Wänden, ganz verwirrt von meinen Blicken, einen grellen Schatten bekamen und ich gar nicht mehr wusste, ob ich noch hier war.

Irgendwann fielen meine Augen zu und als ich aufwachte – ich glaube, es war der Morgen des sechsten Tages, oder einer des sechsten Jahres, wie man es sehen mag – waren die grellen Schatten sowie die Wirkung des Weines verflogen und das Bimmeln der Tram weckte meinen Durst. Nicht nur der Durst wollte mich aus dem Bett vertreiben, auch mein Rücken, der vom Liegen schmerzte, als hätte sich meine Matratze in eine Parkbank verwandelt. Meine Kopfhaut juckte und meine dünne Kleidung hatte sich in meinen Geruch eingehüllt. Ich fand einen Wasserhahn, ich fand eine Dusche und Kleidung, ich fand einen Rest trockenes Brot. Ich fühlte mich wieder lebendig, trat aus den zwölf Quadratmetern heraus und begrüßte die Stadt, die mich ohnehin nie ganz verlassen hatte, der ich so wenig entkam, wie mir selbst.

Ich ging an der Tramhaltestelle vorbei und erschrak, als ich das Bimmeln hörte, so laut und klar, so ganz ohne die dämpfende Federschicht meines Kissens. Ich sah den Schulkindern zu, wie sie sich durch die Tramtür drängten. Ich habe auch ein Kind. Es war nicht dabei. Es war beim Vater geblieben, als ich ihn verlassen hatte. Nicht bei mir, bei dem Körper, in dem es neun Monate gewohnt hatte. Unter meinem Herzwummern und meinem Magengluckern, zwischen meinem Blutrauschen und all den weiteren unerträglichen Geräuschen hatte es sich zusammengerollt, bis es ins Leben geworfen worden war, in die große, laute Stadt. Es hatte sich gleich an den geklammert, in dem es nie gefangen war. Es ist gewachsen, es fand sich zurecht, es hat mich vergessen. Ich habe es nicht vergessen und manchmal sprach es mit mir, schrie mich an. Seine einzelnen Worte stiegen aus meiner Erinnerung auf, formten sich in meinem Kopf und hallten dann zwischen allen Wänden wider, als hätte es vor mir gestanden und doch verstand ich nicht, was es mir sagen wollte. Was blieb war ein Geräusch, das so schmerzte wie kein anderes.

Von der Haltestelle aus beobachtete ich die Menschen durch die Autoscheiben, wie genervt sie blickten, wie sie schimpften über die haltende Tram. Ich erinnerte mich, wie ich früher in meinem Auto gesessen hatte, wie ich es – wie alle anderen in der Stadt – eilig gehabt hatte. Wie ich es eilig gehabt hatte, in die Arbeit zu kommen. Wie ich es eilig gehabt hatte, nach Hause zu kommen, weil ich noch woanders gewohnt hatte: auf fünfundneunzig Quadratmetern, die man solange mit Menschen teilt, die man liebt, bis sie einen nicht mehr lieben. Auf fünfundneunzig Quadratmetern wäre alles komplizierter, hatte ich geglaubt und war damit falsch gelegen, das weiß ich jetzt. Auf fünfundneunzig Quadratmetern sieht man so viel mehr als auf zwölf, und hört dabei so viel weniger. Zwar dringen die Worte nicht immer zu einem durch – Worte die wichtig wären – aber auch die Stadt dringt nicht zu einem durch, die Geräusche greifen einen nicht an, die Gedanken lassen einen in Frieden, die Erinnerung höhlt einen nicht aus. Ich war zu beschäftigt gewesen, ich hatte es immer eilig gehabt, weil ich davon überzeugt war, dass mein Leben kompliziert war und es die Stadt zu erobern galt: Ja, man geht nach draußen und hält sie besetzt, reserviert Plätze in Cafés und Restaurants, breitet sich im Park aus, parkt die Straßen zu, verstopft die Geschäfte und denkt nicht daran, dass die Stadt sich einmal rächen könnte, wenn man alleine ist.

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