Hinter der Tür

von Verena Ullmann

Wäsche aufhängen hat irgendwie etwas Meditatives, denke ich mir. Herausfischen, ausschütteln, aufhängen. Herausfischen, ausschütteln, aufhängen. Herausfischen … Der Türgriff geht nach unten und ich erschrecke mich kurz. Trotz zahlreicher Nachbarn, die ja laut Klingelschild inzwischen hier wohnen müssten, bin ich hier unten noch nie jemandem begegnet. Ich möchte schon freundlich grüßen, da sehe ich meinen Freund, der den Kopf zur Tür reinsteckt. „Kannst du mir bitte deinen Schlüssel geben? Ich muss mal was aus dem Keller holen und hab meinen vergessen.“ „Na klar.“ Ich werfe ihm mit der rechten Hand den Schlüssel zu, greife mit der linken nach einem Pullover, er sagt Danke und die Tür fällt wieder zu.

Keine fünf Minuten später bin ich selbst wieder auf dem Weg nach oben. Im Keller riecht es noch ganz neu, nach Farbe und Beton. Im Flur kriechen um diese Zeit schon vereinzelt leichte Essensgerüche durch die Gummidichtungen der massiven Wohnungstüren. Ich fahre mit dem Aufzug in das oberste Geschoss. Die Tür schiebt sich auf und ich laufe gegen eine stickige Hitzewand. Wenn es draußen 30 Grad hat, hat es hier drinnen 35. Das muss wohl an den ins Flachdach eingelassenen Glasscheiben liegen, durch die die Sonne hereinknallt. Jetzt noch eine Kleinigkeit essen, mich umziehen und dann zum Geburtstag meiner Tante fahren. Vielleicht hätten wir nicht so lange schlafen sollen, denke ich mir, taste nach der nichtvorhandenen Hosentasche meiner Leggings und schwenke den grünen Plastikwäschekorb, bis ich merke, dass mein Schlüssel ja schon in der Wohnung ist.

Ich drücke auf die Klingel, warte. Klingel noch zwei Mal hintereinander. Er hätte auch einen Schuh in die Tür klemmen können. Hm … hat er nicht drangedacht. Ich stelle den Wäschekorb ab. Langsam dämmert mir: Er wird vorm Computer sitzen, Kopfhörer auf, in ein Spiel vertieft, den Luftzug der dröhnenden Klimaanlage auf sich gerichtet, alle Türen verschlossen. Mist. Da hört er auch nie den Paketboten klingeln. Ich haue trotzdem noch ein paar Mal auf den quadratischen Schalter, in der Hoffnung, es dringt zu ihm durch. Biebiebiep. Drei Töne, absteigend, gleich lang. Biebiebiep. Unsere Klingel funktioniert einwandfrei. Biebiebiep. Und ist eigentlich auch ziemlich laut, stelle ich fest. Biebiebiep. Das muss man drinnen doch hören, wenn es draußen so deutlich ankommt! Biebiebiep. Ich klopfe. Mit den Knöcheln, zu leise, mit den Fäusten, auch nicht besser, und schließlich mit den ganzen Unterarmen gegen die Wohnungstür. Das tut auf Dauer alles gleich weh und bringt akustisch fast gar nichts. Ob man sie wohl aufbrechen könnte? Vielleicht, wenn man doppelt so viel wiegen würde wie ich. Ich schwitze schon vom bloßen Rumstehen. Von der absurden Klopfaktion noch mehr. Ich stelle den Wäschekorb an die Wand gegenüber, damit er durch den Türspion zu sehen ist, falls er doch glaubt, etwas gehört zu haben und nachsieht. Dann setzte ich mich hin, mit dem Rücken an die Tür gelehnt. Die Kokosmatte sticht durch meine Leggings. Ich hebe eine Ecke des Fußabtreters hoch, als könnte ein geheimer Ersatzschlüssel darunter liegen. Aber ist natürlich nicht so. Mit der rechten Hand erreiche ich auch sitzend noch bequem den Klingelschalter. Biebiebiep. Ich frage mich, wie oft ich schon geklingelt habe. Biebiebiep. Und wie lange ich überhaupt schon warte. Biebiebiep. Schwer zu sagen, ohne Uhr oder Handy. Biebiebiep. Wahrscheinlich warte ich noch gar nicht so lange, und es kommt mir nur so vor, weil es hier so unerträglich heiß und stickig ist. Biebiebiep. Meinem Freund ist ja noch nicht mal aufgefallen, dass ich nicht da bin. Also denkt er, ich hänge noch Wäsche auf und hat das mit dem Schlüssel ganz vergessen. Ich muss einfach ein bisschen Geduld haben, rede ich mir ein. Ich lasse meinen schwitzigen Arm nach unten sinken und beschließe, eine Minute zu warten. Ich starre auf meinen grünen Gefährten vor mir. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben … nein, ich zähle jetzt schon zu schnell, das sind keine Sekunden. Vielleicht sollte ich bis Hundert zählen und  nicht bis Sechzig. Im Kopf zählt man immer zu schnell. Ich beschließe rückwärts zu zählen, das lenkt vielleicht mehr ab. Neunundneunzig, Achtundneunzig, Siebenundneunzig, Sechsundneunzig … Das ist doch bescheuert! Was, wenn er genau in dieser Minute auf die Toilette geht und mich hören könnte und ich klingle nicht, sondern sitze da und zähle rückwärts! Biebiebiep. Biebiebiep. Ich hole noch einmal mit den Ellenbogen gegen die Tür aus. Au. Irgendwann muss mein Freund doch sein Zimmer verlassen, Hunger bekommen, in den Kühlschrank schauen. Er muss doch merken, dass ich nicht da bin. Das fällt doch auf, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung! Außerdem sind wir doch eingeladen heute Nachmittag … Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Geht die Klingel eigentlich nach Dreitausend Mal klingeln irgendwann kaputt, so wie eine alte Glühlampe nach x Stunden einfach durchbrennt? Biebiebiep. Hm … wahrscheinlich nicht. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Und wie wirkt sich das Dauerklingeln auf unsere Stromrechnung aus? Biebiebiep. Naja, so teuer kann das nicht sein. Biebiebiep. Biebiebiep.

Die Kokosmatte wird unbequem und mein rechter Arm etwas schwer. Ich stehe auf, drehe mich um und sehe den schweißnassen Abdruck meines Rückens an der weißen Tür. Mist, jetzt muss ich auch noch duschen, bevor wir fahren. Biebiebiep. Ich gehe ein paar Schritte auf und ab, schwinge meine Arme vor und zurück, durch die stehende Luft, als würde das irgendeine Erfrischung bringen. Was soll ich jetzt machen? Ich muss nachdenken. Es ist zu heiß, um nachzudenken. Verdammt, ich will da jetzt rein! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Schreien am liebsten. Aber das würde auch nichts bringen. Biebiebiep. Außer die Nachbarn erschrecken. Die Nachbarn! Zumindest einen davon haben wir schon kennengelernt. Gregor, unter uns. Vielleicht hat mein Freund sein Handy vor sich auf dem Schreibtisch liegen. Gregor hat seine Nummer!

Ich laufe ein Stockwerk nach unten und klingle. Biebiebiep. Der gleiche nervige Ton. Vielleicht isst er gerade zu Mittag. Biebiebiep. Biebiebiep. Nein. Keiner zu Hause. Vielleicht hört man die Klingel unten an der Haustür lauter, als die an der Wohnungstür, überlege ich, und gehe ganz nach unten. Die Temperatur sinkt wieder etwas und mir fällt auf, dass ich meinen sperrigen leeren Wäschekorb mit mir rumschleppe, als ob ihn oben jemand klauen könnte. Unten angekommen bleibe ich vorsichtshalber in der Tür stehen und greife nur mit einer Hand raus zur Klingel, bevor ich mich ganz aussperre. Das Papier der neu angebrachten Namensschilder ist noch ganz weiß. Ich klingle, tonlos, ein Mal … noch zwei Mal, und warte dann auf das erlösende Surren des Türöffners. Nichts … wieder nichts. Der Wäschekorb und ich gehen wieder nach oben. Ich könnte noch bei anderen Nachbarn klingeln und sie vom Mittagessen aufsprengen. Aber wozu? Ich weiß nicht einmal seine Handynummer auswendig. Und mein Handy liegt lautlos auf dem Nachttisch. Das bringt auch nichts. Ich setzte mich wieder auf die Kokosmatte. Biebiebiep. Biebiebiep. Mein Magen knurrt. Biebiebiep.  Wenigstens muss ich nicht aufs Klo. Biebiebiep. Noch nicht. Ich unterdrücke einen Schreikrampf. In diesem Moment kommt meine neue asiatische Nachbarin von schräg gegenüber die Treppe hoch. Sie trägt ein blau geringeltes Kleid und einen dazu passenden Sonnenhut.

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Mein Freund hat mich aus Versehen ausgesperrt. Und jetzt hört er die Klingel nicht!“

Gemeinsam beginnen wir zu überlegen. Kommen wir von außen irgendwie ans Fenster? Nein, weder von unten, noch von der Seite, außerdem hat er die Vorhänge zu. Liest er seine Emails? Unwahrscheinlich, wenn er zockt. Facebook? Hat er auch nicht offen. Mir fällt unser Festnetz-Telefon ein, das seit kurzem neben seinem Schreibtisch steht. Unsere Mütter, die bei jedem Handyanruf nach dreißig Sekunden panisch auflegen, als würde man ihnen sonst Fünfzig Euro vom Konto abbuchen, haben darauf bestanden. Ich versuche mich an die Nummer zu erinnern. Ich habe sie in mein Handy eingespeichert, an meine Mutter geschickt und dann nie wieder angesehen. 089 … dann eine zweistellige Zahl mit Sieben … 72 vielleicht? Oder 27. Und dann noch ganz einfach: 600 300. Oder 300 600. Jedenfalls haben wir eine ganz einfache Telefonnummer, die man sich leicht merken könnte, wenn man wüsste, dass man sie bräuchte. Die Nachbarin hält mir ihr Handy hin und nimmt ihren Hut ab. Ich tippe eine mögliche Variante ein.

„Kein Anschluss unter dieser Nummer.“

Wie peinlich. Ich tippe eine zweite ein.

„Heizung und Sanitär Mühlbauer, guten Tag!“ „Hallo, tut mir Leid! Ich glaube, ich hab mich verwählt!“

„Wenn Sie Probleme mit ihrer Heizung haben, sind Sie bei mir richtig!“

Tja, eher mit der Tür. „Nein, entschuldigen Sie, schönen Tag noch. Auf Wiederhören!“

Ich gebe meiner Nachbarin, auf deren Stirn sich inzwischen auch erste Schweißperlen sammeln, ihr Smartphone zurück und ärgere mich, dass ich unsere Telefonnummer nicht weiß. Ich tue ihr Leid und sie bietet mir einen Kaffee an. Aber ich will keinen. Und wenn ich jetzt in einer fremden Wohnung verschwinde, und mein Freund sich vielleicht doch irgendwann fragt, wo ich bleibe, findet er mich nie! Ich muss unbedingt im Flur bleiben.

„Ich wurde letztens auch von meinem Mann ausgesperrt“, erzählt sie mir, „auf die Dachterrasse“, sie deutet nach oben, „er dachte, ich würde mich sonnen. Erst als die Sonne unterging, hat er nach mir geschaut“, sie lacht.

Ich versuche auch zu lachen. In Anbetracht ihrer porzellanweißen Haut frage ich mich erstens, wie ihr Mann auf die Idee kommen konnte, sie wolle sich sonnen, und zweitens, wie sie das überlebt hat. Mir fällt ein, dass ich schon lange nicht mehr geklingelt habe, bedanke mich bei ihr für ihre Bemühungen und laufe noch einmal zu unserer Wohnungstür. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Keine Reaktion.

„Wenn Sie noch etwas brauchen, klingeln Sie!“, bietet Sie mir an.

Wahrscheinlich hört sich ihre Klingel genauso an. Biebiebiep. Biebiebiep. Ich stelle den Wäschekorb an die Wand und setzte mich wieder ihm gegenüber auf die Kokosmatte. Sie Sonne knallt durch die Glasscheiben in der Decke. Schick sieht das aus. Aber der Architekt hat weder an die Sommerhitze gedacht, noch an die Sauerstoffversorgung. Vielleicht ging er einfach nicht davon aus, dass sich jemand länger als nötig im Hausflur aufhalten könnte. Biebiebiep. Biebiebiep. Biebiebiep. Ich nehme mir vor, sämtliche Telefon- und Handynummern auswendig zu lernen, sobald ich mein Smartphone wieder in den Händen halte. Biebiebiep. Mir fällt auf, dass ich eigentlich nur die Festnetznummer meiner Eltern auswendig kenne. Biebiebiep. Warum ist mir das nicht früher eingefallen! Ich springe auf und bete, dass sie noch nicht bei meiner Tante sind. Biebiebiep. Die Klingel meiner Nachbarin überrascht mich nicht. Keine Reaktion. Biebiebiep. Was soll das jetzt? Hat sie keine Lust mir aufzumachen? Nein, sie wollte mir ja helfen. Wahrscheinlich duscht sie gerade. Oder isst. Auf der Dachterrasse und hört mich nicht. Obwohl, bei den Temperaturen? Sie muss ja da sein! Ich stelle mich auf eine kurze Wartezeit ein, stütze mich mit der Hand an ihrer Wohnungstür ab und erschrecke mich, als diese langsam nachgibt. Sie ist nur angelehnt gewesen.

„Hallo? Entschuldigung?“

Ich kann ja jetzt nicht einfach rein gehen. Aber wenn ich noch länger warte, erreiche ich meine Eltern nicht mehr.

„Hallo? Frau … äh Yin Li?“, lese ich den Namen vom Klingelschalter ab.

Niemand antwortet. Ich sollte jetzt einfach die Tür schließen und wieder gehen, denke ich und halte sie trotzdem einen Spalt offen. Biebiebiep. Nein, ich muss jetzt aufhören, die gute Frau zu terrorisieren. Aber warum ist es so still? Man müsste doch etwas hören, aus der Küche oder aus dem Bad. Vielleicht ist sie umgekippt. Wäre nicht verwunderlich, bei der Hitze.

„Hallo? Sind Sie da?“, rufe ich noch einmal hinein und öffne dabei langsam die Tür.

Oder sie macht gerade ein Nickerchen, na gut, machte … Ich trete in ihre Wohnung und fühle mich schlecht. Den Wäschekorb klemme ich in die Tür. Der Eingangsbereich ist minimalistisch und sehr geschmackvoll eingerichtet, wie ich es erwartet hatte. Zum Glück ist es viel kühler, als auf dem Gang und diese schwere Hitze fällt von mir ab. Die Tür zum Bad ist offen, das Licht ist aus. Ihre Wohnung ist etwas größer als unsere. Ich gehe zwei Schritte vor und schaue um die Ecke: Auch die Küche und das Wohnzimmer sind leer. Auf dem Sofa liegt der Hut, daneben das geringelte Kleid. Scheiße, ich kann doch hier nicht alleine in einer fremden Wohnung herumschleichen! Aber wo ist sie denn hin, das kann doch nicht sein! Ich sehe eine Glastür, dahinter Stufen. Hier muss es zur Dachterrasse gehen.

Ich öffne die Tür und rufe nach oben, um mich nicht wie eine Einbrecherin zu fühlen. „Hallo? Entschuldigung, sind sie da? Ich bin es noch mal …“

Es hilft nichts. Ich gehe die Stufen nach oben. Ich wollte sowieso schon lange wissen, wie es auf den Dachterrassen aussieht. Wir haben ja nur einen kleinen Balkon auf unserer Seite des Hauses. Auch die Glastür oben ist geschlossen. Ich trete nach draußen und liefere mich wieder der Hitze aus. Sitzmöbel aus Holz, eine dazu passende Liege, ein Sonnenschirm, drei Bäumchen in glasierten Keramiktöpfen. Aber keine Spur von der Nachbarin. Langsam zweifle ich an meinem Verstand. Ich beschließe wieder runter zu gehen. Raus aus dieser Wohnung, in der ich nichts verloren habe. Außerdem habe ich schon lange nicht mehr geklingelt. Vielleicht hört er mich ja jetzt.

„Sandra? Jonas?! Sandra!“ ertönt ein verzweifeltes Schreien von der Dachterrasse nebenan.

Ein Mann Mitte vierzig, in einem durchnässten, weißen T-Shirt dreht sich panisch um. Ist das nicht Herr Buchner, der letzten Monat neben uns eingezogen ist?

„Entschuldigen Sie!“ ruft er mir zu, mehrere Kleidungsstücke in den Händen, „Haben Sie meine Frau und meinen Sohn gesehen? Ich war nur kurz auf der Toilette und jetzt sind sie wie vom Erdboden verschluckt! Ich versteh das nicht!“

Ich muss an meinen Freund denken und die Panik des Nachbarn springt auf mich über. Ich versuche ihm zu antworten, aber bringe keinen Ton heraus. Mein ganzer Körper fängt an zu kribbeln. Das Letzte, was ich sehe, ist wie meine Leggings und mein Top auf den Boden fallen.

 

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