Im Café gegenüber …

von Lydia Wünsch

„Ich werd‘ verrückt, was für ein Zufall, dass ich Sie hier treffe! Na, alles gut bei Ihnen?“ Das junge Mädchen kam an Elisabeths Tisch und ließ sich auf den Platz gegenüber fallen. Neugierig beugte sie sich vor.

Man konnte nicht genau sagen, was Elisabeth bei dem Anblick der zerschlissenen Lederjacke und den leuchtend grünen Augen, die sie nun anstarrten, empfand, aber ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es eine Mischung aus Überraschung und Unglauben.

„Kennen Sie mich noch?“, fragte das Mädchen.

„Ich kann mich erinnern … ja … natürlich. Wie geht es dir denn?“, antwortete Elisabeth und versuchte zu lächeln.

„Ach, wie’s halt so geht.“ Das Mädchen zuckte mit den Achseln und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. „Im Moment bin ich auf der Suche nach ‘ner Wohnung. Und da ist mir doch glatt Ihr Aushang vor dem Café ins Auge gestochen. Ich dachte mir noch: Elisabeth Steininger, der Name kommt mir doch bekannt vor. Bei der hatte ich doch vor ein paar Tagen dieses Vorstellungsgespräch. Und dann gucke ich durchs Fenster und sehe Sie da sitzen und schreiben. Ich schreibe übrigens auch total gerne in Cafés. Ja, und da dachte ich, bewerbe ich mich doch gleich nochmal bei Ihnen. Diesmal eben für ein Zimmer und nicht für ’nen Job.“ Bei den letzten Worten fing sie an zu lachen und sah Elisabeth erwartungsvoll an.

„Ach.“ Mehr brachte Elisabeth nicht heraus. Statt sich um eine Antwort zu bemühen, nippte sie an ihrem lauwarmen Kaffee. Ihre Augen musterten das Mädchen argwöhnisch, fast so als wartete sie darauf, von ihr attackiert zu werden.

„Ja, also ich kann nicht viel zahlen“, fuhr das Mädchen fort. „Ehrlich gesagt gar nichts. Aber wenn ich dann meinen Roman geschrieben habe und die Tantiemen dafür bekomme, dann verspreche ich Ihnen, gebe ich auf jeden Fall was davon ab. Eine Hand wäscht schließlich die andere, oder? Wenn ich auch nicht mehr auf dieser blöden Luftmatratze schlafen muss, dann habe ich den Kopf frei, um diese Romansache so richtig anzugehen. Kann ich? Hab‘ den ganzen Tag noch nix gegessen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, griff das Mädchen nach einer Pommes Frites und schob sich diese in den Mund, dann verdrehte sie die Augen und gab ein genüssliches Stöhnen von sich. „Ein Traum! Ich liebe Pommes!“, rief sie aus, um gleich nach der nächsten zu greifen. Elisabeths Blick ging zwischen den Pommes Frites und dem Mädchen hin und her. Ihr Lächeln war mittlerweile gänzlich eingefroren. Doch das schien das Mädchen nicht weiter zu beunruhigen.

„Im Moment ist alles ein bisschen schwierig, wissen Sie“, sprach sie kauend weiter und tunkte eine Pommes nach der anderen in den Ketchup-Haufen, um sie danach in den Mund zu schieben. Mein Kumpel Martin hat ’ne echt kleine Bude. Als Student verdient er nicht so viel. Aber ein lieber Kerl ist er. Und immerhin nett, dass er sein kleines Zimmer mit mir teilt, aber ewig geht das natürlich nicht. Und bei meinem Freund kann ich auch nicht bleiben, weil wenn der sich ständig die Birne zukifft, bin ich immer so benebelt, dass ich kein gescheites Wort zu Papier bringe. Und dann muss ich auch noch ständig aufpassen, dass er mich nicht angrapscht. Das reißt mich zusätzlich aus meiner Konzentration heraus. Die ist ja eh nicht die beste, haben die Lehrer immer gesagt. Ihrer Meinung nach habe ich immer zu viel geträumt im Unterricht.“

„Und vom Thema abgeschweift bist du wohl auch häufig?“, fragte Elisabeth und zog die rechte Augenbraue hoch.

„Ja, woher wissen Sie das?“

„War nur so eine Vermutung. Übrigens muss ich dann auch bald los.“

„Ach, dann essen Sie das wohl nicht mehr?“, fragte das Mädchen mit Blick auf den Rest des Sandwichs, das neben den letzten drei Pommes Frites lag.

„Nur zu.“ Elisabeth schob ihr den Teller hin.

„Total nett von Ihnen“, sagte sie freudestrahlend, während sie auch schon nach dem Sandwich griff und hineinbiss. „Ich wusste gleich, dass Sie cool sind, schon als ich mich bei Ihnen für den Sekretärinnenjob vorgestellt habe. Ich bin Ihnen auch gar nicht böse, dass Sie mir den Job nicht gegeben haben. Ich arbeite jetzt im Cineplex an der Popcornmaschine. Das ist mal cool. Da kann ich jetzt immer gratis ins Kino und Popcorn essen, so viel ich will. Die Steffi, meine Arbeitskollegin, die auch mit mir zur Abendschule geht, hat mir den Job verschafft. Die ist mal eine, das sage ich Ihnen! Schon drei Mal durchs Abi gerasselt. Trotzdem gibt sie nicht auf. Also, ich wüsste nicht, ob ich das könnte. Wenn ich durchrasseln würde, wäre ich so down, dass ich wohl keinen Bock mehr hätte, darum muss ich es unbedingt auf Anhieb schaffen. Das Problem ist nur, dass ich immer so panisch werde, wenn‘s auf die Prüfungen zugeht. Dann zieht sich plötzlich alles in mir zusammen. Ich fange an, am ganzen Leib zu zittern. Und mein Hirn fühlt sich an, als wäre nur Matsch drin. Ich werde dann plötzlich auch ganz müde. Könnte mich auf der Stelle hinlegen und schlafen. Ohne Witz. Stellen Sie sich mal vor, was die Lehrer sagen würden, wenn ich auf einmal während der Prüfung einschlafen würde!“ Sie biss nochmal in ihr Brot und sah Elisa in die Augen.

„Nun, wenn ich du wäre, würde ich es nicht auf einen Versuch ankommen lassen“, war das Einzige, was Elisabeth dazu einfiel.

„Sie kennen solche Probleme sicher nicht, oder? Bei Ihnen zu Hause lief das bestimmt anders. Darum sind Sie bestimmt auch so eine tolle Geschäftsfrau geworden. Ich kenne solche Familien wie Ihre. Meine ehemals beste Freundin kommt auch aus so einer perfekten Familie. Da sind auch immer alle so unglaublich höflich zueinander. Schon allein das Ritual beim Essen war immer so ulkig. Stundenlang haben die sich erst mal bei der Mutter bedankt, weil sie ihnen ‘ne olle Suppe gekocht hat – ‘ne ganz normale Suppe! Wenn ich daran denke, was die Mama immer alles aufgetischt hat, bei uns zu Hause. Die konnte kochen und backen, das sagen ich Ihnen. Da werde ich im Leben nicht rankommen. Ihr Essen hatte immer das ganz gewisse Etwas. Wissen Sie, was ich meine?“

„Ja, das weiß ich sogar tatsächlich.“ Elisabeth schob dem Mädchen auch noch ihren Teller mit dem restlichen Kuchen hin.

„Ja, Mama ist die Beste. Wenn sie nicht verrückt geworden wäre, dann säße ich jetzt nicht so in der Scheiße. Die würde schon dafür sorgen, dass es mir gut geht. Das hat sie immer getan.“

„Da sind wohl alle Mütter gleich …“, antwortete Elisabeth nachdenklich und blickte zum Fenster hinaus.

„Wie war denn Ihre Mutter so?“

„Tut mir wirklich leid, …. äh …“

„Lisa“

„Ja, Lisa. Tut mir leid, das hatte ich vergessen, aber ich muss jetzt wirklich los.“ Elisabeth begann, sich nach der Kellnerin umzusehen.

„Oh, Mann! Ich mach mich nicht gerade gut in diesen Vorstellungsgesprächen. Seien Sie ehrlich: Versaue ich es schon wieder?“

„Nein, nein … ich meine: Du willst doch nicht ernsthaft bei mir einziehen, oder? Ich ging davon aus, dass das ein Scherz war.“

„Doch, darum erzähle ich Ihnen den ganzen Kram doch! Wissen Sie, ich brauche das Zimmer echt unbedingt. Damit ich dann mein Leben so richtig gut in den Griff bekommen kann. Ich habe nämlich echt vor, was aus mir zu machen.“

Elisabeth hatte die Kellnerin nun zu sich gewunken. „Na, wie ich sehe, hat es Ihnen geschmeckt“, sagte sie mit Blick auf die leeren Teller. „Das macht dann 29,95 Euro.“

Elisabeth bezahlte und begann, ihre Sachen zu packen. „Hör zu“, sagte sie, während sie hastig zusammenpackte. „Ich denke mal darüber nach und dann melde ich mich bei dir. Deine Nummer habe ich ja noch von den Bewerbungsunterlagen.“

„So wie Sie sich bei mir wegen des Jobs melden wollten?“ Das Mädchen sah Elisabeth nun vorwurfsvoll an.

Ein seltsamer Schauer fuhr ihr über den Rücken. „Ich verspreche dir, ich melde mich“, sagte Elisabeth und schaffte es, dem Mädchen dabei fest in die Augen zu sehen.

„Prima!“ Das Mädchen grinste und stand auf. „Na, dann wünsche ich noch einen schönen Tag.“ Sie machte etwas, das aussah wie ein Knicks, dann drehte sie sich leichtfüßig um und stolzierte aus dem Laden, als hätte sie gerade einen großen Sieg davongetragen.

Es war kalt, als Elisabeth kurz danach das Café verließ. Der Wind wehte das Herbstlaub auf. Fröstelnd zog sie ihren Mantel zu. Hoffentlich würde sie dieses Mädchen nicht wiedersehen, dachte Elisabeth mit Blick auf die Friedhofsmauern hinter denen ihre Mutter lag. Es reichte Elisabeth nur hinüberzublicken und schon kamen die Erinnerungen an ihre Kindheit wieder hoch. Darum war das Café gegenüber auch ihr Lieblingsplatz zum Schreiben geworden. Wie leicht war es hier, die Phantome der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen: Ihren Kumpel Martin, mit dem sie als Kind vor dem Haus in der ärmlichen Wohnsiedlung gespielt hatte. Und natürlich auch ihre heißgeliebte Mutter. Wie sie war, bevor der Wahnsinn ihren Geist erfasst hatte. Wie gut ihr Apfelkuchen immer gerochen hatte, Sonntagmorgens, wenn Elisabeth noch müde in die kleine Küche getapst kam und in das lachende Gesicht der Mutter sah. „Guten Morgen, Lisa“, hatte sie dann gesagt. „Hast du endlich ausgeschlafen?“

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