Was von dir bleibt

von Verena Ullmann

Ich gehe auf dem Friedhof spazieren, wie jede Woche, und versuche, Abschied von dir zu nehmen. Dein Name ist nach wie vor in meine Schädelplatte gemeißelt. Nicht mehr so tief, aber ich spüre ihn deutlich genug, wenn er fällt oder einfällt. Deine Fotos sind gelöscht, nicht endgültig, doch außer Reichweite archiviert, direkt an der Schmerzgrenze. Deine letzten beiden T-Shirts sind entsorgt. Der Duft, der sich darin verfangen hatte, schon lange verflogen. Nun leider auch die Erinnerung an das letzte Lächeln, das du mir geschenkt hast. Ich wühle danach, suche es in meinen Innereien, aber ich kann es nicht mehr finden. Ein Fortschritt vielleicht. Könnte ich nur mit dem Suchen aufhören.

Ich gehe auf dem Friedhof spazieren, jede Woche einmal, und versuche, Abschied von dir zu nehmen. Weil ich nicht erwartet hatte, dass du so schnell aus meinem Leben gerissen werden würdest. Dass du dich umdrehen und verschwinden würdest, ohne jemals wieder auf eine meiner Nachrichten zu antworten, deine Stimme durchs Telefon zu schicken oder lange Blicke von deinen Augen in meine. Mit jedem Schritt zwischen den Grabsteinen streue ich Erde auf deine Haut, bis du ganz und gar bedeckt bist. Ich hoffe, dass sich dein Fleisch schnell auflöst. Ich bete, dass glatte, saubere Knochen bleiben, die nicht mehr auf mir lasten, weil sie von jedem stammen könnten.

Ich gehe auf dem Friedhof spazieren, auch diese Woche, und versuche, Abschied von dir zu nehmen. Durch die unverrückbaren Steine sehe ich, wie jemand sein Fahrrad am Tor abstellt. Seine Haare sehen aus wie deine und ich wage mich keinen Schritt näher heran. Er steigt ab und geht auf ein Mädchen zu. Er greift nach ihren Händen und küsst sie genau so, wie du mich immer geküsst hast. Ein kurzer Blick zu mir – aus deinem Mund nicht ein Wort. Ich rette mich hinter das große Kreuz und rede mir ein, nicht an Geister zu glauben. Bis ich erkenne, dass ich nur mich selbst begraben habe. Denn da stehst du. So lebendig und unverschämt.

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