Der Duft

von Annika Kemmeter

Die neuen Untermieter waren für seinen Geschmack deutlich zu laut. Das Baby schrie zu jeglichen Tages- und Nachtzeiten und störte seinen Mittagsschlaf genauso wie seinen Nachtschlaf. Überhaupt hatte noch nie eine Familie in dieser Wohnung gelebt. Bei ihrem Einzug fragte er sich, ob sein bisher so angenehmes Leben durch dieses Ereignis einen Bruch bekommen würde.
Dann waren sie sich aber monatelang aus dem Weg gegangen. Weder die jungen Eltern noch die Kinder schienen überhaupt von ihm Notiz zu nehmen. Er gewöhnte sich daran, dass es bei ihm zu Hause immer laut war. Er war anpassungsfähig. Eines Tages würde die Familie wieder umziehen, oder die Kinder würden groß werden und den ganzen Tag ruhig vor ihren Computern sitzen wie die Alten. Solange würde er den Lärm und das Rumgetobe schon aushalten. Er war konfliktscheu. Das wusste er. Aber so war er schon immer gewesen und an sich wollte er nichts ändern. Lieber ertrug er die Unannehmlichkeiten, als einen offenen Kampf vom Zaun zu brechen.

Außerdem hatten die neuen Untermieter auch ihre guten Seiten. Sie kochten hervorragend und ließen stets etwas für ihn übrig. Besonders mochte er die fluffigen Dampfnudeln mit ihrer Salzkruste und das selbstgebackene Körnerbrot. Sie gingen drei Mal die Woche zum Markt und holten frisches Obst und Gemüse für die ganze Familie. Dass er sich daran bediente, schien ihnen nichts auszumachen. Außerdem liebten sie, anders als die alte Dame, mit der er vorher zusammengelebt hatte, die frische Luft genau wie er. Sie ließen die Fenster offen und auch die Balkontür, was vor allem eine Verbesserung für ihn darstellte, da er nun nach Belieben raus- und reingehen konnte.

Aber irgendwann musste es ja so weit kommen. Er hatte gedacht, sie hätten mal wieder das Radio angelassen, als sie das Haus verlassen hatten. Nie im Leben hätte er gedacht, dass die junge Mutter so lange regungslos im Schneidersitz auf der Couch rumlungern könnte. Im Nachhinein schalt er sich für seine Dummheit, denn natürlich war es nicht das Radio gewesen sondern irgendein Video auf ihrem Laptop, das er gehört hatte. Ahnungslos und unbedarft war er einfach durchs Wohnzimmer gelaufen, da hatte sie aufgeschrien. War auf die Couch gesprungen. Natürlich war er sofort wieder zurückgesaust, zurück unter die Couch, auf der sie stand, den Laptop in den Händen, doch da war schon alles zu spät. Wumm! Als erstes knallte sie die Wohnzimmertür zu, um ihn im Raum einzusperren. Trotz seiner Anspannung musste er darüber lachen. Als könnte er nicht unter der Tür hindurchschlüpfen!

Ihr Schrei hatte das Baby geweckt. Gedämpft hörte er es im Nachbarzimmer weinen. Die junge Mutter lief aus dem Zimmer – die Türschwelle ließ sie dabei nicht aus den Augen, bis die Tür wieder ins Schloss fiel. „Schhhh, schon gut, kleine Maus! Du glaubst es ja nicht, mein Schätzchen, da war gerade eine Maus! Im Wohnzimmer! Wo kommt denn die Maus her? Schhhhh, schon gut! Komm her! Eine Maus! Wir brauchen eine Mausefalle! Komm! Komm, Mäuschen, wir fahren gleich zum Baumarkt!“, drangen ihre leise Stimme zu seinen hervorragenden Ohren.
Nur um sich selbst zu beweisen, wie gut er sich gehalten hatte, kroch er unter der Wohnzimmertür hindurch und beobachtete vom Schuhregal aus, wie sie einhändig in ihre Schuhe schlüpfte und mit dem Baby das Haus verließ. Dann hüpfte er auf ihrem Ehebett herum und knabberte den Schmuseelefant des Babys an. Er rannte in die Küche und sah sich ein wenig im Schlaraffenland um. Nie räumte hier jemand das Essen weg. Er konnte sich gar nicht entscheiden: Ein Teller Gnocchi mit Tomatensoße, ein Korb voller Aprikosen, eine halbangenagte Banane, eine geöffnete Tüte Brot lag herum. Und in einer bauchigen Tasse stand wie immer lauwarmer Tee für ihn bereit. Die Mutter kam nie dazu, ihre Tassen auszutrinken. Vielleicht mochte sie aber auch selbst den bitteren Geschmack ihrer Grüntees nicht. Er entschied sich für drei Gnocchi und als Nachtisch etwas von der Banane. Wäre die Familie in der Lage, ihre Essensrumliegenlassgewohnheiten zu ändern, nur damit er nichts mehr davon aß? Wahrscheinlich nicht. Das einzige, worauf er also in der nächsten Zeit achten musste, war, nicht der Versuchung zu erliegen, ausgerechnet den Käse zu schnabulieren, den sie in die Falle legen würden.

Doch es kam anders. Sie kauften keine Falle, die sie mit Käse bestückten. Sie kauften, wie die Mutter ihrem Baby erklärte, eine Pheromonlebendfalle. Er hatte keine Ahnung, was das bedeutete, bis sie einen kleinen Aufkleber von der Falle abzog. Plötzlich breitete sich ein unglaublich anziehender Duft in der Wohnung aus. Die Falle stellten sie unter die Couch, in die Nähe seines Lochs. Sie roch wirklich ungeheuer verführerisch. Aber er war ja nicht blöd. „Mäuschen“, sagte die Frau. Sie meinte ihr Kind, nicht ihn. „Wenn die Maus in der Falle sitzt, bringen wir sie auf die andere Seite des Flusses und setzen sie dort aus.“ Er hatte aufmerksam die Ohren gespitzt, aber schon wieder musste er über ihre Dummheit lachen. Wenn die Menschen über den Fluss kamen, würde es ihm natürlich auch gelingen! Mal davon abgesehen, dass er nie in die Falle gehen würde. Das Problem mit der Falle war, dass sie so verlockend roch. Seine Nase war voll davon, der Geruch machte ihn ganz wirr im Kopf. Er konnte gar nicht mehr klar denken. Immer öfter zog es ihn zu dem Hinterhalt. Doch er war eine schlaue Maus, er wusste, dass kein aufreizendes Mäuschen in der Falle auf ihn wartete. Trotzdem! Der Duft benebelte seine Sinne. Irgendwann musste er doch verfliegen. Doch der Geruch verflog nicht und machte ihn immer wilder. Er rannte unter der Couch im Kreis. Er nagte Kabel an, was er sonst nie tat. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Eines Tages war der Drang hineinzugehen so groß, dass er einen Fuß hineinsetzte. Einmal die Nase an dem Duftstoff reiben, was würde das für ein unglaubliches Gefühl sein? Oh, wie das roch! ‚Gleich bin ich da, am Ziel, am Ende des Tunnels, am Duft, am Duft des Paradieses, am Duft des Universums.‘ Die Tasthaare an seiner Nase zitterten vor Erregung. Da knallte etwas von außen gegen die Falle. Er sprang auf, stieß sich an der niedrigen Decke den Kopf, kletterte zurück und sah Fredi. „Lass mich!“, rief dieser mit einer Inbrunst, die er von seinem Nachbarn nicht kannte. Fredi musste über den Balkon hereingekommen sein. Der Stoß gegen den Kopf hatte ihn selbst zurück in die Realität befördert. Das war eine Falle! „Geh nicht rein, Fredi!“, rief er, „das ist eine Falle!“ Klack! Da fiel das Tor zu und Fredi saß fest.

Als die Frau am nächsten Morgen aufwachte und nachsah, ob er ihr ins Netz gegangen war, lief sie erst mal aufgeregt im Kreis. Sie weckte ihren Mann, ihr Kind und später auch das Baby. Behutsam hoben sie Fredi in seiner Falle in die Höhe und lachten aufgeregt bei jedem Trippelschritt, den Fredi machte. Von da an kehrte die Normalität in seine Wohnung zurück. Fredi hat er nie wieder gesehen.

Bild: Jakub Kapusnak (http://magdeleine.co/photo-by-jakub-kapusnak-n-527/)

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