Montedino

von Martin Trappen

Als er aufwachte, war der Dinosaurier noch immer da. Das riesige Reptil drehte seinen Kopf in Johanns Richtung und schaute ihn aus müden Raubtieraugen an. „Morgen“, sagte Johann, da ihm nichts besseres einfiel. Ein dumpfes Murren schien Dinos Antwort zu sein, der sich gleich wieder umdrehte und seinen Kopf unter seinem massigen Leib vergrub. „Dino“ – er würde seinen neuen Freund – war er ein Freund? – anders nennen müssen, denn es klang viel zu freundlich. Und zu groß war der Dino für den Namen auch: Sein ganzes Zimmer nahm er ein, musste den Schwanz mehrmals um sich herum wickeln, um überhaupt zwischen Johanns Bett und seinen Schreibtisch zu passen. Das Tier hatte den Kopf eines Tyrannosaurus, allerdings vier gleich lange, muskulöse Beine, die allesamt in messerscharfen Klauen endeten. Dazu kam der Schwanz, der an den eines Langhals-Sauriers erinnerte und in starkem Kontrast zu dem kurzen, massigen Hals stand. Zu alledem war sein Rücken auch noch von schweren Knochenplatten bedeckt, wie bei einem Stegosaurus. Johann war, als wären alle seine Lieblings-Dinosaurier zusammengemischt worden.

Johann musste dringend pinkeln. Aber der Weg zur Tür war von 20 Tonnen Urzeit-Raubtier blockiert. Lange anhalten konnte er nicht mehr und zum Fenster raus klettern war auch keine Option; er musste es riskieren. Vorsichtig richtete er sich in seinem Bett auf, streifte die Bettdecke von sich und tastete mit einer Hand nach den Rückenschuppen des Dinos. Unter seinen Fingern fühlte sich die Oberfläche so scharfkantig an, dass Johann Angst hatte, er könnte sich verletzen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Dinosaurier etwas durch diese Panzerung hindurch spüren konnte. Er musste vorsichtig sein. Johann fasste etwas mehr Mut und legte seine andere Hand etwas höher auf den Schuppenpanzer. Probeweise stand er auf und stütze sich dabei auf den Dinosaurier – keine Reaktion. Johann nahm all seinen Mut zusammen; stemmte erst einen, dann beide Füße gegen den Schuppenberg und begann seinen Aufstieg. Langsam und mühselig kam er voran, denn er musste beim Klettern auf die scharfkantigen Schuppen achten.

Am Gipfel angekommen, hielt Johann sich an einer der Knochenplatten fest, die aus dem Rücken des Dinosauriers ragten. Er musste zwischen zwei dieser Platten hindurch, blieb aber, als er schon fast ganz auf der anderen Seite war, mit seinem linken Fuß hängen. Mit einem lauten Schrei wachte Dino auf; Johann war sich nicht sicher, ob die Riesenechse wütend oder nur erschrocken war, doch der Saurier stand auf, warf Johann wie einen lästigen Floh ab und brach mit einem lauten Krachen durch die Zimmerwand. Putz, Holz und Ziegelsteine fielen heraus, auch nachdem Dino ganz ins Freie hinausgetreten war. Johann sah Dino, der wie ein Hund schnüffelnd von Baum zu Baum ging, nur um dann an einer besonders dickstämmigen Eiche sein morgendliches Geschäft zu erledigen. Er hatte also den gleichen Plan wie ich, dachte Johann, als ihm sein Harndrang schlagartig wieder bewusst wurde und er ins Badezimmer stürmte.

Keine zehn Minuten später saß Johann mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester am Frühstückstisch. Sein Vater las wie immer die Zeitung, während ein Sprecher aus dem Radio im Hintergrund genau dieselben Nachrichten vorlas, die in der Zeitung standen. Mutter versuchte wie jeden Morgen vergeblich seine Schwester dazu zu bringen, ihren Möhrenbrei zu essen. Johann hatte sich geistesabwesend ein Brötchen aus dem Korb genommen, es aufgeschnitten und begonnen, es erst mit Butter, dann mit Marmelade zu bestreichen. Sein Blick war jedoch auf das Küchenfenster gerichtet; durch dieses konnte er in den Garten sehen, wo der Dinosaurier mit seinen Klauen bereits die Schaukel und die Rutsche aus dem Boden gerissen, mindestens drei Bäume entwurzelt und den Sandkasten zum Dino-Klo umfunktioniert hatte. Er war dabei erwartungsgemäß laut vorgegangen, doch außer Johann schien niemand am Tisch – oder in der Nachbarschaft – etwas bemerkt zu haben.

„Was ist, Hannes? Du siehst aus, als hättest du einen fliegenden Elefanten gesehen.“

„E-le-ant!“, rief Johanns kleine Schwester.

„Ja, das kannst du schon toll, mein Schatz“, lobte Mutter, „wie kam ich jetzt gleich auf Elefanten?“ Das Radio beantwortete die Frage. Ein Bericht über die Geburt eines Elefantenkalbs im Zoo ging gerade zu Ende. „Ach ja, das kam ja auch gestern Abend schon in den Nachrichten. Schon spannend, oder Hannes? Die größten Tiere, die heute noch an Land leben? Und ich weiß noch, als du kleiner warst, hast du Dumbo immer so gerne gemocht. Dein ganzes erstes Jahr auf der Grundschule wolltest du nie einen anderen Film sehen.“

„Nun bring den Jungen doch nicht wieder auf solche unnützen Gedanken, Margret. Über ein Jahr lang habe ich versucht, ihm was Vernünftiges beizubringen, da kommst du mit Dumbo an“, sagte Vater, stand auf und stellte das Radio ab.

„Ich bitte dich, Friedrich, er ist doch gerade elf. Da kann man immer noch Disney-Filme mögen.“

„Ja, natürlich, aber allmählich kommt unser Junge in ein Alter, in dem er sich mit der wirklichen Welt beschäftigen sollte. Politik zum Beispiel“, argumentierte Vater, immer noch neben dem Radio stehend.

„Lass ihm ein wenig Zeit und er wird ganz von selbst zu diesen Themen finden.“

„Da wär ich mir nicht so sicher. Und ich würde es gerne ein wenig beschleunigen.“

Mutter kam nicht zu einer Antwort, da sie in diesem Moment bemerkte, dass Johanns Schwester die mangelnde Aufsicht genutzt hatte, um den Brei großzügig über sich selbst und die umliegende Küche zu verteilen. Während Mutter einen Lappen holte und Vater sich noch einen Kaffee machte, sah Johann erneut aus dem Fenster: Der Dinosaurier hatte den Zaun eingeebnet und vom Geländewagen des Nachbarn einen Reifen abgerissen, den er wie ein Seehund auf der Nase balancierte. So lange er abgelenkt ist, dachte sich Johann, und sah, dass sein Vater auch aus dem Fenster blickte.

„Papa? Fällt dir da im Garten irgendwas Merkwürdiges auf?“

„Was meinst du?“, wollte Vater wissen, „Müllers haben wie immer ihre Hecken nicht geschnitten und der Zaun der Wagners steht nach all den Jahren immer noch schief. Aber das bin ich ja inzwischen gewohnt.“

„Geht’s dir wirklich gut, Hannes? Du bist schon seit gestern Abend so bleich“, fragte Mutter.

„Ja, alles Bestens, Mama.“

„Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen.“

„Und die Schule schwänzen?“, mischte sich Vater ein, „so weit kommt’s noch!“

„Ist denn ein bisschen Unterricht wichtiger als die Gesundheit unseres Sohnes?“

„Natürlich! Er hat noch ein ganzes Leben Zeit, gesund zu sein, aber erst muss er was Anständiges lernen.“

„Ist schon ok“, sagte Johann, „Wirklich, mir fehlt nichts.“ Er stand auf, trank seinen Orangensaft aus, stellte Teller und Glas in die Spülmaschine und ging aus der Küche. In seinem Zimmer fehlte immer noch eine Wand; im Garten lag Dino ruhig auf dem Bauch und kaute dabei auf dem Reifen herum wie ein Hund auf einem Knochen. Johann nahm Schulranzen und Jacke und ging durch das Loch in der Wand in den Garten. Als Dino ihn auf sich zukommen sah, sprang er freudig auf und stupste Johann den löchrigen Reifen schwanzwedelnd entgegen. Der Reifen schlitterte zum Glück nur ein paar Meter weit und kam kurz vor Johann zum Stehen; es fehlte nicht viel, und der Reifen hätte ihn unter sich begraben. In freudiger Erwartung beugte der Dinosaurier sich zu Johann hinunter und schleckte ihm einmal über das Gesicht.

„Oh nein, aus!“, rief Johann und der Dinosaurier hörte auf ihn. „Sitz“, sagte Johann laut und bestimmt; prompt saß Dino auf seinen Hinterbeinen. Merkwürdig, dachte Johann, im Schlafzimmer hab ich Angst gehabt, aber jetzt… „Als erstes brauchst du einen anderen Namen“, sagte Johann. Ein trauriges Jaulen entfuhr Dinos Kehle. „Wie, möchtest du denn keinen Namen?“ Mit einem fröhlichen Bellen – war es wirklich ein Bellen? – bestätigte Dino diesen Eindruck. „Aber vielleicht finde ich ja einen Namen, der dir gefällt? Wie wäre es mit…Rex?“ Dino war nicht begeistert. „Julius?“ Ein weiteres Nein. „Ponto“ Noch eine Absage. „Hm…Manfred?“ Ein heiteres Kläffen entschied die Namenwahl. „Also gut, dann machen wir uns auf den Weg.“ In freudiger Erwartung wuselte Manfred um Johann herum, schnüffelte an der dicken Eiche, die er als einzigen Baum im Garten hatte stehen lassen, und setzte noch eine Duftmarke an deren Rinde.

„Hannes! Hannes, warte!“ Mutter kam aus der Küche gelaufen. „Wie bist du denn hier rausgekommen, ohne dass einer von uns dich gesehen hat?“

„Ich war einfach leise“, meinte Johann.

„Naja, jedenfalls hast du dein Pausenbrot vergessen.“

„Oh, vielen Dank, Mama.“

„Keine Ursache, dafür ist eine Mutter ja da“, sagte sie augenzwinkernd, und drehte sich um zur Küche.

„Mama?“

„Ja, Schatz?“ Sie blieb stehen, Manfred ging von der Seite auf sie zu, schnüffelte an ihr, sodass sein Atem ihre Haare und Kleidung bewegte.

„Sieh mal, die Schneiders von gegenüber haben den normalen Müll statt dem Biomüll draußen stehen, am Ende haben sie den ganzen Müll noch eine Woche im Haus.“

„Mein Gott, du hast Recht, am besten, ich rufe Claudia gleich an. Du bist aber wirklich so ein aufmerksamer Spatz! Viel Spaß in der Schule!“ Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ging zurück in die Küche. Manfred spielte ungeduldig am Gartentor herum, brach es ab und wurde dadurch nur noch aufgebrachter. „Also gut“, sagte Johann, „wir gehen ja schon.“

Weit war es zum Glück nicht bis zur Schule, zu Fuß brauchte Johann normalerweise etwa zehn Minuten, heute dauerte der Weg doppelt so lang; andauernd musste er wegen Manfred anhalten, der an allem, an dem sie vorbeikamen, seinen Spaß hatte: Am Fußballplatz stürmte er auf das Feld, schnappte sich den Ball und kaute darauf herum – einer der Spieler zuckte mit den Schultern und nahm einen neuen Ball; an einem Hochspannungsmast wollte Manfred mit den Vögeln, die darauf saßen, spielen, verscheuchte sie dabei und zerriss die Stromkabel – die Autos fuhren weiter, obwohl die losen Enden der Kabel mitten auf der Straße lagen.

An der nächsten Ecke wartete Andi auf Johann. Die beiden trafen sich immer hier und gingen dann gemeinsam den Rest des Wegs zur Schule. Johann war später als sonst und erst hatte er auch geglaubt, dass Andi noch nicht da war. Doch dann sah er ihn: statt mit einem Buch in der Hand auf dem Mauersims zu sitzen, krabbelte Johanns Freund über den Rasen, sein Gesicht klebte beinahe am Boden. Im Augenwinkel sah Johann, wie Manfred mit seinen enormen Nüstern über die Grashalme schnupperte, achtetet jedoch für den Moment nicht weiter darauf.

„Was machst du denn da, Andi?“, fragte Johann.

„Wonach sieht’s denn aus?“, schnauzte Andi ihm entgegen.

„Sagst du ein paar Ameisen Guten Tag?“

„Spar dir die schlauen Sprüche, hilf mir lieber suchen, hab meine Brille verloren. So eindummer Zehntklässler hat mich angerempelt.“

„Weit kann sie ja nicht sein.“

„Ich hab schon den gesamten Rasen abgesucht, aber nix gefunden.“

„Hoffentlich ist keiner drauf getreten“, meinte Johann, als er Manfred auf sich zu stampfen sah. Erst wollte er sich zu Andi runterbeugen, um ihm zu helfen, sah dann aber plötzlich etwas in den Zähnen des Dinosauriers glitzern. Johann kraulte Manfred am Kinn und griff dann vorsichtig nach dem Gegenstand zwischen Dinos Reißzähnen; Johann hielt Andis Brille in der Hand.

„Suchst du die?“

„Meine Brille! Warum ist sie denn so nass?“

„Keine Ahnung“, log Johann, „wollen wir los?“

„Wenn du nicht so spät wärst, hätten wir es nicht so eilig.“

„Mach mal langsam, Andi, das war echt keine leichte Woche für mich.“

„Komisch, weil deine Woche die gleiche ist wie meine, und die war nicht anders als sonst auch.“

„Ja, für dich.“

„Kommst du jetzt wieder mit einer deiner faulen Ausreden? Was ist es diesmal? Hat der Dino wieder deinen Ranzen aufs Dach gesetzt?“

„Nein, er hat ein Loch in meine Zimmerwand geschlagen und den ganzen Garten umgegraben.“

„Hör nur auf, Johann! Warum kommst du mir seit Montag immer wieder mit diesen Fantasiegeschichten an?“

„Woher weißt du, dass das alles nicht wirklich passiert ist?“

„Wir sind zu alt dafür. Ich hab da keine Lust drauf.“

„Du hältst dich für so erwachsen…“

„Ja, bin ich auch. Statt deiner Kinderbücher solltest du mal richtige Romane lesen!“

„Zum Lesen braucht man auch Fantasie.“

„Da braucht man vor allem Geduld und Intelligenz. Von beidem könntest du mehr vertragen, Johann!“ Während Andi seinem Frust Luft machte, tänzelte Manfred hinter ihm über den Rasen, riss ganze Brocken Erde und Gras aus dem Boden und folgte dann mit seinem Blick einem Schmetterling, der sich auf einer Blume niederließ. Andi sah genau in diese Richtung.

„Fällt dir hier gar nichts auf?“, fragte Johann.

„Was soll mir auffallen?“

„Der kaputte Briefkasten dort drüben zum Beispiel. Der zerkaute Autoreifen da hinten. Oder der gigantische Dinosaurier der auf dem Rasen gerade einem Schmetterling hinterher jagt?“

„Jetzt reicht es, Johann!“

„Ich mach keine Witze, Andi. Alles was ich dir erzählt hab, hab ich wirklich gesehen! Und auch jetzt: da steht er doch, da! Der Dino hat grade den Schmetterling aus den Augen verloren und ist aus Frust auf das Auto gesprungen, dass unter ihm eingekracht ist. Du musst das doch gesehen haben!“

„Ich sehe da nix, Hannes!“

„Dann ist deine Brille kaputt!“, rief Johann und lief mit Tränen in den Augen weg von Andi, weg von der Straße, weg von den Häusern; er sah sich nicht um, fasste keinen klaren Gedanken, beachtete den Dinosaurier nicht, der neben ihm Straßenlampen, Verkehrsschilder und Ampeln zertrümmerte. Abrupt blieb er stehen; Johann fiel mit dem Oberkörper nach vorne und konnte nur armrudernd verhindern, dass er vornüber in den Abgrund stürzte. Woher dieser Abgrund plötzlich kam, wusste Johann nicht, er wusste nicht einmal, wo er war. Er kannte seine Heimatstadt in- und auswendig, er hatte auch schon oft die Gegend rund um die Stadt erkundet, aber an diesem Ort war er noch nie gewesen. Er stützte sich an einem Baumstamm, der nahe am Abgrund stand, und blickte in die Tiefe.

Dort ging es so weit hinunter, dass Johann allein von dem Anblick schwindelig wurde; er taumelte rückwärts und stieß gegen die Flanke von Manfred, der Johann beunruhigt ansah und seiner Sorge auch mit einem ängstlichen Jaulen Ausdruck verlieh. Johann war erstaunt. Hatte er wirklich Sorge in dem Tier gespürt? Der Dinosaurier war vor einigen Tagen unvermittelt aufgetaucht und war immer größer geworden. Nur bemerkte es niemand. Johann fürchtete um seinen Verstand. Kein Wunder, dass ihn alle fragten, ob es ihm gut ging. Nur keiner wollte eine ehrliche Antwort hören. Nein, es ging ihm nicht gut.

Johann sah zu dem schuppigen Riesen auf, der darauf bestand, ihm überallhin zu folgen. War es Treue? Zuneigung? Oder war es nicht eher eine Heimsuchung? Eine Erscheinung, die darauf aus war, ihm den Rest seines Verstandes zu rauben? War das alles real? Er musste es herausfinden.

Unter dem ständigen Blick Manfreds näherte sich Johann erneut der Klippe. Er sah den senkrechten Abhang hinunter Ein Aufprall aus dieser Höhe wäre tödlich. Mit diesem Gedanken hielt er erst einen Fuß über den Abgrund, dann den anderen. Er stieß sich ab. Im Fall spürte er den Wind, spürte die Geschwindigkeit. Es ist echt, dachte Johann, sein Herz rutschte ihm in die Hose. Immer lauter wurde der pfeifende Wind. Immer näher kam das Wasser. Es ist nicht echt! Es ist nicht echt! Es ist nicht echt. Er schloss seine Augen. Es ist nicht echt! Es ist nicht echt! Es ist echt! Es ist echt! Plötzlich hörte Johann ein ohrenbetäubendes Brüllen – Woher kam es? – bevor er ihn sah, spürte er schon einen schuppigen Körper. Und er spürte, wie er langsamer wurde. Johann öffnete seine Augen. Manfred krallte sich in die Felswand, fand aber keinen Halt. Johann sah unten das Wasser immer näher kommen, doch sie wurden immer langsamer. Es reicht nicht. Es reicht nicht. Es reicht nicht! Johann schloss die Augen. Den Tod erwartend, spürte er statt einem ewigen Nichts ein scharfes Stechen auf seiner Haut und Nässe auf seinem ganzen Körper. Als er die Augen öffnete, war er metertief unter Wasser und konnte die Sonne nur schwach erkennen. Panik ergriff ihn und er begann um sein Leben zu schwimmen; er kam viel zu langsam vorwärts. Er hatte kaum noch Luft und konnte nur noch panisch paddeln, als er erneut Manfreds schuppigen Körper unter sich spürte. Verzweifelt hielt Johann sich an den Rückenschuppen des Giganten fest und wurde so gerade noch rechtzeitig an die Wasseroberfläche gespült.

Den ersten Luftzug nahm er viel zu gierig; musste husten und Wasser ausspucken. Er lag auf Manfreds Rücken und der Dinosaurier drehte mit einem besorgten Blick seinen Kopf zu Johann. Der atmete schwer und schleppend, spürte aber, wie das Leben wieder in ihm pulsierte. Mit seiner Schnauze stupste Manfred vorsichtig Johann an. „Ja, ist ja gut, alles in Ordnung“, sagte Johann mit der beruhigendsten Stimme, die er hinbekam. „Alles gut, mein Freund“, wiederholte er, „alles gut.“ Manfred schien ihn verstanden zu haben, denn er hob seinen Kopf und ließ einen freudigen Schrei aus. Manfred brachte Johann an das Ufer des Sees, wo Johann wieder auf eigenen Beinen stehen konnte. Er wusste nicht wohin, doch Manfred schien die Richtung zu kennen. Johann vertraute ihm.

Schon nach ein paar Minuten Fußmarsch erkannte er die Straßen, Autos und Gebäude wieder. Er war an seiner Schule. Er sah niemanden sonst. Er verfolgte den Weg zurück zu sich nach Hause, kam an dem Fußballfeld, an den Strommasten vorbei. Hier hatte Manfred ein ziemliches Chaos angerichtet. Aber alle Kabel waren wieder heil, der Rasen auf dem Fußballfeld unangetastet. „Hattest du hier nicht alles verwüstet?“, fragte Johann Manfred, der nur mit einem unschuldigen Blick und einem unsicher klingenden Jaulen  antwortete. „Offenbar nicht.“ Johann fiel auf, dass die Sonne schon am Untergehen war. Er ging ein wenig schneller, Manfred trabte jetzt brav hinter Johann und machte keine Anstalten, seine Randale vom Vormittag zu wiederholen.

Als er Zuhause ankam, war auch hier alles unbeschädigt: Der Zaun der Wagners, die Hecken der Müllers, die Bäume im Garten seiner Eltern. Manfred stand freudig mit dem Schwanz wedelnd hinter ihm und schien für Johann kleiner geworden zu sein. Oder bildete er sich das nur ein? Er ging ins Haus und trat in die Küche, wo Mutter froh waren, ihren Sohn wiederzusehen.

„Wir hatten uns Sorgen gemacht, Hannes“, sagte Mutter.

„Nachdem auch Andi nicht wusste, wo du warst, waren wir wirklich beunruhigt“, meinte Vater und klang ehrlich besorgt. „Wo hast du denn den ganzen Tag gesteckt?“

„Nach der Schule hab ich ein wenig Zeit für mich gebraucht. Aber jetzt geht es mir wieder gut?“

„Bist du sicher, Spatz?“, fragte Mutter.

„Ja, Mama. Ich hab allerdings ganz schön Hunger.“ Schnell ging er in die Küche, machte sich ein Brot mit Leberwurst und aß es gierig auf. Mutter schüttete ihm ein Glas Apfelsaft aus und spülte das Geschirr vom Abendessen. Durch das Fenster sah Johann Manfred, der geduldig wartete und wieder ein wenig geschrumpft zu sein schien.

„Ich geh ins Bett, Mama“, sagte Johann, als er fertig war.

„Ist es nicht noch ein bisschen früh?“

„Ich bin einfach müde. War ein anstrengender Tag.“

„Also gut. Aber du bist dir auch ganz sicher, dass alles in Ordnung ist, Hannes?“

„Jetzt schon, Mama!“, rief Johann und ging auf sein Zimmer. Nachdem er sich die Zähne geputzt und seinen Schlafanzug angezogen hatte, legte er sich in sein Bett. Manfred stand vor seinem Fenster – die Wand war auch wieder ganz – und wartete fröhlich darauf, reingelassen zu werden. Johann erwartete, dass sich Manfred einfach seinen Weg frei schlagen würde, doch der Dino war wieder ein Stück kleiner geworden. Johann stand auf und öffnete das Fenster. Manfred sprang herein und ließ sich von Johann am Rücken kraulen. Der schuppige Freund und Wächter schnupperte am Teppich vor Johanns Bett, drehte sich ein paar Mal im Kreis, legte sich hin, schlang seinen Schwanz um sich, schloss die Augen und gab ein zufriedenes Knurren von sich. Beruhigt legte sich Johann wieder ins Bett und machte die Augen zu. Wenn er morgen aufwachte, würde der Dinosaurier immer noch da sein.

In Gedenken an: Augusto Monterroso (1921–2003).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s