Eine dieser Nächte

von Alexander Wachter

Es war eine dieser Nächte, die zu fröhlichen Grillabenden einlädt, zu tiefen Gesprächen auf der Terrasse, zu mäandernden Spaziergängen im Mondschein. Ben hatte sich diese Nacht nicht ohne Grund ausgesucht. Soll der Kerl nur den Abend genießen. Soll er sich nur in Sicherheit wiegen.

Seine Gedanken drehten sich um sich selbst, während er im Auto saß und wartete. Er handelte falsch – dennoch wollte er es tun. Es war seine Aufgabe. Kein anderer war dafür zuständig.

Die Straße, in der Ben geparkt hatte, war nun menschenleer, bewacht von großen Herrenhäusern. Einige davon hatten ihre besten Tage bereits hinter sich, andere erstrahlten in neu renoviertem Glanz. Ben nahm sich vor letzteren in Acht: Rot-blinkende Überwachungskameras beobachteten die Vorplätze.

Der Mann kündigte sich von Weitem an. Das Pfeifen drang unnatürlich laut durch die heruntergekurbelten Fenster in den Innenraum des Wagens. Dass dieser Scheißkerl immer pfeifen muss. Von der Beifahrerseite griff Ben sich den Schlagring und streifte ihn über. Er sah auf das Messer. Nach kurzem Zögern nahm er auch das mit. Sicher ist sicher.

Er wartete den richtigen Moment ab, dann stieg er aus dem Wagen, dem Mann hinterher. Dieser drehte sich beim Geräusch von Bens Schritten um, spannte beunruhigt die Schultern an. Ben grinste. Er wusste, welchen Eindruck er mit seiner imposanten Größe, seinem glatt rasiertem Kopf und der Lederjacke machte. Der Mann beschleunigte seinen Gang. Nutzlos, du Bastard. Ben passte seine Geschwindigkeit an. Er musste den richtigen Moment abwarten. Zu früh oder zu spät, und eine Überwachungskamera erwischte ihn.

Der Mann stolperte dabei beinahe über seine eigenen Füße. Der bricht gleich in Panik aus. Wenn Ben noch länger wartete, entwischte er. Scheiß drauf. Ben sprintete los. Der Mann hörte die lauter werdenden Schritte, rannte zu spät los.

Ben erreicht den Mann, er spürte, wie das T-Shirt riss, als er ihn am Nacken zurückhielt. Der Mann keuchte und griff nach der Hand, die ihn gepackt hatte. Nutzlos. Mit der Schlagringhand zielte Ben auf die Stelle über seinem Ohr. Der Mann ging ohne ein Wort zu Boden. Sein Gesicht rieb über den Asphalt.

Ben sah sich um, horchte. Stille. Das Haus, vor dem er gerade stand, sah modrig und verlassen aus. Sehr gut. Er packte den Mann an den Beinen und zog ihn näher an die Hecke heran. Der Mann keuchte und hielt sich den Kopf. Das Blut der Platzwunde schimmerte schwarz zwischen seinen Händen. »Bitte«, brachte er mühselig hervor. Ben kickte ihm in die Rippen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal, siebenmal, achtmal, neunmal – dann schmerzte ihm der Fuß.

Er setzte sich neben den Mann auf den Boden, verschnaufte. »Du elender Scheißkerl.« Ben sah auf seine Hände, die zitterten. »Du hast kein Recht, ‚Bitte‘ zu sagen. Nicht nach dem, was ihr Felix angetan habt. Du hast es ihm versprochen.«

Ben meinte, eine Art Erkenntnis in dem verzerrten Gesicht des Mannes zu sehen – aber er machte sich wenig Illusionen. Höchstwahrscheinlich hörte er gerade nur seinen eigenen Herzschlag in seinen Ohren, spürte den Schmerz in Schüben durch seinen Körper rollen. »Dir Scheißkerl geht’s noch viel zu gut.« Er zog sein Messer aus dem Hosenbund, packte den Mann an den Haaren, hielt es ihm vor das Gesicht. »Weißt du, was richtige Schmerzen sind?« Der Mann wimmerte, sein Körper bebte. »Sag schon! Weißt du’s, du lügender Scheißkerl?« Der Mann brabbelte unverständliches Zeug. »Nein, das weißt du nicht.« Ben ließ angewidert von ihm ab.

Er steckte das Messer weg und stand auf. Er sah zu dem Häufchen Elend am Boden. »Ich hoffe für dich, dass du es nie herausfindest.« Er wandte sich zum Gehen. Den Mann ließ er allein zurück.

***

»Ey, wo fährst du hin? Du hättest da vorne links müssen.« Felix sah zu Ben hinüber, der unentwegt geradeaus fuhr. Er grinste ihn an. »Alter, Ben, wohin fährst du?«

»Lass dich überraschen.«

»Jetzt komm schon. Sag’s!«

Ben blieb unnachgiebig. Er stellte das Radio lauter, so dass es Felix‘ Fragen übertönte. Er folgte der spärlich beleuchteten Hauptstraße, bog auf einen Feldweg, der sie zum See bringen würde. Als sie das Seeufer erspähten, stellte Ben das Radio wieder leiser. »Weißt du jetzt, wo’s hingeht?«, fragte er.

»Alter, kein Plan. Willst Nachtbaden gehen oder was?« Felix sah nicht begeistert aus.

»Vielleicht.« Er lachte lauthals, als Felix die Augen verdrehte. »Es wird dir gefallen. Ich versprech‘ es dir.«

Das Auto bog auf einen Parkplatz ein. Außer ihnen stand ein alter Anhänger da, dessen verrostete Karosserie aussah, als wäre er seit Jahren nicht mehr bewegt worden.

»Du weißt schon, dass das Freibad nachts zu ist?«, fragte Felix.

»Ja, das weiß ich.« Ben parkte das Auto vor der Mauer, die das Freibadgelände umschloss. »Es gibt auch andere Wege.« Er grinste und stieg aus.

Aus dem Kofferraum holte Ben eine zusammengeklappte Leiter heraus und trug sie zur Mauer. In wenigen Handgriffen war die Leiter ausgefahren und im richtigen Winkel aufgestellt. Er lief zurück zum Auto, schnappte sich seinen Rucksack von der Rückbank und öffnete Felix die Tür. »Möge die Prinzessin sich bitte nun aus dem Fahrzeug erheben.«

Felix lachte und stieg aus. »Alter, du bist so’n Trottel.« Vor der Leiter huschte ein Hauch von Anspannung über sein Gesicht.

»Wir können auch wieder gehen. Du musst es nicht tun. Nur, wenn du dich gut dabei fühlst«, sagte Ben. Felix überlegte für einen Moment, dann griff er nach der Leiter, kletterte hoch.

»Warte oben auf mich!« Als sie beide oben auf der Mauer saßen, wuchtete Ben die Leiter von der einen Seite auf die andere und sie kletterten hinunter.

Vor ihnen erstreckte sich ein riesiges Areal, dessen Bestandteile vom Schein des Mondes beleuchtet wurden. Links befanden sich Kinderbecken und Rutschen, rechts die Volleyballfelder und Schwimmbahnen. Alle Liegen waren ordentlich an den Seiten aufeinander gestapelt, alle Tische waren zusammengeklappt und weggeräumt. »Richtig friedlich, findest du nicht?«, fragte Ben. „Ich dachte, es könnte dir gefallen.»

Felix nickte. Er ging zu einem der Kinderbecken und hielt seine Hand hinein. Er stieß einen jubelnden Schrei aus. »Was ist los?«, fragte Ben.

Felix grinste ihn an. »Du weißt doch, dass Kinderbecken immer wärmer sind als andere. Und ich wollt schon als Kind nie ins Kinderbecken, weil ich dachte, dass es so pipiwarm ist, weil alle Kinder immer reinpinkeln.«

»Ja klar. Und Mom hat dich trotzdem immer reingesetzt.«

Felix griff erneut ins Kinderbecken. »Alter, ich hatte voll recht. Jetzt ist es nämlich saukalt.«

Beide lachten und ihnen wurde zur gleichen Zeit bewusst, wie laut ihre Stimmen über das Gelände trugen. »Wir sollten wohl lieber etwas leiser sein«, schlug Ben vor.

Als sie an einem der großen Becken vorbeispazierten, beugte sich Felix über die spiegelglatte Oberfläche. »Spring nicht rein!«, warnte ihn Ben. »In der Nacht schalten sie die Pumpen auf Vollbetrieb. Du willst nicht in so einen Sog geraten, da kommst du nicht mehr raus.«

Felix machte keine Anstalten hineinzuspringen. Er setzte sich an den Rand des Beckens und betrachtete sein Spiegelbild. Erst fuhr er mit der Hand sanft über die Wasseroberfläche, gerade so dass er sie berührte und sich feine Ringe bildeten, dann strich er sich mit derselben Hand über den kahlen Schädel.

Ben setzte sich neben ihn. »Erinnerst du dich, wie Mom immer gemeint hat, wir sollen ja nicht vom Rand springen und wir uns dann gegenseitig hineingeschubst haben, damit keiner von sich aus hineingesprungen ist?«

Felix Lächeln erreichte seine Augen nicht.

»Was ist los?«, wollte Ben wissen.

»Nichts«, sagte Felix und stand auf. »Lass uns zum Steg gehen.«

Der Wasserspiegel war niedrig. Der schmale Steg, ein stummer, schwarzer Streifen umringt von mondbeleuchtetem Wasser. Die Wogen klatschten gegen die metallenen Pfeiler. Beide saßen still nebeneinander, genossen die Szenerie. Am Horizont pulsierten die Lichter der Stadt, zogen bunte Schlieren, die zu den baumelnden Beine der Brüder reichten.  

»Ben, ich muss dir etwas erzählen …« Felix schaute auf den See hinaus, während er es sagte.

»Immer raus damit.«

»Versprech‘, dass du dich nicht aufregst.«

Ben sah ihn besorgt an. »Was ist los?«

»Bitte! Alter, ich hab keinen Bock auf noch mehr Drama.«

»Was ist los? Jetzt rück‘ schon raus.«

Felix seufzte. In seinem Blick lag eine bodenlose Traurigkeit. »Olivia und ich sind nicht mehr zusammen.«

»Oh.« Ben saß für einen Moment regungslos da. »Oh Felix, das ist echt Kacke! Fuck! Das tut mir leid!«

»Schon okay.«

»Wieso? Wieso seid ihr nicht mehr … Seit wann? Wegen was?« Er stockte. »Doch nicht wegen …?«

Felix unterbrach ihn. »Sie hat einen anderen. Schon ‘ne ganze Weile.«

»WAS?« Ben fuhr wütend hoch.

»Bitte reg dich nicht auf.«

»Nein, ehrlich, Felix! Sowas ist nicht in Ordnung!« Schnaubend lief er auf dem Steg hin und her.

»Ja, hast schon recht!« Felix Stimme war tonlos.

»Wie lange schon? Hatte sie den schon, bevor du’s wusstest?«

»Nein, erst danach, sagt sie. Sie hatte ein schlechtes Gewissen und wollte mich nicht verlassen. Nicht jetzt …«

Ben wusste, dass sein Bruder dieses Mädchen mehr liebte als alles andere. »Dieses Miststück! Weißt du, wer der andere Kerl ist?«

»Nein, kenn‘ ihn nicht. Ich wollt‘ auch nichts wissen.« Felix zog seine Füße an die Brust, versenkte den Kopf zwischen seinen Armen. »Ist mir eh alles egal!« 

»Verdammt! Aber eins sag‘ ich dir, Felix.« Er wartete, bis Felix den Kopf hob und ihn anschaute. »Die beiden haben sich verdient, wenn sie auf so einer beschissenen Aktion eine Beziehung aufbauen.«

»Ja, stimmt schon.« Er vergrub sein Gesicht wieder in seinen Armen.

Ben stampfte weiter hin und her – dann verharrte er. »Kopf hoch, Bruderherz! Ich hab‘ mir was überlegt.« Er kramte in seinem Rucksack, holte einen elektrischen Rasierer hervor. »Ich hab Bock auf Partnerlook. Was sagst du? Erweist die Prinzessin mir die Ehre, mir die Haare zu rasieren?« Er hielt Felix den Rasierer hin.

Der nahm ihn nicht entgegen. »Sag mal, spinnst du? Nein, Ben. Das musst du nicht machen. Wirklich nicht.«

»Ich weiß.« Ben schmunzelte. »Ich mach es auch nicht wegen dir. Ich hatte einfach immer schon mal Bock auf eine Glatze. Würde doch meinen Look gut abrunden, findest du nicht?«

Felix schüttelte den Kopf. »Nein, Ben. Was laberst du? Die Mädels hassen es.«

»Ist mir doch vollkommen egal, wie die Mädels es finden.«

Felix Stimme wurde flehender. »Nein, bitte rasier dir nicht den Kopf, Ben.«

»Watch me!« Er schaltete den Rasierer ein. Das Brummen des Motors wirkte unnatürlich laut in der ruhigen Umgebung.

»Nein, Ben, bitte hör auf.« Felix‘ Stimme wurde krächzender. »Bitte, ich möchte nicht immer daran erinnert werden, wie scheiße es mir geht, wenn ich dich anschaue. Bitte, bitte, hör auf!«

Ben hielt in der Bewegung inne.

Sein Bruder wandte sich von ihm ab. »Ach, mach doch, was du willst, du Trottel.«

Er wollte ihm eine Freude machen. Ben schaltete den Rasierer aus und verstaute ihn in seinem Rucksack.

»Danke«, sagte Felix leise.

Ben legte ihm einen Arm um die knochige Schultern. »Tut mir leid.«

»Schon okay.«

»Ich wollte nur …«

»Ich weiß. Alles gut.«

Arm in Arm saßen sie auf dem feuchten Holz – und für kurze Zeit existierten keine Sorgen und Ängste, keine Sehnsüchte und Enttäuschungen, nur sie beide und das stete Schwappen des Wassers unter ihnen.

Auf dem Weg zurück zur Leiter, fühlte sich Ben mit neuem Mut beflügelt: »Weißt du was, Felix? Die nächste Runde startet erst in zwei Wochen. Bis dahin haben wir noch reichlich Gelegenheit, um etwas zu erleben. Wir hauen so richtig auf den Putz. Machen, was auch immer du möchtest. Ich fahr‘ mit dir überall hin.«

Felix grinste. »Du bist so’n Trottel! Aber ich muss zugeben, es klingt schon recht nice!« Das Lächeln verschwand, seine Miene wurde nachdenklich. »Aber was ist danach? Was, wenn er nicht weggeht?«

Ben packte ihn an beiden Armen. »Hör mir zu, Felix. Denk nicht an so etwas. Er wird weggehen. Dr. Albrecht wird dich wieder hinbekommen. Er hat uns sein Wort gegeben.« Er zog ihn in eine Umarmung. »Mach dir keine Sorgen. Ich pass immer auf dich auf. Was auch kommen mag.«

»Wirklich?« Seine Stimme klang so zerbrechlich.

»Ja klar, dafür sind große Brüder doch da.«

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. lydiawuensch sagt:

    Ach soooo! Ich dachte, er verprügelt den neuen Freund der Ex-Freundin. Das war für mich vollkommen logisch hehehe ;)

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  2. annikakemmeter sagt:

    Alex, ein sehr spannender Text und die Szenen ziehen einen in die Umgebung, die du beschreibst. Cool! Aber ehrlich gesagt, habe ich nicht ganz verstanden, wen Ben da verprügelt. Klär mich auf! :)

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      1. Alex 😎 sagt:

        Ja genau, der Arzt war’s. Aber an und für sich ist es eigentlich egal, wer das Opfer ist, solange man mitbekommt, dass Ben es wegen einer Mischung aus Rache/Trauerverarbeitung/schlechtem Gewissen tut. Dass man dann in den Dialogen erfährt, dass es der Doktor sein könnte, ist ein Schmankerl für aufmerksame Leser ;)

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      2. Aufmerksamer Leser -> 🙋🏼 😋

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