Liebesbotschaft

von Arina Molchan

Carolin schloss das Fenster und hängte das rote Bettlaken über die Gardinenstange, um Nico und seinen Traktor nicht mehr sehen zu müssen. Ihr Zimmer roch schon genug nach Gülle – und Nico … er arbeitete bestimmt wieder im Hof, nur um ihr auf die Nerven zu gehen mit seinem Flaum unter der Nase und dem Caro, schau mal, mein Bulldog, Caro, willst du mal mitfahren, Caro, du darfst auch mal lenken. Caro wollte alleine sein. Die Sonne – durch das Bettlaken nur noch als fransiger, blutiger Punkt erkennbar – gab dem Dunkel im Zimmer die richtige Stimmungsnote.

Sie drehte die Anlage auf und ergab sich dem Wummern des Death Metals. Das war der Soundtrack zu ihrer Liebe: der Liebe zum Jungpastor Jensen.

In ihrem Brustkorb raste die Double Bass Drum; die Stimme des Sängers ging ihr wie eine Kettensäge durch den Schädel. Caro schloss die Augen, hob ihre Arme hoch und bat, wünschte, wennesdeinwillewärevateraberbittebitte dass sie Dienstag abends im Bibeljugendtreff neben Jensen sitzen dürfte, oder ihm gegenüber, oder einfach nur, dass er sie ansprechen oder ansehen oder … wennesdeinwillewärevater sie ein Zeichen empfange, dass er der Mann sei, der für sie bestimmt ist.

Erst bei dem dritten Lied bemerkte Caro das Klopfen ans Fensterglas. Sie zuckte zusammen, die Ohren blutrot: Das Bettlaken war verrutscht und Nico drückte seine pickelige Nase lächelnd an die Glasscheibe.

Caro zeigte ihm den Vogel, er ihr einen Daumen hoch. Er wies auf seinen Traktor und winkte ihr einladend zu, sie verdrehte aber nur die Augen und hängte wortlos ihren provisorischen Sichtschutz wieder an die Gardinenstange.

„Geh doch selber Schlepper fahren“, murmelte sie und machte die Musik noch etwas lauter. Die Stimmung war aber dahin. Also drückte sie zur Sicherheit noch einmal ihre Hände ans basszitternde Herz, murmelte ein Amen, und warf sich zusammen mit einem Liederbuch aufs Bett, um darin das romantischste Lied für das Wiedersehen mit Jensen herauszusuchen.

Am Dienstagabend saß Caro hinter einem Fachwerkbalken neben Nico im Dachgeschossraum des alten Pfarrhauses und sah von ihrem Wunschgebet nur die wippenden Füße in den löchrigen, dreijahresweißen Converse Chucks. Der Stützbalken war im Weg, aber zum Glück hatte Jens Jensen unglaublich dürre, lange Beine.

Nico trommelte auf dem Cajón herum, und Jensens Stimme fragte durch das Zupfen der Gitarrensaiten hindurch, ob jemand einen Liedwunsch habe.

Caro war bereit. „Seite 53“ , sagte sie.

Bei lover of my so-oh-ul legte sie, wie zufällig, den Kopf auf ihre linke Schulter, um am Holzbalken vorbei Jensen besser sehen zu können. Er hatte die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt, während er andächtig sang. Er konnte alle Lieder auswendig spielen. Vor dem Part mit I love you, I need you sagte er, untermalt von Gitarrenklängen: „Ich hatte gerade ein Bild – jemand hier hat ein ganz schweres Herz“ und Caro schrie in ihrem Inneren Ich!Ich!Ich! und zerfloss hinter dem Stützbalken auf dem Sofa, als Jensen für sie – diesen jemand – betete, auf dass ihr Herz, Vater, wieder leicht werde, Vater.

Dann sangen sie I surrender, i want to know you more und der Nico drückte aus Versehen sein Knie beim Trommeln an ihr Knie und Caro stellte sich einfach vor, es wäre Jensens Knie, das sie durch den Jeansstoff spürte.

Während der Andacht legte Jensen nie die Gitarre weg, sondern unterstützte seine Worte immer mit leisen, passenden Akkorden, was Caro besonders gefiel. Er hatte genau so viel Gitarre im Herzen wie sie und das war ein Zeichen von Seelenverwandschaft, vom Füreinanderbestimmtsein. Als wäre dieser Abend nur für sie so gestaltet worden, sprach er ausgerechnet über Verführung und Caro verführte ihn in ihrem Kopf, ohne zu wissen, wie man das eigentlich tat, bis er etwas von verführen durch dämonische Musik sagte.

Caros Ohren nahmen sofort die Farbe von ihrem Sichtschutzbettlaken an und aus den Augenwinkeln sah sie Nicos beflaumtes Lächeln, was es nur schlimmer machte.

„Selbst wenn sie sich christlich nennen, oder jemand aus der Band behauptet, Jesus zu folgen – sie ahmen trotzdem die Satansanbeter nach.“ Jensen beugte sich vor, um alle besser sehen zu können, und Caro schien es, als würde er nur sie anschauen bei den Worten. Nur sie. Besonders lange. Und – oh, Gott – hatte er Augen wie Karamell, Schokolade und Nougat.

„Ich glaube, für manche ist so Musik auch nur ’ne Art von Worship“, sagte Nico mit einem Seitenblick zu Caro.

„Wen aber beten solche Leute dann an?“ Jensen hielt beim Zupfen inne und die füßescharrende Stille kannte schon die richtige Antwort. „Hört in euch hinein„, brauchte er nur noch hinzuzufügen.

Nico trommelte verlegen mit den Fingern auf dem Cajón.

„Trotzdem. Ich glaube, es kommt darauf an, was man im Herzen hat, und nicht, wie etwas klingt oder so“, sagte er.

Man solle sich aber von Sünde fern halten und dem Teufel keine Angriffsfläche bieten, antwortete darauf Jensen und den Rest des Abends diskutierte er mit Nico über christliche und unchristliche Musik, über christliche und unchristliche Bücher, über christliche und unchristliche Filme.

Sie unterbrachen ihre Auseinandersetzung nur für ein kurzes Abschlussgebet und redeten danach über christliche und unchristliche Technik weiter. Caro klemmte verärgert ihre Lippen zusammen und hasste Nico nun nicht nur für seinen Traktor, sondern auch dafür, dass er Jensens volle Aufmerksamkeit genoss.

Nachdem alle außer Nico gegangen waren, ordnete sie noch die Liederbücher, schob die Sofas zurecht, wischte ein bisschen auf der Kaffeetheke herum, in der Hoffnung, Nico würde endlich von seiner Überzeugung ablassen und verschwinden. Sie wäre dann alleine mit Jensen und … irgendwann fiel Caro nichts mehr ein, was sie noch tun könnte, um ihr Verweilen im Raum zu rechtfertigen.

„Ich … gehe dann“, sagte sie.

Jensen drehte sich nicht einmal um. Stattdessen deutete er mit dem Gitarrenhals in irgendeine allgemeine Richtung. „Man kann als Mädchen, die mit Jesus lebt, ja auch nicht ein enges Oberteil tragen und sich gleichzeitig auf innere Schönheit berufen!“, sagte er.

Caro blickte an sich herunter, und zupfte verlegen an ihrem Pulli herum. Eng war er zum Glück nicht.

„Ähm … bis nächsten Dienstag!“

Nico sah an Jensen vorbei, zwinkerte ihr zu und zeigte ihr einen Daumen nach oben, während der Jungpastor sich über christliche und unchristliche Frauenunterwäsche ausließ, ganz in seiner Gedankenwelt versunken.

Caro drückte sich noch ein bisschen beim Stützbalken herum und gab dann schließlich auf. Beim Hinausgehen fiel ihr Blick auf Jensens Studienbibel auf dem Sofa – groß und schwer, im dunkelroten Ledercase. Sie drehte sich nochmal kurz um, sah nur den Rücken ihrer großen Liebe und von einem Moment auf den anderen, als wäre eine heilige Macht über sie gekommen, und hätte ihre Hände gelenkt, nahm sie das Buch, drückte es sich ans Herz und verließ mit brennenden Ohren das Pfarrhaus.

Sie machte kein Auge zu in dieser Nacht. Jensens Bibel lag auf ihrem Kopfkissen, in ihrem Bett, und Caro fühlte sich dem Jungpastor so nah wie noch nie. Sie blätterte in dem Buch, strich mit den Fingern über die graphitgrauen Randnotizen in seiner Handschrift, über die gelb markierten Verse. Sie nahm jedes Kärtchen in die Hand, faltete jeden Zettel auseinander, der zwischen den Seiten steckte: Missionsberichte, Gebetskärtchen, Hoffnungsverse, Jahreslosungen, theologische Gedankenkritzeleien, Beichten, Herzenswünsche.

Caro griff nach einem Stift und – wieder gelenkt von einer Kraft größer als sie selbst – begann, auf jeder der 2160 Seiten Ich liebe dich zu schreiben.

Ihr Geständnis schlängelte sich den Jordan entlang auf der Karte des alten Land Kanaan, und schwamm auf dem Toten Meer in Judäa zu Zeiten der Römer, umschloss jedes Schlagwort im Sachregister, prangte als Untertitel auf der Seite Neues Testament. 

Genesis – Ich liebe dich; 2. Samuel – Ich liebe dich; 1. Korinther – Ich liebe dich.

Caro schlief die ganze Woche mit der Bibel unter dem Kopfkissen, träumte von Jens Jensen in Schwarz, Jensen mit langen Haaren, Jensen nur mit einer Bassgitarre als Lendenschurz und seinen dürren Beinen in blutroten Chucks.

Je näher der Dienstag kam, desto eckiger wurde ihr Geheimnis unter dem Kopfkissen. Caro wachte mit verspanntem Nacken auf, mit Kopfschmerzen, mit Herzrasen. Jeden Tag verhängte sie ihr Fenster, ließ die Musik aufknurren und betete, betete dass Vater, es eine Möglichkeit gäbe, Vater, unauffällig dem Jens, Vater, seine Bibel unterzuschieben, Vater, oder sie den Mut habe, Herr, sie ihm persönlich zu geben, ihm in die Augen blickend, Augen wie Karamell, Schokolade und Nougat.

Am Dienstagabend schwitzte Carolin. Ihre Finger waren geschwollen und rot. Ihr Nacken: rot. Ihre Ohren: spürte sie gar nicht mehr. Wahrscheinlich glühten sie.

Jens Jensen spielte nicht. Seine Hände stützte er locker auf die Kurven seiner Gitarre, das Plektrum zwischen dem Zeigefinger und Daumen drehend. Er blickte jedem, der den Raum betrat, wortlos in die Augen, suchte in jedem Gesicht nach etwas. Caro spürte sogar auf der Kopfhaut ihr Herz hämmern. Sie hatte ihre – und Gottes – Liebesbotschaft im kleinen Rucksack dabei, der sie zu Boden zog, ihr alle Wirbel in ein Hohlkreuz zwang.

„Carolin“, sagte Jensen, als sie den Raum betrat. Sie erstarrte bei seinen Worten, in ihrem Bauch kreischte ein Death Metal Lied aus Magensäure – zumindest zog und zerrte sich alles in ihr zusammen, zuckte, drückte, pochte.

„J-jha?“ Ihren Lungen fehlte es an Luft.

„Schön, dass du da bist“, sagte Jensen und lächelte sie an. Caro konnte nicht zurücklächeln. Sie schob ihre Füße – eins nach dem anderen – in Richtung des Stützbalkens, um dahinter auf dem Sofa zu verschwinden.

Er hatte sie angelächelt.

Sie!

Das war ein Zeichen.

Oh,vaterlassdaseinzeichensein! Sende, Vater, noch ein Zeichen, wenn das ein Zeichen war!

Nico kam mit zerzaustem Flaum erst verspätet in den Raum, murmelte etwas von Bulldog reparieren und zwängte sich grinsend zu Caro auf das Sofa. Heute wünschte er sich ein Lied: Love song.

Caro hörte nicht das Cajón, nicht die Gitarre. Das Einzige, was zu ihrem Kopf durchdrang, war der Refrain, gesungen mit Jensens Engelszunge: I love you, I love you, I love you.

Sie hielt es nicht mehr aus.

„Jens“, sagte sie, lauter als beabsichtigt. Die Melodie wurde etwas schräg, das Lied verhaspelte sich und verklang.

„Carolin?“

„Ich … also, letztens, in … äh … also, als … ähm … “ Carolin versuchte, den Reißverschluss ihres Rucksacks aufzumachen, aber ihre Finger bekamen den Schiebergriff nicht gefasst.

„Also, letzten Dienstag, da … aus Versehen … na, das Ding klemmt.“ Sie zerrte an dem Reißverschluss, während alle sie anstarrten.

„Lass mich mal“, sagte Nico. Er öffnete den Rucksack und blickte hinein.

Carolins Zunge verselbstständigte sich.

„Also, habsausversehen – ausversehendiefalschebibelmitgenommen.“ Sie wollte Nico ihren Rucksack wieder abnehmen, aber er hielt die Bibel in dem dunkelroten Ledercase schon in den Händen.

„Boah, Caro! Wie gut!“, sagte er. „Mein Dad hat mich fast gelyncht, letzte Woche. Habe seine zum Jugendtreff mitgenommen … “ Nico öffnete das Case. Schlug die Bibel auf. Blätterte. Blätterte nochmal. Und nochmal. Und nochmal.

Caro verstand nicht. Halb verdeckt vom Stützbalken saß Jensen, mit seinen Augen wie Karamell, Schokolade und Nougat, mit seinen dürren Beinen in den löchrigen Chucks, und sah sie fragend an. Neben ihm, in einem dunkelroten Ledercase, lag ein Buch. Ein anderes Buch.

Nico neben ihr raschelte mit den Seiten.

„Hat sich alles geklärt?“, fragte Jensen.

„Äh … „, sagte Caro.

„Dann können wir ja weiter singen. Wir waren beim Refrain.“ Jensen schlug die Saiten an.

Neben ihr sang Nico, mit dem breit grinsenden Flaum, voller InbrunstI love you, I love you, I love you … und in der kleinen Pause zwischen dem nächsten Refrainvers fügte er hinzu: too!

Alle Musik in Caros Herzen erstarb.

 

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