Ein Auftrag des Herrn

von Martin Trappen

 

„Arschloch.“ Das war eine mögliche Antwort auf „Frohe Weihnachten“. Matthias starrte dem Mann fassungslos hinterher. Der war vollbeladen mit Einkaufstüten und schlängelte sich energisch durch die entgegenlaufenden Menschenströme auf dem Marienplatz. „Gestresst sind wir alle, aber man kann doch vernünftig miteinander reden!“ rief Matthias, wohlwissend, dass der Fremde ihn nicht hören konnte. „Schreien sie nicht so rum“, schnauzte ihn eine Frau an, als sie an ihm vorbei ins Freie stakste. Sie hatte ihn offenbar gehört. Matthias holte tief Luft und schnaubte sie wieder aus, um seine Nerven zu beruhigen. Es half nichts. Seit fünf Stunden stand er schon vor dem Kaufhof in der Kälte des Münchner Dezembers. Handschuhe hatte er, weiße, außerdem Hose, Jacke, Mütze und Bart, alles aus einem Kunststoff, der ihn so warmhielt wie ein Lendenschurz in Sibirien.

Ein mieser Job, allerdings hatte Matthias als ehemaliger Häftling keine große Wahl. Und sich im Freien den Hintern abzufrieren war immer noch besser, als in einer warmen Zelle eingepfercht zu sein. Ein paar wärmere Klamotten hätten sie ihm schon geben können. Matthias versuchte händereibend ein wenig Gefühl in seinen Fingern wiederzubekommen, als ihm in der Menge ein bekanntes Gesicht auffiel. Seine letzte Begegnung mit Daniel war so lange her, dass es fast ein Trip war, ihn jetzt wiederzusehen. Er und Matthias waren in der Schule beste Freunde gewesen, bis es Daniel dann auf einmal cool fand, Sachen zu klauen. Das war für Matthias nie in Frage gekommen. Er hatte den Kontakt abgebrochen. Einige Male war Daniel wohl als Langfinger davongekommen, bis sie ihn dann doch erwischt hatten.

Panik packte Matthias bei dem Gedanken, dass Daniel nach all den Jahren sauer auf ihn sein könnte. Er beruhigte sich wieder, als ihm bewusstwurde, dass er komplett als Nikolaus verkleidet war. Erleichtert läutete er sein Glöckchen und rief Daniel „Fröhliche Weihnachten!“ zu.

„Hias? Hias, das bist tatsächlich du!“

„Verzeihen Sie, kennen wir uns?“

„Mensch, Hias, aber klar doch!“

„Ich weiß beim besten Willen nicht woher.“

„Na komm schon, so lange ist das Ganze nicht her! Wir waren doch unzertrennlich! Dicke Freunde, weißt du noch?“ Matthias wusste es noch. Und er glaubte nach wie vor, dass sich Daniel damit über seine ausladende Figur lustig machte. Er war in jeder Hinsicht ein schwerer Junge geworden.

„Daniel. Du hast dich ja verändert.“ Der ist so groß und dürr wie immer.

„Ja gut, ich habe die Haare kürzer. Und ich lasse mir einen Bart wachsen.“ Er meint wohl den Flaum an seinem Kinn.

„Das lässt dich gleich älter und weiser erscheinen.“ Eher dümmer und blasser.

„Dich hätte ich auch erst nicht erkannt! Was machst du eigentlich hier?“

„Meinen Job. Ich bin Kaufhaus-Nikolaus.“

„Kriegst du nichts Besseres?“

„Als Ex-Knacki? Keine Chance.“

„ Verdammt, da sollst du mich einmal nicht nachmachen!“

„Du warst immer ein Vorbild.“ So wie Ozzy Osbourne für junge Männer und Miley Cyrus für kleine Mädchen.

„Wofür haben Sie dich denn drangekriegt?“

„Steuerhinterziehung.“

„Dann hast du doch bestimmt ordentlich Kohle gemacht.“

„Null. Ich habe nur meinem Chef dabei geholfen, seine Millionen nach Panama zu bringen.“

„Mann, Hias, das war immer schon dein Problem. Du lässt dich ausnutzen und von anderen für ihre Sache einspannen.“ Wie ein Ochse vor den Karren. „Du musst die Sachen selbst in die Hand nehmen!“

„Wenn das so einfach wäre!“

„Aber es ist so einfach. Als ich aus dem Jugendknast kam, hatte ich zwar keine Ausbildung, war aber alkoholsüchtig. Damit ich die wieder loswurde, habe ich mit dem Rauchen angefangen.“

„Und wie hast du dir das Rauchen wieder abgewöhnt?“ Daniel zündete sich eine Zigarette an.

„Wieso sollte ich? Ich rauche nur Menthol-Zigaretten. Die sind nicht schädlich für die Gesundheit.“ Ah ja.

„Verstehe. Vielleicht sollte ich anfangen, Kokain zu nehmen.“

„Keine schlechte Idee, aber an das Zeug ist ganz schlecht ranzukommen. Vielleicht versuchst du’s erstmal mit Schnupftabak.“ Der sollte im Fernsehen auftreten.

„Und, wo arbeitest du?“, fragte Matthias.

„Ich packe Tannenbäume in Netze. Gutes Geschäft zur Weihnachtszeit.“

„Ex-Knacki-Schicksal.“

„Auch. Kommt noch dazu, dass ich mit Wutproblemen zu kämpfen habe.“ Natürlich.

„Wie?“

„Ich verteile Backpfeifen.“

„Hilft das Rauchen da nicht?“

„Nein, aber das Trinken.“

„Ich dachte du rauchst, um nicht mehr zu trinken?“

„Erzähl doch keinen Scheißdreck. Aber sag mal, kann ich dir bei deinem Job irgendwie helfen?“

„Wüsste nicht wie. Ich soll die Menschen dazu animieren, für das Kinderspital zu spenden.“ Wohl eher reanimieren.

„Dann ist es ja kein Wunder, dass es da so mickrig aussieht in deiner Büchse.“

„Was meinst du?“

„Keiner spendet, wenn man höflich darum bittet. Die einzigen Sprachen, die die Leute heute noch verstehen, sind Gewalt und Unverschämtheit. Du musst sie beleidigen, anschreien und ihnen volles Pfund aufs Maul hauen.“

„Aus dem Weg da“, rempelte ein wichtig aussehender Mann im Anzug Daniel an.

„Siehst du, was ich meine?“, entgegnete Daniel, bevor er dem Anzugträger einen rechten Haken verpasste. Der fiel mitsamt seinen Einkaufstaschen um. Krawatten, Unterwäsche und Hemden verteilten sich auf dem Boden. „Wo das Leben doch so viel schöner ist, wenn man friedlich miteinander umgeht.“ Daniel lächelte.

Matthias sagte nichts. So wie er seinen alten Freund und Kupferstecher kannte, passte Körperverletzung nicht zu ihm. „Na siehst du“, Daniel packte die Sachen wieder in die Tüte und gab sie Matthias. „Da müssen die Kinder zwar noch reinwachsen, aber Klamotten kann man immer brauchen!“

„Hey Sie, was schlagen denn Sie diesen Mann?“ rief eine ältere Frau aus der Menge. Verrunzelte Vettel.

„Weil er anders keinen Anstand lernt“, antwortete Daniel.

„Und was nehmen Sie ihm die Sachen da weg?“ fragte ein dicklicher Mann mit Kassengestell. Fette Brillenschlange.

„Er will sie spenden.“ Ich mag ihn so langsam.

„Ich habe davon nichts gehört“, meldete sich eine junge Studentin. Geiles Luder. Daniel fragte: „Ich habe das doch richtig verstanden, oder? Du wolltest eine gute Tat vollbringen?“, und trat dem am Boden liegenden Anzugträger in die Magengrube. „Bitte. Er stöhnt vor lauter Freude.“

„Verzeihen Sie?“ Der dicke Mann kam auf Daniel zu. „Nehmen Sie’s. Für die Kinder.“

„Vielen Dank“, sagte Daniel, als er den Geldschein entgegennahm. „Möchte sich sonst noch jemand mit dem heiligen Mann gut stellen?“ Die Studentin, die alte Dame, ein anderer Mann im Anzug und ein kleiner Junge kamen nach vorne. Jeder warf ein paar Euro in Matthias‘ Dose, sah Daniel an und entschloss sich anschließend, noch ein bisschen mehr zu spenden. „Siehst du, Hias“, sagte Daniel, „man muss mit den Leuten nur richtig reden.“

„Sagen Sie, was ist denn hier los?“ Zwei Polizisten in ihren schwarzen Lederjacken waren zu der Menschenansammlung hinzugetreten. „Was blockieren Sie hier den ganzen Eingang? Wieso tragen Sie schon am 2. Dezember ein Nikolaus-Kostüm? Und warum liegt der Mann dort am Boden?“

„Die haben ihn einfach niedergeschlagen“, sagte die alte Hexe.

„Ja, völlig ohne Grund“, pflichtete das scharfe Luder bei.

„Ich fand’s eigentlich ganz lustig“, lachte der kleine Junge.

„Was? Das ist ja nicht zu fassen!“, sagten die Polizisten gleichzeitig.

„Weißt du, Hias“, Daniel legte einen Arm um Matthias, „Manchmal muss man reden, manchmal muss man zuhören, manchmal muss man zuschlagen. Und manchmal muss man die Beine in die Hand nehmen! Lauf!“

Daniel schnappte sich die Einkaufstüte und die Spendenbüchse, schlug sich einen Weg aus dem Kreis der Passanten frei und stürmte in den Kaufhof. Matthias war nie der Schnellste gewesen, doch selbst er musste nicht lange überlegen. Er lief Daniel hinterher. Der war schon deutlich voraus, schlängelte sich zwischen Gucci-Handtaschen und Douglas-Parfümflaschen hindurch. Matthias folgte ihm, stürmte die Treppe in die U-Bahnstation hinunter. Die linke und die rechte Seite der Rolltreppe waren wie üblich belegt, daher musste Matthias auf das Geländer ausweichen. Er tanzte zwischen den Passanten hindurch, bis kurz vor Ende der Rolltreppe plötzlich die alte Frau auf dem Geländer stand. Wer soll uns das eigentlich abkaufen? Die wollte Matthias mit dem Gehstock umhauen, doch er rutschte behände unter ihr hindurch.

Am Gleis wartete schon die U-Bahn und Daniel stand neben der offenen Tür. Die letzten Leute stiegen ein und die Türen würden sich bald schließen. Auf der Zielgeraden gab Matthias noch einmal alles: Er sprintete mit voller Wucht nach vorne, wich der Studentin mit einer Pirouette aus, gab dem kleinen Jungen eine High-Five und sprang schließlich mit aller Kraft vom Boden ab, um nicht von dem Fettsack mit Brille erwischt zu werden. Nach einem doppelten Rittberger, einer anderthalbfachen Schraube und einem dreifachen Salto landete er perfekt in der U-Bahn, als sich deren Türen blinkend und piepend schlossen. Wer’s glaubt, wird selig.

„Alter, machst du Shiatsu oder was?“, wollte Daniel wissen, als er Matthias auf die Schulter klopfte. Er meint Jiu-Jitsu.

„Hab ich alles vom Kinderbodenturnen“, erklärte Hias.

„Verdammt, das konnten meine Eltern sich nie leisten. Wusste ich doch, dass ich da was verpasst habe!“ Welcher drittklassige Schreiber hat sich denn diesen Depp ausgedacht?

„Aber was machen wir jetzt? Die Polizei sucht nach uns.“

„Mach dir keinen Kopf. Du warst als Nikolaus samt Bart verkleidet und ich muss mich auch nur rasieren, um wieder in Koitus sein.“

„Inkognito. Aber wir brauchen trotzdem ein Versteck.“

„Gleich ist Abendmesse in der Peterskirche. Da vermutet uns niemand und wir können untertauchen.“ Ein blindes Huhn…

„Das ist nur ein paar Stationen. Auf geht’s.“

**^_^******  ‚*****B-)**

Die Münchner Peterskirche war wie alle Kirchen, fand Matthias: Sehr schön anzusehen, aber doch sterbenslangweilig. Vor ihnen reihten sich die Leute langsam in die Bänke ein. Matthias rückte seinen Hemdkragen zurecht und zupfte an seinem linken Hosenbein. Sie hatten aus der Einkaufstüte zwei alte Anzüge samt Krawatten und Schuhen gefunden, dazu zwei Sonnenbrillen und zwei altmodische Hüte. Dem Mann, dem sie das Zeug abgenommen hatten, wurde wohl zurecht geraten, einen kleinen Stilwechsel vorzunehmen. Matthias kam sich vor wie in einer US-Komödie aus den Achtzigern.

„Sicher, dass das mit den Sonnenbrillen und Hüten ‘ne gute Idee ist, Daniel? So fallen wir doch noch mehr auf.“

„Ich bitte dich, wir sehen doch total geil aus. Jetzt müssen wir nur noch Angst haben, dass uns zu viele Weiber hinterherlaufen.“

„Das ist auf jeden Fall ein geniales Versteck. In der Menge können wir untertauchen und auch die Polizei kommt nicht einfach in eine heilige Messe gestürmt.“

„Genie ist mein zweiter Vorname. Meine Füße tun weh, setzen wir uns.“

Die beiden gingen nach vorne und stellten sich vor den Altar. Der dürre Mann am Kreuz sah Matthias so vorwurfsvoll an wie immer. Hat ja auch allen Grund dazu. Sie haben ihm Nägel durch die Hände geschlagen. Auf dem Altar stand das Übliche: Ein weiteres Kreuz, Blumen, Kerzen. Das ganze untermalt von unfassbaren Borten und Decken. Links saßen die Messdiener. Die drei gaben eine interkulturelle Kombi ab: Ein Mädchen asiatischer Herkunft, ein erwachsener Mann, glatzköpfig, zwei Meter groß sowie schlank und ein kleiner dicker Junge aus Persien saßen dort nebeneinander. Persien gibt es nicht mehr. Der Junge stammt aus dem Iran.

Dass sich die Zeiten sehr geändert haben, erkannte Matthias daran, dass der Priester definitiv nicht so aussah, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Seine Haut war dunkelbraun, seine Haare schwarz und lang. Er trug Priesterroben, die Matthias aber irgendwie an ein Bühnenoutfit erinnerten. Als müsste der Mann jeden Moment anfangen „Sex Machine“ zu singen. Da fiel es Matthias ein. Der Priester war James Brown.

„Nicht zu fassen.“ Matthias sah Daniel an. Auch der war kreidebleich.

„Kann man wohl sagen. Das ist Ray Charles!“

„Hast du keine Augen im Kopf? Das ist James Brown!“

„Und wo ist dann das Piano?“

„Da ist keins, das wäre dann Charles. Aber es ist James!“

„Liebe Gemeinde, ich freue mich, dass ich euch heute zur Abendmesse wieder so zahlreich begrüßen kann.“ Matthias erstarrte in Ehrfurcht vor dem Godfather of Funk. „Denn dann weiß ich, dass meine Botschaft gehört wird. In Wahrheit ist es Gottes Botschaft, die Botschaft des Herrn.“ Anscheinend spricht James Brown perfektes Hochdeutsch. „Diese Botschaft, die da lautet: Glaube an den Herrn und du sollst errettet werden. Vertraue auf ihn und er wird dich in das Land des Lichts führen.“ Gut, dass die beiden Sonnenbrillen aufhaben. „Und doch sehe ich noch immer verlorene Seelen, die das Licht des Herrn noch nicht erblickt haben. Dabei müssen sie nur ihre Augen öffnen.“ Jetzt blickte James Matthias direkt an. „Also frage ich dich, Bruder: Siehst du das Licht?“ Matthias spürte eine Wärme in seiner Brust, eine Klarheit in seinem Kopf, eine Leichtigkeit in seinem ganzen Körper. Er wurde von einem hellen Licht umgeben und seine Füße lösten sich langsam ganz vom Boden ab. Er schwebte. Er schwebte im Antlitz des Herrn. „Siehst du das Licht, Bruder?“

„Ja, ich sehe es.“

„Siehst du es wirklich?“

„Ja, ich sehe, ich sehe das Licht!“

„Halleluja!“, rief James. „Halleluja!“, rief Daniel. „Halleluja!“, riefen alle. Doch Matthias hörte sie nicht. Er blickte in das reine, helle Licht. Und er vernahm eine Stimme. Eine Stimme so anders als alle, die er je in seinem Leben gehört hatte. Und doch kam sie ihm bekannt vor. Als ob alle Menschen, die je gut zu ihm gewesen waren, auf einmal zu ihm sprachen. Sein Großvater. Seine Mutter. Seine Schwester. Sein Kindergartenfreund Johann. Daniel. Und James Brown.

„Matthias, mein Sohn, du bist nicht ohne Grund heute in dieses heilige Haus getreten. Ich habe einen Auftrag für dich: Gehe mit Daniel, wie einst die Jünger mit meinem Sohn Jesus gegangen sind.“ Warum spricht Gott Bayrisch? „Gehe hin, und entreiße den Götzendienern ihren wertvollsten Schatz.“ Lebt er also doch nicht in Frankreich. „Damit sie wieder den wahren Sinn der Weihnachtszeit sehen, musst du ihnen ein heidnisches Artefakt entwenden: Das goldene iPhone 8.“

Aber das gibt’s doch noch gar nicht.

„Es ist ein Prototyp. Jetzt halt die Klappe und hör zu.“ Er räusperte sich. „Brich in ihren unheiligen Tempel ein und nimm dieses Symbol des Jochs des Kommerzes, des Zwangs des Verschwendens an dich. Andauernd bringen die eine neue Version davon raus und jedes Mal kaufen die Idioten den gleichen Mist nochmal. Es macht mich rasend! Mach dem ein Ende! Besorg das Teil, und wo du schon dabei bist, mach den ganzen Laden platt! Himmel-Sackerzement! Zefix! So spreche ich, der barmherzige Gott. Gehe hin im Namen des Herrn.“

„Das Einkaufszentrum!“

„Wie? Was?“

„Hast du das grade nicht gesehen?“

„Nein, was?“

„Ich sehe so klar wie nie. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe, was wir zu tun haben.“

„Wir müssen was zu essen finden, ich habe Hunger. Gleich gibt’s die Oblate.“ Wenn der Dicke was essen wollte, wär’s ja zu cliché.

„Willst du hier rumstehen oder lieber noch mehr Scheiß kaputtmachen?“

„Also, jetzt wo du’s so formulierst…“

„Dann los.“

„Aber wir machen noch bei einer Dönerbude halt.“

„Von mir aus. Vorwärts jetzt. Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs.“

**\m/******  ‚*****~8D**

Matthias war wild entschlossen. Zu lange war er passiv gewesen, hatte das Leben an sich vorüberziehen lassen. Nun würde er die Initiative ergreifen. Die Spendenunwilligkeit der Menschen war nur ein Symptom, die Ursache war eine andere. Die Menschen hatten längst das Geld zum Abgott erwählt, ihm Altäre, Tempel, ganze Städte errichtet. Auch Matthias war zum Diener dieses Götzen geworden, half als Buchhalter seinem Chef bei der Steuerhinterziehung. Dafür hatte er seine Strafe erhalten. Er hatte bislang gedacht, diese Zeit sei verschwendet gewesen. Jetzt erkannte er, dass es für ihn eine notwendige Läuterung gewesen war. Alles war geschehen, damit er an diesem Tag das Licht des Herrn erblicken konnte.

Sie gingen in Richtung Industriegebiet, zu einem Autohändler, der besonders alte, seltene Wagen verkaufte. Matthias führte Daniel durch die Reihen antiker Fahrzeuge, bis er endlich fand, wonach er gesucht hatte: Einen 1974er Dodge Monaco. Schwarz-weiß lackiert, mit Sheriffstern auf der Seite und Blaulicht samt Lautsprecher auf dem Dach. Die Türen waren unverschlossen, der Schlüssel steckte in der Zündung. Wie praktisch. Matthias nahm auf dem Fahrersitz Platz, überprüfte, dass der Schlüssel auch funktionierte, und startete den Motor. Er nahm sich eine Zigarette, zündete sie an und legte das Päckchen auf das Armaturenbrett. Wo hat er das Feuerzeug her?

„Also Daniel, bist du dabei?“

„Klar, aber wobei denn genau? Und gib mir auch eine Zigarette.“

„Ist aber nicht Menthol.“ Matthias reichte seinem Freund die Packung.

„Als ob das ein Unterschied wäre.“ Daniel zündete sich auch seine Zigarette an und nahm einen Zug.

„Also, lass mich erklären.“

„Was erklären?“ Ahnungslos blies Daniel den Rauch aus.

„Weswegen wir hier sind.“

„Na, um zu rauchen, denke ich?“

„Nein, wir sind hier, um den Auftrag des Herrn zu erfüllen.“

„Ach ja, diese ganze Sache mit der Beleuchtung.“

„Erleuchtung. Mir wurde ein großes Geschenk zuteil, ein Blick in das Antlitz des Schöpfers.“

„Oh, das klingt wie eine Krankheit.“ Unfassbar.

„Wir müssen den Kommerz bekämpfen, ein verdorbenes Artefakt sicherstellen und den Tempel der Verschwendung zerstören.“

„Fahren wir doch zu McDonalds?“

„Nein wir…“ Matthias atmete tief ein. „Daniel?“

„Ja?“

„Schnall dich an.“

„Alles klar.“ Daniel legte den Gurt an, Matthias klemmte seine Zigarette zwischen die Zähne und gab Vollgas. Die Handbremse war noch gezogen. Er brachte die Reifen zum Qualmen, bevor er die Bremse löste und losbrauste. Gleich sahen sie die Parkschranke vor sich.

„Mensch, in diesem Auto hat man vielleicht Platz für die Beine!“ sagte Daniel. Mit Karacho bretterte der Wagen durch die Schranke und verarbeitete sie zu Kleinholz. „Also, McDonalds oder Burger King, mir ist beides Recht.“

„Ein letztes Mal, Daniel: Wir gehen jetzt nichts essen.“

„Wieso nicht?“

„Weil wir eine göttliche Aufgabe haben: Die Menschen vom Kommerz befreien und sie wieder an die wahre Bedeutung von Weihnachten erinnern.“

„Und wie willst du das machen?“

„Ich habe da eine Idee.“

Den Tempel der Ketzer musste er nicht lange suchen. ‚Kaufhof‘ prangte in gigantischen Buchstaben auf dem überdimensionierten Gebäude. Nur Gott darf in einem solch hohen Gebäude hausen, dachte sich Matthias, als er das Lenkrad fester umklammerte, den vierten Gang einlegte, einen letzten Zug nahm und den Zigarettenstummel aus dem Fenster warf.

„Du erinnert mich an meinen Fahrlehrer, Hias.“

„Du schmeichelst mir, Bruder. Jetzt lass uns diesen entweihten Boden bereinigen.“ Matthias beschleunigte den Wagen, im ruhigen Vertrauen auf Gott, dass er alle Menschen, die sich in seinem Weg befanden, rechtzeitig zur Seite springen lassen würde. Und so geschah es.

„Nicht schlecht, Hias.“

„Hab das aus einem Film.“

„Scheiße, den Streifen muss ich sehen!“ rief Daniel.

„Hüte deine Zunge, Bruder. Du weißt doch: Du sollst nicht fluchen.“ Matthias hatte den Satz kaum beendet, als der Wagen die Frontscheiben des Götzentempels durchbrach. Ketzerische Bauklötze und der falsche Gott Pikachu wurden beiseite geschleudert, als sich der rechtschaffene Streitwagen seinen Weg bahnte. Menschen sprangen, von göttlichem Einfall geleitet, beiseite, Eltern brachten ihre Kinder, von Gottes Hand gestützt, in Sicherheit.

„Fliehet, verlasset diesen unheiligen Ort! Entsaget den Götzen, wendet euch wieder eurem Herrn zu!“ rief Matthias den Verzweifelten zu. Durch den Willen des Herrn wurde seine Stimme zu den Ohren aller Bedürftigen getragen. Und durch die Polizeilautsprecher. „Werft die heidnischen Symbole zu Boden und zeigt so eure Bußbereitschaft!“ Matthias steuerte, von Gottes Hand gelenkt, die nächsten Regale an, um ihnen zu zeigen, dass es nie zu spät war, vom Pfad des Sünders umzukehren. Die teuflischen Produkte des Prada, die Kleidung des demütigen Calvin und die Düfte des Verführers Hugo Boss wurden mit der gesegneten Klinge des von Gott ernannten Ritters zerschlagen.

Matthias führte seinen heiligen Kreuzzug weiter durch das Ödland der Sünde. Er vernichtete die CDs mit satanischen Klängen, verwandelte die Playstation in eine Praystation und zerschmetterte letztlich auch den falsche Propheten Bob der Baumeister unter den gesegneten Rädern des göttlichen Rächers. Nun war sein Werk vollendet. Matthias wendete den Wagen, steuerte auf die nächste Scheibe zu und barst hindurch in die Freiheit, während der Tempel des Baal hinter ihm in Trümmer zerfiel. Mit quietschenden Reifen brachte Matthias das Fahrzeug zum Stehen.

„Scheiße, war das geil! Können wir das nochmal machen?“, rief Daniel.

„Nur ein weiter Tag im Auftrag des Herrn, Bruder. Aber denke an das Fluchen!“, sagte Matthias.

„Entschuldigung, natürlich, euer Gnaden.“

„Ich bin kein Priester, Daniel. Nur ein einfacher Diener Gottes, so wie du.“

„Einfach ist mein zweiter Vorname.“ Oh ja.

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich könnte jetzt ein seliges Mahl und eine erholsame Nachtruhe gebrauchen.“

„Was? Du willst malen? Auf eine Nachttruhe?“

„Keine Zeit, ich höre schon die wütenden Rufe der Ketzer.“

„Du meinst die Sirenen? Das ist die Polizei.“

„Hinter welchen Masken sich die Diener des Teufels auch verstecken mögen, meine Augen sehen alles.“

Bevor Daniel etwas sagen konnte, wurden die beiden von einem grellen Licht erfasst. Matthias spürte wieder die wärmende Umarmung des Herrn. Wieder hörte er seinen Großvater, seine Mutter, seine Schwester. Daniel und James Brown. Und  aus irgendeinem Grund auch Edmund Stoiber. Hey, Seehofer, schieb ab, das ist der wahre Superminister!

„Du sigst etz mid meine Augn. Matthias, mei Bua, und a Daniel, mei Bua. Es machts mi stoiz. Es habts eiern Auftrag sauba erfuit. Aber eier Martyrium is no ned z’End. Des Artefakt, des für mi erbeutet habts, muaß vo seinem bäsn Geist befreit wern! Kemmts in Petersdom nach Rom. Nur da kann i des voibringa und a eich mein hochheilign Segen verleihn. Nur so kennts de unzähligen weitern verlorna Seelen heifa. Es habts no an Haufa Arbeit vor eich. Schickts eich, es habts nur weng Zeit. D’Häscher der Ungläubigen sitzn eich dicht im Gnack!

Für di, Daniel, no amoi Klartext: Beweg dein Arsch nach Rom und zwar pronto! Host mi?!“

So plötzlich wie es erschienen war, war das Licht auch wieder verschwunden. Matthias sah seinen Bruder an, als die Sirenen hinter ihm immer lauter wurden. „Also gut: Es sind 900 Kilometer bis Rom, wir haben genug Benzin im Tank, ein halbes Päckchen Zigaretten auf dem Armaturenbrett, es ist dunkel, und wir tragen Sonnenbrillen“, fasste Matthias zusammen. „Tritt drauf!“, rief Daniel. Und Matthias trat drauf. Nichts und niemand würde sie aufhalten können. Sie waren im Auftrag des Herrn unterwegs.

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