Tarot

von Ina Nádasdy

Salem erinnerte sich noch gut an die jene Nacht. Trommeln und Klimpern. Der Geruch von gebratenem Fleisch, Curry, Rosmarin und Zimt hatte sich auf seine Zunge gelegt, als er dem Platz der Cigány näher gekommen war. Und erst dann hatte er die vielen bunten Zelte und Menschen sehen können. Hugh hatte ihm erzählt, dass hier – außerhalb von London – eben die Cigány, ein Wandervolk aus Ungarn, ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es war dieses Jahr eine einmalige Kombination von Mittelaltermarkt und „Zigeunerfest“. Wert auf eine realistische Darstellung hatte man wohl nicht gelegt.
Salem hatte den glühenden Funken nachgesehen, die in der schwarzen Nacht gen Himmel emporstiegen. Er hatte sich abseits gehalten und die Menschen beobachtet.
Und immer hatte er dieses Klimpern gehört. Rasch hatte er sich umgedereht. Die Ursache des Geräusches hatte er allerdings nicht ausmachen können, trotzdem hatte er sich immer noch suchend umgesehen.
„Was ist das für ein Trick?“
Wieder so ein Klimpern. Es war immer näher gekommen, bis eine junge Frau direkt neben ihm gestanden hatte. Sie trug eine weiße Bluse und diverse Röcke, über denen noch viele Tücher hingen, die mit kleinen Münzen bestickt waren, und zudem noch jede Menge Schmuck. Daher das Klimpern, hatte er sich gedacht. So eine klischeehafte Darstellung war ihm noch nie untergekommen.
Er hätte einfach nur gehen müssen. Entschuldigung sagen und gehen. Gar nicht so schwer. Nur war das, was seinem Kopf so logisch vorgekommen war, weder zu seinem Mund noch zu seinen Beinen vorgedrungen. Er hatte sich nicht bewegt.
„Kein Trick“, lächelte sie ihn an. „Komm mit!“
Und schon zog sie ihn hinter sich her. Sie hatten ein Zelt betreten, das im Innern überladen mit Perserteppichen und anderen Stoffen war. In den kleinen Regalen sammelten sich Bücher über Magie, Edelsteine und Räucherwerk. Salem hatte Schwierigkeiten damit gehabt, richtig zu sehen. Seine Augen hatten gebrannt vom Agarholzrauch, der in der Luft lag.
Jetzt hätte er wirklich gehen können. Der Weg zum Ausgang war gar nicht so lang.
Stattdessen war er ihrem Klimpern gefolgt und hatte sich auf die Kissen niedergelassen, vor einem kleinen Tischchen, auf dem seitlich – Herrgott nochmal – eine Kristallkugel stand und überall sonst ein kunstvolles Tarotkartendeck ausgebreitet lag. Eine Karte war ihm dabei besonders ins Auge gestochen. Er hatte sie aufgenommen und genauer betrachtet. Darauf war mittig Horus abgebildet, wenn er sich nicht irrte. Darunter eine rote Sonne mit goldenen Flügeln, hierunter drei kleine menschliche Figuren. Um Horus herum und als eine Art Bogen eine verzerrte menschenähnliche Schlangenfigur. Unter dem Bild stand in großen Lettern TRÜMPFE und darauf fett geschrieben Das Aeon. Neues Zeitalter also.
„Warum hast du diese Karte genommen?“, hatte die Cigány-Frau gefragt.
„Ich weiß nicht.“
„Sie steht für Neuanfang, Wiedergeburt, Befreiung. Das suchst du doch, oder?“
„Sollte ich?“, fragte Salem.
Sie zuckte mit den Schultern und lächelte ihn beinahe verschwörerisch an. „Du bist mir draußen aufgefallen. Du sahst so verloren aus. Ich möchte dir gerne die Karten legen. Darf ich?“
Aufstehen, gehen, nicht umdrehen, nur weitergehen, nach Hause gehen. Es wäre gar nicht schwer gewesen. Er hätte nicht einmal etwas sagen müssen. Kartenlegen? So ein Unfug! Aber lassen wir dem Mädchen den Spaß.
„Von mir aus.“
Sie hatte begonnen, die Karten zu mischen, und hatte sie ihm dann hingehalten. „Zieh vier.“
Dann spielen wir das Spiel mal mit.
Und kurz bevor er das Zelt verlassen hatte, hatte er sich noch einmal um sich selbst gedreht, dann hatte er sie angesehen, die Frau, die in tausend Fetzen und Stoffen Gekleidete mit dem überladenen Schmuck.
„Warum das alles?“, hatte er gefragt.
Und das Mädchen hatte gelacht.

Salem schlief sehr lange, jedoch unruhig. Noch mühsamer als die letzten Wochen zwang er sich aufzustehen und zu essen. Bis ihm schließlich einfiel, dass er sich mit Hugh zum Mittagessen verabredet hatte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er sich schon verspätete.
Er warf sich ein Jacket über und lief los. Beinahe pünktlich kam er vor dem Restaurant an und fing Hugh ab.
„Alles gut bei dir?“, begrüßte Hugh ihm. Erstaunlich sorgenvoll. „Na,… wegen… wegen… – weil doch jetzt die Zeit ist…“
„Es ist Frühling“, antwortete Salem und betete, dass seine Stimme nicht allzu brüchig klang.
„Frühling?“
„Frühling“, wiederholte Salem.
„Frühling… Was? -Nein!“
„Es ist März, also Frühling.“
„Deine Freundin hat sich doch im Frühling umgebracht!“, schrie Hugh ihm entgegen.
„Was? -Äh, ja! Ja, alles gut. Komm ich mit klar. Alles gut. Ist schon lange her.“ Er lächelte. Mehr schlecht als recht.
„Du bist ziemlich dünn geworden. Dein Gesicht ist eingefallen.“ Hugh ließ nicht locker.
„Schlafmangel.“
„Na dann“, grinste Hugh und klopfte ihm auf die Schulter. „Gehen wir essen!“
Und während des Essens dankte er seinem Freund und dem Himmel dafür, dass dieser sich sagenhaft gerne selbst reden hörte und sich seine Umgebung nicht so genau besah. So würde Hugh nicht auffallen, dass Salem ihm weder antwortete, noch zuhörte.
Er hatte gedacht, er hätte es geschafft. Den Verlust seiner Freundin, den hatte er ertragen können. Er hatte ihn kommen sehen. Seit ihrem letzten großen Streit. Sie hatte ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt, und er hatte gewollt, dass sie das Kind tötet. Und das hatte sie. Zusammen mit sich selbst.

„Ich habe mir die Karten legen lassen.“
„Du hast dir die Karten legen lassen?“
„Ich hab mir die Karten legen lassen“, wiederholte Salem und nahm einen Schluck Bier.
„Du hast dir die Karten legen lassen…“ Hugh schüttelte den Kopf und massierte seine Nasenwurzel. Mit verschränkten Armen lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und musterte seinen Freund. „Irgendwas stimmt doch mit dir nicht, Salem“, sagte er und knackte eine Erdnuss.
Salem neigte den Kopf, kniff nur die Augen zusammen und wartete geduldig auf die Erkenntnis seines Freundes. Derweilen ließ er den Blick durch das Pub schweifen.
„Alter, Karten legen? Du glaubst doch nicht an diesen esotherischen Blödsinn! Und für den Hokus-Pokus auch noch Geld zahlen? Schau, ich kann dir auch aus den Erdnussschalen die Zukunft lesen! Dir geht’s einfach zu gut.“
Salem lachte müde auf. Ein Lachen, das sich sogleich in ein Gähnen wandelte.
„Bist du immer noch so müde? Du solltest echt mal zum Arzt gehen.“
„Ich mache seit Wochen nichts anderes als von einem Arzt zum nächsten zu rennen. Und die tun nichts anderes als mir Tabletten zu verschreiben. Zum Einschlafen, zum Durchschlafen, zum Aufwachen. Und trotzdem schlafe ich nicht. Und jetzt lassen sie mich nicht einmal mehr auf der Baustelle arbeiten. Ich drehe langsam durch, wenn ich nichts zu tun habe und -“
„Schau dir das an!“ Hughs sonst sympathisches, weiches Gesicht verzog sich zu einer wütenden Fratze. „Jetzt lassen sie dieses faule Pack auch noch hier rein!“
Salem sah sich um. Eine Gruppe Jugendliche kam gerade ins Pub herein. Dem Aussehen nach gehörten sie zu den Cigány.
„Die haben hier bei uns einfach nichts zu suchen, denkst du nicht auch?“, fuhr Hugh fort.
Salem trank sein Bier aus und legte einige Geldscheine auf den Tisch. „Du siehst auch nur, was du sehen willst, oder? Dir geht’s einfach zu gut, mein Freund“, sagte er und klopfte ihm zum Abschied auf die Schulter.

Er ließ sich auf seinen Sessel nieder und vergrub sein Gesicht in den Händen. Er war fertig mit sich und der Welt. Er wandte seinen Blick zum Fenster; der Himmel war grau. Ihm selbst war immer noch übel vom letzten Essen. Es hatte so fahl wie Asche geschmeckt. Zum Glück hatte Hugh nicht bemerkt, wie Salem immer wieder das Gesicht verzog, sobald er einen Bissen zu sich nahm. Nein, die Welt hatte nun nichts mehr zu bieten. Wenn nicht einmal Essen mehr schmeckte…
Und als er das dachte, sah er sich die Tabletten an, die vor ihm farbenfroh auf dem Tisch lagen. Er war zu müde, auf eine Besserung zu warten, die niemals eintreten wird. Das Kartenhaus brach nun endgültig zusammen. Mit der Schuld alleine hätte er leben können. Drei Jahre war das nun schon her, und jetzt hatte es ihn eingeholt. Aber jeden Tag aufstehen und den Schein wahren – allen vorzuspielen, dass es ihm gut ging, dass es ihm nahe ging, er aber trotzdem klar kam – das wollte er nicht mehr. Das hatte er lange genug getan. Er spielte seine Rolle so perfekt, dass er selbst oft nicht mehr erkannte, wann er spielte und wann nicht. Es fühlte sich einfach nur noch falsch an.
Hugh hatte bestimmt nichts bemerkt. Er sah nur das, was er sehen wollte: die Oberfläche. Und auch sonst kein anderer Mensch, in all der Zeit, hatte je hinter Salems Fassade gesehen. Jeder sah nur den freundlichen Mann mit dem müden Blick.
„Warum das alles?“, hatte er gefragt.
Und das Mädchen hatte gelacht. „Warum? Weil die Leute es sehen wollen.“
Dann nahm er alle Pillen in die Hand und in die andere Hand nahm er das Glas mit Scotch.

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