BMW

von Elias Vorpahl

„Eigentlich würden wir ja jetzt noch ein Foto machen.“

„Ja, ja, machen Sie ruhig“, sagte ich und überlegte schon, ob ich mich besser rechts oder links vom BMW aufstellen sollte.

Der Verkäufer winkte eine junge Dame zu uns, deren üppige Brüste von den Tragegurten einer schweren Nikon-Kamera zusammengedrückt wurden. Wie ein Upgrade vom 3er zum 5er, dachte ich.

„Hi, ich bin Laura“, sagte sie und schüttelte mir die Hand. „Ein tolles Auto, und endlich mal jemand junges mit Geschmack und dem nötigen Kleingeld.“

Wir beide lachten.

„Genau so will ich Sie haben“, sagte Laura und hielt die Kamera jetzt in ihren Händen.

Ich hatte mich für links vom BMW aufstellen entschieden, verschränkte die Arme und versuchte mich ein Stück größer zu machen als ich war.

Laura drückte auf den Auslöser. „Klasse. Danke. Ich glaub, wir haben’s.“ Sie drehte sich zum Verkäufer. „Jürgen, ich bring sie dir gleich.“ Dann wippten sie davon.

„Ich weiß nicht, ob die Mutter Ihres Bekannten schon mal vorher BMW gefahren ist“, sagte der Verkäufer, „deshalb schlage ich vor, dass ich Ihnen jetzt mal alles erkläre und Sie können es ihr ja dann auch noch mal zeigen.“

Wir setzten uns ins Auto. „Das sind beheizbare Ledersitze auf beiden Seiten. Die Rückbank ebenso. Sehen Sie die Knöpfe direkt neben den Sitzen?“ Ich drückte den Knopf mit dem Pfeil nach vorne und der Sitz schob mich näher an das Lenkrad heran. „Dieser BMW 530d GT hat 245 PS. Er hat einen Tempomat und eine automatische Abstandskontrolle eingebaut. Die können Sie hier …“ Ich legte meine Finger um das kühle Leder des Lenkrads. Ich fühlte die feinen Nähte und widerstand der Versuchung, mit meiner Nase die Rundung entlangzufahren, um den Duft von Neu und BMW noch intensiver einzusaugen. Der Sportsitz umschloss meinen Körper. Es fühlte sich an, als sei dieses Auto um mich herum gebaut worden. Ich damit auf der Autobahn! Ein Pilot in seinem Cockpit. Was wohl dieser Knopf hier machte? Ich drückte ihn. Der Verkäufer lenkte seine Ausführungen auf jedes von mir besehende Detail: „Da können Sie zur 360° Kamera wechseln. Hier geht es wieder zurück. Die klassische Handbremse gibt es nicht mehr. Das wird jetzt elektronisch geregelt. Hier kann sie aber auch manuell gelöst werden. Haben Sie bis hierher alles verstanden?“ Der Verkäufer guckte mich fragend an.

„Ja, ja“, nickte ich. „Alles klar soweit. Eine Frage habe ich. Wozu ist der rote Knopf hier oben?“

„Gut, dass Sie fragen“, antwortete der Verkäufer. „Das ist unser SOS-Button. Den drücken Sie in absoluten Notsituationen. Sobald Sie ihn drücken“, er drückte auf den Knopf „ fängt er an rot zu blinken. Sie haben dann fünf Sekunden Zeit, um ihn noch mal zu drücken, um doch noch zu verhindern, dass das Notsignal gesendet wird.“ Er drückte den Knopf abermals. Das Blinken hörte auf. „Sie werden dann automatisch mit der Notrufzentrale von BMW verbunden.“

„Ok. Alles klar. Verstanden“, sagte ich und hatte keine Lust mehr auf diesen Typen. Ich wollte endlich losfahren und musste auch zur Arbeit. „Ich glaube, dann haben wir es“, sagte ich. „Muss ich noch was unterschreiben?“

Der Verkäufer reichte mir ein Mäppchen, in dem meine Daten schon so weit eingetragen waren. „Wenn Sie hier unterschreiben würden. Damit bestätigen Sie, dass Sie an Frau Meyers statt, den Neuwagen abgeholt haben und mit dem Wagen alles in Ordnung ist.“

Ich unterschrieb in dem Moment als Laura mit einem großen Umschlag auf uns zukam. „Herr Kleinert, Ihre Fotos sind fertig. Die sind super geworden.“ Sie drückte mir den Umschlag in die Hände. „Viel Spaß mit Ihrem neuen Wagen. Ein echt heißes Teil.“

Der Verkäufer nahm sein Mäppchen zurück, reichte mir auch noch mal die Hand und stieg aus dem Wagen aus. „Folgen Sie einfach der gestrichelten Linie am Boden. Die führt Sie aus der Halle. Und grüßen Sie mir Frau Meyer. Sie wird viel Freude an dem Wagen haben. Und wenn Sie sich selbst auch mal einen neuen Wagen anschaffen wollen, meine Karte haben Sie.“ Damit ließ er mich endlich allein.

Ich lehnte mich in dem Ledersitz zurück, ließ die Fenster mit einen leichten Surren nach oben fahren, bis sie ganz geschlossen waren, und holte mein Handy heraus.

„Hab das Auto jetzt. Die haben sogar ein Foto von mir gemacht. Kannst ihn am WE bei mir abholen. Fahr jetzt zur Arbeit“, schickte ich an Tim per WhatsApp, bei dem ich jetzt was gut hatte, weil ich das neue Auto seiner Mutter abgeholt hatte.

Als nächstes schaltete ich das Bluetooth an meinem Handy ein, das BMW-Netz erschien in meiner Auswahlliste, ich verband mich, wechselte zu Spotify und nach etwa einer Sekunde dröhnte John the Revelator aus den Boxen. Zufrieden mit mir selbst, drehte ich den Bass noch etwas höher und startete den Motor. Ich drückte ganz leicht auf das Gaspedal, und der BMW sprang nach vorne. Ich drückte die Bremse. Versuchte es erneut. Noch etwas weniger Gas. Diesmal ging es besser. Noch etwas unentschlossen, ob vor oder zurück, folgte der BMW der gestrichelten Linie, bis ich aus der großen Halle hinausfuhr und in die Wiegandstraße einbog. Die Motorhaube blitzte. Mit einem dicken Grinsen fuhr ich die Maybach hinab und spürte die Blicke in meinem Nacken.

Vor dem Büro hatte ich Glück. Genau in dem Moment, in dem ich in die Tiefgarage einbiegen wollte, ging mein Chef über den schmalen Fußweg zwischen Straße und Garageneinfahrt. Ich hupte. Er erschrak und guckte wütend in meine Richtung, bis er mich im Wagen erkannte. Seine Augen weiteten sich und er fing an zu gestikulieren, was so viel heißen sollte wie Gehört der etwa dir. Ich nickte nur und fuhr in die Einfahrt ein. Die arme Sau, dachte ich. Rackert wie ein Bekloppter, und sein jüngster Mitarbeiter fährt mit einem dicken BMW vor. Besser kann der Tag nicht werden.

Auf dem Weg in die Tiefgarage holte ich mir sämtliche Kamerabilder auf das Display der Mittelkonsole. Langsam fuhr ich in das schmale Rondell. Piep, piep, piep, piep, piep. Die seitlichen Abstandskontrollen leuchteten rot-orange. Wo konnte man den verdammten Ton ausmachen? Die Ketten, die als Begrenzer von der Betondecke hingen, wogten vor den Kameras. Piep, piep, piep. Ich hielt die Luft an und fuhr so langsam, wie ich konnte. Als ich in -1 ankam, war ich schweißnass. Ich parkte, stellte den Motor ab, und suchte nach der elektronischen Handbremse, die ich zur Sicherheit noch einmal betätigte. Dann stieg ich aus. Ich ging ein paar Meter, drehte mich dann aber noch mal um, um mir das Auto von weitem zu betrachten, als ich sah, wie der BMW langsam nach hinten wegrollte. Ich ließ meine Tasche fallen, rannte hinter das Auto, und stemmte mich mit aller Kraft dagegen. Vergeblich. Der schwere BMW rollte weiter langsam auf die Mauer hinter mir zu. Ich sprang am Auto vorbei, öffnete die Fahrertür und suchte noch einmal die elektronische Handbremse, die ich abermals drückte, dass sie rot aufleuchtete und der Wagen abrupt zum Stehen kam. Scheiß Technik, dachte ich mir, und war erleichtert.

Den Tag über vergaß ich das Auto völlig. Ich schickte Mails raus, und brütete über ein Angebot, was dem Kunden eigentlich schon längst hätte rausgeschickt werden müssen. Am Nachmittag ärgerte ich mich kurz, weil es draußen wie verrückt regnete und ich keinen Schirm dabei hatte. Ich dachte mir, bis ich mit Öffentlichen zu Hause bin, bin ich klitschnass, als mir wieder einfiel, dass ich heute Morgen einen brandneuen BMW vom Händler abgeholt hatte, und der jetzt in der Tiefgarage auf mich wartete. Wie geil.

Mit einem Knopfdruck auf der Funkfernbedienung öffnete sich der Kofferraum. Ich schmiss meine Tasche hinein. Statt den Kofferraum manuell zu schließen, drückte ich noch mal auf die Funkfernbedienung. Der Kofferraum schloss sich von allein. Ich setzte mich in die Ledersitze, drehte die Sitzheizung hoch, und startete den Motor. Der BMW brummte auf. Langsam kroch ich wieder das Tiefgaragenrondell hinauf. Den Stummschalter für die Abstandskontrollen hatte ich gefunden. Die 360° Kamera schickte mir die Bilder in mein Cockpit. Unbeschadet fuhr ich die Ausfahrt hinaus. Der Regen prasselte. Ohne mein Dazutun fingen die Scheibenwischer an, auf hoher Stufe für freie Sicht zu sorgen. Es war schon dunkel draußen, doch erleuchteten die Xenonscheinwerfer die Straße vor mir taghell. Die Boxen spielten Leonard Cohen You Want It Darker. Tims Mutter, dachte ich mir. Was für eine Verschwendung. Und drehte die Musik noch lauter.

Als ich auf die Schleißheimer abbog, standen da die Autos. Am Ende der Reihe kam ich zu einem kompletten Halt. Der Motor des BMW schaltete sich aus. Start-Stopp-Automatik. Langsam ging es weiter. Ich trat die Kupplung. Der Motor blieb aus. Fuck. Hatte ich ihn abgewürgt? Ich drückte auf Start. Nichts geschah. Ich drückte wieder auf Start. Nichts. Hinter mir hupte es. Nochmal. Startknopf. Nichts. Fuck. Es hupte wieder. Ich drückte den Warnblinker. Ein LKW fuhr an mir vorbei. Der Regeln prasselte. Noch ein Auto fuhr vorbei. Ein Handwerker saß drin und zeigte mir den Vogel. Ich saß in einem nigelnagelneuen BMW, hatte meinen Anzug an, und verstopfte die Schleißheimerstraße. Es hupte wieder hinter mir. Ich wurde nervös. Noch mal. Gang rein, kuppeln, Handbremse war gelöst, Startknopf drücken. Nichts geschah. Mein Blick fiel auf den SOS-Knopf. Das war eine Notsituation. Ich klappte die Schutzkappe runter und drückte auf den Knopf. Der Knopf fing an zu leuchten. Nach fünf Sekunden ertönte über die Boxen ein Freizeichen:

„BMW Notfallzentrale. Wie können wir Ihnen helfen?“ Eine Frauenstimme.

„Ähm, ja, hallo. Hier spricht Steffen Kleinert. Ich, äh, stehe hier gerade auf der Schleißheimerstraße in München und krieg das Auto nicht mehr an. Ich hab das heute erst ganz neu vom Händler geholt. Können Sie mir helfen?“

„Die BMW Notfallzentrale ist für Unfälle gedacht. Wenn Sie eine Panne haben, dann kontaktieren Sie die BMW Pannenhilfe.“

„Achso. Ja, ähm, sorry. Das tut mir Leid. Können Sie mich da verbinden.“

„Eigentlich nicht. Moment.“

Es ertönte ein erneutes Freizeichen.

„BMW Pannenhilfe. Wie können wir Ihnen helfen?“ Wieder eine Frauenstimme.

„Hallo. Steffen Kleinert. Ich stehe auf der Schleißheimerstraße in München und bekomme mein Auto nicht mehr an.“

„Sollen wir Ihnen jemanden rausschicken?“, fragte die Frauenstimme.

„Ehrlich gesagt. Das Auto ist komplett neu. Ich habe es heute erst vom Händler abgeholt. Ich glaube, ich mach irgendwas falsch. Es müsste eigentlich anspringen.“

„Moment, ich verbinde.“

Wieder ein Freizeichen. Diesmal dauerte es länger.

„Schindler da.“ Gott sei Dank, dachte ich. Eine Männerstimme. „I habs scho gheart. S’neue Auto springt ned o. Schleißheimerstraß. Aber des kann doch gar ned sa. Wos machans denn da? Sie miaßn doch bloß an Startknopf drucka.“

„Ja, das mach ich ja. Gang ist drin. Ich trete die Kupplung. Drücke Start. Nichts passiert.“

„Da Gang is drin? Ja, san Sie a weng deppert? Legns hoid an Gang raus und druckans die Kupplung, um Gotts Wuin.“

Ich ging in den Leerlauf, trat die Kupplung. Der BMW sprang an.

„Es geht“, rief ich in die Freisprechanlage.

„Ja, des wui i moana. Guade Fahrt“, sagte die Männerstimme noch und legte auf.

Scheiß Start-Stopp-Automatik, dachte ich.

Vor meinem Haus parkte ich das Auto direkt hinter meinem zwanzig Jahre alten Nissan. Mit der Funkfernbedienung verriegelte ich den BMW und schloss die Fahrertür meines Primeras mit dem Schlüssel auf. Das dumpfe Licht erleuchtete die Fahrerkabine nur spärlich. Ich setzte mich in den durchgesessenen Stoffsitz und spürte, wie auch dieser Sitz meinen Hintern perfekt umschloss. Meine Hände legte ich auf das Lenkrad, das im Vergleich zum Sportlenkrad des BMW jetzt riesig wirkte. Ich beugte mich vor und fuhr mit meiner Nase den gerundeten Kunststoff entlang.

So roch das beste Auto der Welt!

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