Kristallklar

von Victoria B.

„Heute ist ein guter Tag.“ Ich inhaliere von der Pfeife und beobachte, wie die Nacht die Schatten aller Bewohner verschlingt. Eine gierige, dürre Hyäne ohne Skrupel. Von ihren Klauen zerfetzt, werden sie den stinkenden Schlund hinunter gewürgt und anschließend verdaut. Dann verlieren einige ihren menschlichen Teil. In der U-Bahn sehe ich sie fast nur nachts: Gestalten, die sich in die Adern der Innenstadt begeben, weil das grelle Licht gegen die Dunkelheit kämpft, unerbittlich, bis die Nacht stirbt.

Das mache ich auch, aber nur dann, wenn ich schon lange wieder nüchtern bin. Wenn ich friere, zittere und mich Erinnerungen quälen, die ich nicht haben will. Manchmal habe ich keinen Stoff, dann fehlen mir die Mittel um ihn zu besorgen. Sonst ist es aber kein Problem, etwas zu beschaffen, denn es gibt viele Dinge, für die man ein bisschen was auf die Hand bekommt. Wenn ich eine Frau wäre, hätte ich es noch einfacher, aber manche Männer geben sich auch mit mir zufrieden. Oft geht es schnell und wenn ich high wäre, dann ginge es noch schneller. Das bin ich aber nie. Denn erst die Kälte, der Hunger und das Halluzinieren treiben mich vor den Lieferanteneingang am Hauptbahnhof, wenn ich mich lang genug in den Adern der Stadt herumgedrückt habe und vergessen will, dass mich die Nacht bald brutal auskotzt.

Aber heute ist ein guter Tag – ich habe alles, was ich brauche. Vor dem Einbruch der Dunkelheit versorgt zu sein, ist wirklich Luxus. Ich warte geduldig, bis die Nacht meinen Schatten verdaut hat. Jetzt brauche ich mir nur noch in den Katakomben einen Schuss zu setzen und die Sache sieht gut aus. Also klettere ich vom Flachdach des Baumarkts und mache mich auf den Weg zum Bahnhof.

Ich sitze in der Tram, zittere, diesmal vor Freude. Eigentlich möchte sich niemand in die Katakomben verdrücken, aber dort gibt es keine Justiz. Der Eingang liegt auf dem Bahngelände und die Bahn kümmert sich um nichts, weil das eigentlich Sache der Polizei ist. Die Polizei erwartet, dass die Bahn das regelt. Das ist gut für mich, weil ich sonst nirgendwo hin könnte. Aber lange aufhalten kann ich mich dort nicht. Der Gestank nach Kotze und Klo vermiest einem den Trip und gefährlich ist es auch. Ein Schmierblatt behauptet, dass da vor zwei Wochen ein Tourist gefunden wurde, mit leeren Taschen und Gehirnblutungen. Was hat er unten auch zu suchen?

Kurz bevor ich die Katakomben betrete, ziehe ich mir den Pulli über den Mund, atme noch einmal tief ein und halte die Luft so lang an, wie es geht. Nach dem ersten unterdrückten Würgen wird es normalerweise erträglicher. Es ist besser, nicht so tief hineinzugehen, in das kranke Herz einer oberflächlich gesunden Stadt. Kurz denke ich an all die Menschen, die sich ein paar Stockwerke über mir eine Bratwurst schmecken lassen, mit prallen Einkaufstüten herumstolpern und auf ihre Displays tippen. Keiner von denen weiß, wie nah unsere Welten beisammen liegen.

Es ist besser, das Zeug zu spritzen, anstatt es zu rauchen. Auf diese Weise hat man mehr davon. Ich fletsche die Zähne, während ich mich ans Besteck mache, bin zur Bestie geworden.

Als ich es mir reindrücke, explodieren hundert Bläschen in meinem Hirn und befreien mich vom restlichen Menschsein. Endlich-leer-sein. Crystle-klar-sein. Ein Knacken in der Nähe lässt mich aufschrecken. Fremde Augen funkeln mich an. Ein anderes Raubtier hat mich im Visier. Sofort springt es mich an, legt mir die Hände um den Hals. Es denkt, ich hab noch mehr davon. Es drückt fester. Ich würge und spucke und versuche mich aus seinem Griff zu lösen, doch es ist stärker als ich. Als mein Blick verschwimmt, kann ich mich nicht mehr zur Wehr setzen. Was mir in diesem Moment crystle-klar wird, ist, dass ich ein Tier bin, das weiter leben will. Dann wird mir schwarz vor Augen.

In seiner eigenen Pfütze aufzuwachen, ist ein scheiß Gefühl. ‚Wenn du dich an den Gestank der Katakomben gewöhnt hast, bist du zu lange drin gewesen‘, denke ich und zwinge meinen tauben Körper, mir zu gehorchen und die Kloake zu verlassen. „Ich hab meinen Trip verschlafen, wegen dem verkackten Penner hab ich meinen eigenen Trip verpennt!“, fluche ich. Das Tageslicht sticht meine Augen und verhöhnt mein ganzes, elendes Dasein. „Gestern war ein scheiß Tag! Ein richtiger scheiß Tag!“, erzähle ich der jungen Frau, die gerade eine Coca-Cola Flasche wegwirft. Sie schaut absichtlich weg. Ich fische ihre Cola-Flasche aus dem Müll. „Aber heute … Heute wird ein besserer Tag!“.

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