Stumm[el]

von Arina Molchan

Auf ihrem Nachttisch schwelte der volle Aschenbecher. Sie lag in der Mulde der Matratze, Sprungfedern in jedem Wirbel, und zerrauchte die karierten Papierröllchen zu Stummeln. Sie waren innen ganz leer, nur Grafit und Luft statt des Tabaks: Liedentwürfe von ihm, dem Mitbewohner mit der immer geschlossenen Zimmertür. Sie inhalierte ihren Sinn und dachte nach.

Natürlich. Wer liebt, ist zum Scheitern verurteilt. Liebe ist wankelmütig.

Asche in den Becher.

Träume hinterlassen nur einen fahlen Geschmack im Mund, wenn sie sich erfüllen.

Das Einzige, was immer bleibt, ist die Hoffnung. Aber wer hofft, tut nichts.

An der Decke sammelten sich die Seelen der Liedzeilen, verteilten sich in Schwaden im Zimmer, blieben mit allen Fragezeichen in den Ecken hängen.

Sie zog, und die Hitze fraß sich durch das Papier, zu ihrem Mund hin.

Worauf hoffte er denn, wenn nicht auf Liebe? Und tat er deshalb nichts, weil er nur hoffte? Wie konnte er nur so unbelehrbar unglücklich sein?

Reden konnte sie nicht mit ihm. Sie würde doch nur zugeben, dass sie diese Blätter las, diese Schmierereien, die er nachts schrieb, das Kissen unter sein Kinn geklemmt. Morgens dann, zum Pfeifen des Wasserkochers, suchte er nach einer Melodie für seine Zeilen, summte, trommelte den Takt auf der Tischplatte, probierte, war aber nie mit einer zufrieden. Also blieben seine Lieder stumm.

Später fand sie die herausgerissenen Notizbuchseiten, zusammengeknüllt, wie Frühstücksbrösel, auf dem Küchentisch, auf dem Boden, am Mülleimer vorbei geworfen. Sie fegte sie zusammen, jeden Morgen. Wenn er die Wohnung verließ, glättete sie seine Gedanken, las, rollte sie zusammen und inhalierte.

Sie setzten sich ihr in der Lunge fest, als Gift in ihrem Kreislauf, um dann herauszukräuseln aus ihrem Mund, wölbend und formlos.

Ihre Finger rochen danach, ihr ganzes Zimmer.

Morgen werde sie damit aufhören.

Bestimmt.

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