Der Traum

von Lydia Wünsch

Komm! Komm, leg dich zu mir. Leg dich in meinen Schoß! Schlaf ein! Dringe ein, in das Reich der Träume. Ich helfe dir dabei. Ich wiege dich sanft in meinem Schoß aus Federn und helfe dir, die Sorgen des Alltags zu vergessen. Dich selbst zu vergessen. Denn das ist meine Aufgabe. Dafür bin ich da. Dafür bin ich gemacht worden. In einer Fabrik, die federweiche Kissen herstellt. Dazu erschaffen, Menschen in den Schlaf zu wiegen. Ihren Kopf weich zu betten und ihnen zu sagen, dass jetzt alles gut ist. Dass alles so ist, wie es sein soll. Und sie beruhigt übertreten können, in das Land der Träume. Und ich bin die Schwelle, die das ermöglicht. Das ist meine Aufgabe. Das ist mein Ziel… Gleite, gleite, gleite… gleite ab in das Traumland…. wo Kaffee aus Zuckerperlen fließt… oder waren es Zuckerperlen, die zu Kaffee werden? Oder war es der zerbrochene Teller… der ihr aus der Hand fiel? Fiel er aus der Hand oder hat sie ihn geworfen? Ihn vielleicht sogar nach dir geworfen? War es ein Traum oder Realität? Ist das der Grund, wieso du heute Nacht alleine schläfst, mich boxt und mir das vergilbte Blumenmuster nassweinst, statt von Kaffee-Zuckerperlen zu träumen?

Dein Kopf, wälzt sich hin und her … unruhig. Er kann nicht schlafen. Er kann sich nicht entspannen. Ich spüre, wie die Gedanken kreisen und kreisen und kreisen und nicht aufhören wollen, den Kopf zu zerwühlen. Ich werde geknautscht und aufgebauscht, geboxt und wieder flach gedrückt. Autsch! Das tut weh! Irgendetwas bedrückt dich, mein romantischer Schläfer. Irgendetwas nagt und bohrt an dir und fügt dir Schmerzen zu … Ist es weil sie nicht da ist heute Nacht? Weil sie mich dir nicht wegreißt und dir, wie gewohnt, den Schlaft raubt. Fehlt sie dir etwa? Aber du hast es doch so gewollt? Du wolltest mich für dich alleine haben. Sie hat dich doch so gestört. Und jetzt ist sie weg. Also, warum bist du nicht zufrieden? Was raubt dir nun wieder den Schlaf, dass du mich so martern musst?

Nacht für Nacht habt ihr euch um mich gestritten. Ich hielt es kaum noch aus. Ich wurde geknautscht und geschubst. Plötzlich krallten sich ihre Fingernägel in mich hinein. Ruckartig zog sie mich unter deinem Kopf hervor. Bauschte mich wütend auf, nur um dann sowieso nicht einschlafen zu können. Nacht für Nacht wurde ich Zeuge eurer Streitereien. Eurer Wut aufeinander. Immer mittendrin. Jahrelang ging das so, und ich fragte mich, wann ihr endlich genug haben werdet. Doch jetzt, wo es soweit ist, ist es nicht besser. Jetzt liegen wir da. Du und ich, und können beide nicht einschlafen. Ich muss dir helfen, mein armer Schläfer. Aber wie? Wie kann ich dafür sorgen, dass du wieder zur Ruhe kommst?

Ich dringe in deinen Kopf. Ich suche nach der Ursache des Problems… doch was ich sehe, ist zu viel Chaos. Wie soll man da einen klaren Gedanken fassen? Kein Wunder, dass du nicht schlafen kannst, wenn so wirre Gedanken dich martern. Du stehst an einem Bahnhof und kennst dich nicht aus. Jedes Mal, wenn du in einen Zug steigen willst, stellst du fest, dass es der Falsche ist. Du findest einfach nicht den Richtigen und suchst und suchst. Einmal probiert du es dann doch und fährst promt in die falsche Richtung. Jetzt bist du erst recht verloren. Der Bahnhof, an dem du nun ankommst, ist alt und verlassen. Du hättest nicht gedacht, dass du dich noch mehr verlaufen kannst. Noch weiter weg von deinem Ziel warst du nie zuvor.

Da kommt ein weiterer Zug an. Vielleicht kann dieser dich endlich nach Hause bringen? Du darfst ihn auf keinen Fall verpassen. In 15 Minuten fährt er ab. Aber du kannst deine Wagennummer nicht finden. Alle Nummern sind durcheinander. Chaos bricht aus. Auch die Anderen können ihr Zugabteil nicht finden und fragen die Schaffner, wo sie einsteigen sollen. Du fragst auch einen. Er ist nett. Er zeigt dir auf einer Landkarte, dass wir in einer Stunde in Rom sein werden, und von dort ist es nicht mehr weit nach Deutschland. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen. Du wirst bald wieder zu Hause sein. Das war nett, aber keine Antwort auf deine Frage, wo du einsteigen sollst. Also fragst du jemand anderen. Diesmal ist es eine kleine Frau. Sie versucht dir zu helfen und sucht mit dir die Wagennummer. Doch auch sie hat keine Ahnung. Du wirst langsam panisch. Du willst endlich in den Zug steigen, bevor er noch ohne dich abfährt. Die Türen sind alle offen. Du bräuchtest nur einzusteigen. Wenn du nur wüsstest wo. Die kleine Frau vor dir stolpert und fällt hin. Sie hat sich wohl verletzt, denn sie steht nicht mehr auf. Einige Leute rennen zu ihr und der Tumult wird größer. Die Frau tut dir leid. Du machst dir Sorgen um sie. Doch deine Panik, diesen Zug zu verpassen ist größer. Also, gehst du weiter und suchst deine Nummer …

O.k, jetzt reicht es endgültig. Du musst da heraus. Du brauchst einen Orientierungspunkt. Ich lege dir etwas in die Hand, das dich wieder auf den richtigen Weg bringen soll. Einen Kompass vielleicht? Oder eine Kette? Ist das ihre Kette? Die, die du ihr zum Geburtstag geschenkt hast? Langsam fängst du wieder an, dich zu erinnern. Wie es war, als alles anfing. Als es noch nicht so schwierig war. Als du sie noch liebtest. Als ihre Arme noch der Grund waren, dass du Nacht für Nacht einschlafen konntest. Bevor ihr euch um mich gestritten habt. Als ihr einfach gemeinsam auf mir schlieft …

Aber kannst du dahin zurück?

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