Horrorfilm

von Arina Molchan

Im Videorekorder knattert die Kassette. Es ist der Beginn eines schlechten Horrorfilms.

„Küss mich! Halt mich! Lieb mich!“, singt es aus dem Off. Erster Shot: Ein Kastenradio, geklebte Antenne. Darauf: ein großes Einmachglas. Darin: eine Schlange. Ihr Auge ist milchigtrüb, die Zähne ragen ihr aus dem Mund und sie lächelt. Das Glas mzzzpt bei jedem Ton aus dem Lautsprecher.

Alles hier ist aus Blech und Glas. Die Behälter auf den Regalen, auf den Zeitungsstapeln beinhalten eine umfangreiche Sammlung an Kriechtieren und Tomaten, eingelegt in Formaldehyd und Essig. In einer Dose mit der Aufschrift „Schweinefleisch“, die schüchtern hinter den Spitzebögen der Vorhänge sitzt, verwesen die zusammengefalteten Überreste einer Vogelspinne.

Neben dem Radio brutzeln auf kleiner Gasflamme Würstchen, die der alte Mann mit seinen knorrigen Fingern ab und zu anstößt, um sie zu wenden. Vielleicht heißt er Frank. Sie heißen irgendwie immer ‚Frank‘ – die alten, einsamen Männer.

Das Fenster wirft ein zerfranstes Trapez in die Finsternis draußen. Ab und zu glimmen in ihr grüne Augenpaare auf. Dann raschelt es und ein grauer Rücken, halbkreisförmig gebogen, erscheint im Lichtabdruck.

Die Wiese um den Wohnwagen herum ist voll von Wallabys. Auf der einen Seite sind sie umzingelt vom Eukalyptuswald, auf der anderen vom Morast, der all das Untier für die Einmachgläser ausbrütet.

Mit dem Licht fällt auch das Lied der Schlange in die Nacht, gedämpft zwar, aber die Ohren der Wallabys wackeln und drehen sich trotzdem.

Dann beginnen in der Ferne die Steinchen auf dem Schotterweg unter Autoreifen zu springen. Die Wallabys richten sich auf, alle gleichzeitig. Im Shot: Zwei Streifen Scheinwerferlicht und eine Dunkelheit voller Augen. Die Schlange in der Küche gibt einen kurzen Nachrichtenüberblick durch. Das Knirschen umrundet den Sumpf. Der Alte hält inne beim Wenden.

Das Bild erstarrt.

Ich spule zurück: Die Scheinwerferlichter schleichen im Rückwärtsgang fort, die Augen der Wallabys leuchten auf, Rücken beugen sich, fettige Finger drehen Würstchen zurück auf die braune Seite und …

„Küss mich! Halt mich! Lieb mich!“, gurrt das Radio. Auf ihm steht ein Glas mit gelblicher Flüssigkeit, in ihr: eine Schlange. Das Öl in der Pfanne knistert, als die Finger einer Frau grobe Fleischstücke darauf legen. Die Haut an ihren Händen ist ergraut, die Furchen an den Knöcheln tief.

Alles ist fad hier, alles altersschwach: die Stapel aus vergilbtem Zeitungspapier, die Vorhänge aus Spitze, die angerostete Schweinefleischdose auf dem Fenstersims.

Die Gläser sind überall. Das Gemüse darin ist fahl orange, oder schimmlig grün. Die Schlangen: bleich in blassgelber Flüssigkeit.

Draußen ist es Nacht und die Wallabys rascheln um den Wohnwagen herum.

Zwei Streifen Scheinwerferlichts gleisen in den Eukalyptuswald und verlieren sich irgendwo zwischen den Baumstämmen. Die Türen des Autos stehen offen.

Bertha macht ihr Abendessen.

(Nach einer wahren Begebenheit)

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