Café Friendzone

von Verena Ullmann

Noch drei Stationen würde Jakob fahren, Drei noch. Dann würde er sich an den auf der Rolltreppe rumstehenden Leuten vorbei drängeln, zum Café eilen und ihr endlich sagen, was er für sie empfindet. „Nächster Halt: Marienplatz“, vernimmt er in der Pause zwischen zwei Songs. Die Playlist auf seinem Smartphone überlässt er dem Zufall. In seinem Kopf ist gerade kein Platz für Melodien, nur für Worte, die er ihr sagen könnte, die er ihr sagen wird. Heute, gleich, nur zwei Stationen weiter. Er geht den Dialog noch einmal durch, den er seit geschätzten 147 Tagen und Nächten mit sich herumträgt. Vertraute, unausgesprochene Worte. Wie die eines Schauspielers in Zweitbesetzung – und der Held fällt nie aus. „Nächster Halt: Odeonsplatz.“ Aber heute ist Premiere.

Er wird auf die Bühne treten, sie umarmen zur Begrüßung, wie immer. Schon jetzt freut er sich auf den Duft ihrer Haare, ihren Blick, wenn sie ihn wieder loslässt. Sie würden sich setzen, schnell etwas bestellen und dann wird es ernst. „Nächster Halt: Universität.“ Jakob steigt aus und die Rolltreppe hinauf. Nach der Hälfte reiht er sich doch rechts ein. Schwitzen wäre jetzt fatal. Er drückt „No Woman, No Cry“ weg, stopft die Kopfhörer in seine Jackentasche und hört sein Herz schlagen.

Im Café ist mehr los als erwartet. Paula ist schon da und hängt, inmitten des nichtsahnenden Publikums, ihren roten Mantel über eine der letzten freien Stuhllehnen. Sie trägt ein Kleid, das er noch nie an ihr gesehen hat, als wüsste sie um den besonderen Anlass. „Hallo“, kommt es viel zu leise aus seiner trockenen Kehle. „Hi, Jakob.“ Er umarmt sie – ihre Haare, ihr Lächeln – sie setzen sich.

„Wie geht’s?“, fragt sie, während er sich aus seiner Daunenjacke befreit. „Gut. Und dir?“ „Auch.“ Paula lächelt wieder und trifft ihn damit irgendwo zwischen Herz und Magen. Er darf jetzt nicht vergessen, warum er hergekommen ist. Aber erst etwas bestellen. Er will schließlich nicht von der Bedienung unterbrochen werden, wenn er endlich mit der Sprache rausrückt. Beide blättern in der Karte. Dabei weiß Jakob genau, was er will. Mehr von ihr in seinem Leben.

Jemand kommt auf ihren Tisch zu. Nicht die Bedienung. Nein, ein Mädchen. Sie umarmt Paula. Die Nase in ihren Haaren, klaut sie ihr Lächeln. Sie dreht sich suchend um, geht zwei Tische weiter und … kommt mit einem Stuhl zurück, nicht wissend, was sie da gerade anrichtet. Hatte ich nicht gesagt, alle Stühle sind besetzt? Nein, Mist! Da passt man einmal nicht auf … Jakob wird nervös, aber wie immer sagt er nichts. Außer ein leises „Hallo.“ „Jakob, das ist Carina, eine Kommilitonin von mir. Carina, das ist Jakob. Ein Freund.“ Ein Freund. Er hat es genau gehört. Es ist nur ein Buchstabe, der fehlt. Und das Gespräch, das alles verändern könnte, rückt gerade in weite Ferne. Die Bedienung nähert sich dem Tisch. Jetzt könnte er Paula noch sagen, dass er mit ihr alleine sprechen möchte. Mit ihr alleine sprechen muss. Dringend. Jetzt! Komm schon, Jakob! Ich kann Carina jetzt ja nicht einfach in Luft auflösen! Wie sähe das denn aus … „Einen Cappuccino, bitte!“ „Für mich eine heiße Schokolaaade.“ Zu spät. „Ein stilles Wasser, bitte.“ Carina fängt an zu reden, ohne Punkt und Komma. Ich erspare euch die Details. Und Jakob sitzt da und macht nichts. Nichts!

Wie letzte Woche, als er Paula an der Uni getroffen hatte. Sie gingen in die Cafeteria und er wollte sie auf einen Kaffee einladen. Aber an der Theke kam ihm dann kein Wort über die Lippen. Sie sprach von den Semesterferien, von ungewissen Reiseplänen und unzuverlässigen Freunden.  Und er saß da. Und lächelte. Und träumte sich mit ihr nach Barcelona. Bis sie dann sagte: „Oh, ich muss los! Hab noch ‘ne Vorlesung. Wir sehen uns!“, die spanische Sonne ins Meer plumpste und er wieder vor seinem kalten Kaffee saß. Ja, sie sehen sich. Zum Glück für Jakob sehen sie sich ziemlich oft, und das obwohl er sich immer nicht traut, ihr zu schreiben. Weil ich immer und immer wieder anfange, ihre Geschichte zu erzählen. Weil ich immer und immer wieder dafür sorge, dass sie sich sehen, ungestört, in die Augen. Und trotzdem passiert nichts. Wie jetzt. Weil er nie das sagt, was er sagen sollte und meine Möglichkeiten nun mal begrenzt sind, obwohl …

Jakobs Blicke wandern immer wieder zu Paula, durch Carinas Redeschwall hindurch, der die ganze Bühne einnimmt. Ein kleiner, hektischer Kellner läuft am Tisch vorbei, das Weißbierglas auf seinem Tablett kippt um und – ups – leert sich auf Carinas weiße Bluse. „Oh shit!“ Sie tupft mit einer Serviette auf dem riesigen, nassen Fleck rum. „Entschuldigen Sie, oh nein, das tut mir unendlich leid! Entschuldigung!“ Der Kellner reicht ihr weitere Servietten. Jakob versucht, nicht auf die Bluse zu starren. Nein, Jakob ist schließlich wegen Paula hier. Jakob! Lass das! „Bin gleich wieder da.“ Carina steht auf. „Soll ich mitkommen?“, fragt Paula. „Nein, passt schon.“ Gott sei Dank. Sie verschwindet Richtung Toilette. Alleine. Paula lächelt ihn an. Jakobs Mundwinkel zucken auch ein bisschen. Ihre Finger ruhen auf der Mitte der Tischplatte. Auffordernd. Seine spielen, unter dem Tisch, mit dem Reißverschluss der Daunenjacke. Kann das denn so schwer sein! Alles muss man selber machen.

„Wolle Rose kaufen?“ Jakob erschrickt. Er dreht sich zu dem Mann um, der mit einem Berg roter und gelber Rosen hinter ihm aufgetaucht ist. Dann blickt er zurück zu Paula, in deren Lächeln sich nun eine Prise Verlegenheit mischt. Er sieht wieder den Rosenverkäufer an und sagt: „Äh, nein. Nein danke.“ Ich fasse es nicht! Jetzt kommt auch noch Carina von der Toilette zurück. Wenigstens ist ihre Bluse nun weniger durchsichtig. „Sind unsere Getränke immer noch nicht da? Was ist denn das für ein Laden!“, meckert sie und könnte nun auch einfach nach Hause gehen. Aber sie tut es nicht. Sie nimmt wieder Platz und setzt ihr Mundwerk in Gang. Ich kann mir das nicht länger mit anschauen.

Jetzt sag doch was, Jakob! „Ja was soll ich denn sagen?“, fragt er mich. Ja das, was du dir tage- und nächtelang überlegt hast! Und schick endlich die schnatternde Freundin weg. „Nee, ich will jetzt aber nicht reden“, sagt er und läuft auch noch rot an. „Wer sagt da, ich schnattere?“, fragt Paula. Sorry, Paula. Nicht du, deine Freundin! „Hast du das eben gehört? Ich glaub, der steht auf dich!“, schnattert Carina und verlässt das Café, um eine zu rauchen. „Aber ich rauche doch gar nicht …“ Doch, Carina verlässt nun endlich das Café … „Ja, ja, ich geh ja schon“, sagt sie und watschelt zur Tür. Währenddessen nimmt Jakob all seinen Mut zusammen und sagt:                      Jakob! Jetzt sag schon was! „Ähm …“ Mann, ich versuche hier zu erzählen, wie du der Frau deiner Träume endlich sagst, was du für sie empfindest und du kriegst es einfach nicht auf die Reihe! Das wird mir echt zu blöd jetzt, ich gehe.

„Und jetzt?“

                                                                                                                                              „Keine Ahnung.“

„Stimmt das?“                            „Was?“                             „Ja, dass du mir das sagen wolltest …“

„Was sagen? Achso. Also … äh … ich …“ „Bitteschön. Einmal der Cappuccino, das stille Wasser und die heiße Schokolade. Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat, es ist so viel los heute!“ „Macht doch nichts. Danke.“ „Danke“

„Jakob?“                                                                                           „Hm?“

„Ja, was ist jetzt?“                „Nichts. Wieso?“

„Nee, jetzt komm schon! Was wolltest du mir sagen?“

„Puh … ist ganz schön kalt draußen! Und ich rauche wirklich nicht! Echt nicht. Noch nie! Mh … freu ich mich jetzt auf meine heiße Schokolade! Ach … habt ihr beiden das jetzt eigentlich geklärt?“

„Nee, haben wir nicht!“                          „Oh ok … soll ich nochmal gehen?“ „Nein! Passt schon.“

„Jakob!“                            „Nein, äh, du kannst schon da bleiben, Carina. Oder obwohl, doch. Geh … geh ruhig schon mal vor, ich … äh … geh mit.“             „Oh, hihi, ok …“     „Jakob! Carina?! Was soll das jetzt?“

„Sorry, Paula, hier fünf Euro für unsere Getränke. Äh … ciao!“

Jakob und Paula verlassen das Café. Wa wa was?! Nein! Jakob und Carina verlassen das Café! Arm in Arm! Warum denn Carina? Ausgerechnet Carina, diese Schlampe! Verdammt, wie ist das denn jetzt passiert? Boah, ich hab echt keinen Bock mehr auf so eine Scheiße! In Zukunft erzähl ich nur noch Märchen. Ja, einfach Märchen. So mit Es-war-einmal und Sie-lebten-glücklich-bis-an-ihr-Ende und sonst nichts! Basta. Und jetzt brauch jetzt erst mal ‘nen Schnaps.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. annikakemmeter sagt:

    Oh, Verena, wunderbar! Eine Super-Geschichte! Hat echt Spaß gemacht, sie zu lesen. Chapeau!

    Gefällt mir

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