The Future is Gold

von Alexander Wachter

Ich bin mir sicher, dass Markus mich anlügt. Sein Handy hat er demonstrativ auf den Tisch gelegt, wie um mir zu sagen: »Schau, ich will dir nichts verheimlichen.« Während er in die Küche schlendert, um sich ein Glas einzuschenken, bleibe ich am Wohnzimmertisch sitzen und hadere mit mir. Soll ich das Handy schnell nehmen und die Nachrichten durchschauen? Zumindest die obersten könnte ich mir anschauen, bevor er zurückkommt. »Nein«, ermahne ich mich selbst. »Du machst so etwas nicht.« Vermutlich hat Markus alle relevanten Nachrichten sowieso schon längst gelöscht.

Da springt mir ein Gedanke in den Kopf. Ich könnte doch wenigstens nachschauen, ob er den Flugmodus seines Handys eingeschaltet hat. Auf diese Weise würde er nämlich keine Nachrichten bekommen, die ich nicht sehen soll. Hat er allerdings keinen Flugmodus drin, wäre das zumindest ein Indiz, dass er wirklich nichts zu verheimlichen hat. Schnell drücke ich auf den Home-Button des Smartphones und der Bildschirm leuchtet auf. In der Ecke prangt das Flugzeugsymbol. Wieso überrascht mich das nicht?

Markus Füße schlurfen den Gang zurück und ich beeile mich, den Smartphonebildschirm wieder dunkel werden zu lassen. Er setzt sich mir gegenüber. Der kurze Kontrollblick auf sein Handy entgeht mir nicht. »Hättest du auch was trinken wollen?«, fragt er mich und schlürft an seinem Glas Milch.

Erst jetzt bemerke ich, wie trocken mein Hals ist. »Ja gerne.«

»Na toll, jetzt hab ich mich grade hingesetzt. Magst du dir selber was holen – oder muss ich nochmal aufstehen?«

Manchmal glaube ich wirklich, mit einem Teenager zusammen zu sein. »Schon gut. Bleib sitzen«, sage ich tonlos. Er lässt meine Stimmung immer tiefer in den Keller rasseln.

»Oh Mann.« Er seufzt laut. »Dann geh ich halt. Was willst?«

»Nein, lass gut sein. Ich will nichts.«

Er rollt mit den Augen und trinkt einen weiteren Schluck. Für einige Augenblicke sagt keiner von uns ein Wort. Ich wippe mit meinem Fuß nervös unter dem Tisch auf und ab, eisern darauf konzentriert, ihn nicht anzuschauen. Er starrt gelangweilt aus dem Fenster, auf die blühenden Rhododendren, den ganzen Stolz seiner Mutter.

Markus hat seinen Nachmittag doch bestimmt mit Tanja zusammen verbracht. Laut ihm haben sie seit dem gemeinsamen Praktikum letztes Semester kaum mehr persönlich miteinander geredet, geschweige denn, sich auf einen Kaffee oder Ähnliches getroffen – »Wir schreiben nur. Okay, Schatz?« –, doch ich vertraue seinen Aussagen leider nicht mehr. Als Markus und ich ihr vor Kurzem zufällig auf der Straße über den Weg gelaufen sind, habe ich eindeutig Blicke zwischen den beiden bemerkt.

Dabei braucht er sie nicht. Er hat doch mich. Wieso verschwendet Markus seine Zeit mit dieser affektierten Schnalle? Sie ist darüber hinaus noch nicht einmal sein Typ. Lange, künstliche Nägel, Unmengen an Make-up im Gesicht und ständig diese Wolke ihres Dior-Parfums um sie herum. Als würde ein Spritzer nicht genügen.

Markus stößt einen lauten Seufzer aus. Seine Finger spielen ungeduldig mit dem Zipper an seinem Pullover. »Was ist mit dir?«

Als Antwort erntet er lediglich ein Schulterzucken von mir. Ich brauche ihn nicht anzusehen, um zu wissen, dass er abermals die Augen verdreht. Die Vorstellung allein, treibt mich zur Weißglut. Dabei ist es mir selbst ein Rätsel, weshalb ich mich so fühle. Wieso liebe ich diesen Idioten so sehr? Wieso meistert er es, meine Gefühle wie kein anderer aufzuwirbeln und durcheinander zu bringen? Wenn meine beste Freundin mir nichts zu trinken aus der Küche mitbringt oder einmal wegen mir die Augen verdreht, stört mich das nicht. Aber wenn er sich so verhält …! Wieso liebe ich ihn, obwohl mich alles an ihm nervt? Gibt es da nicht irgendein physikalisches, chemisches oder religiöses Gesetz, dass man eine Person nicht gleichzeitig verabscheuen und lieben kann? Wenn man jemanden wahrhaftig von ganzem Herzen liebt, dann kümmert man sich doch um diese Person. Liebt er mich also gar nicht wirklich? Oder ist seine Art zu lieben einfach nur anders als meine, aber deswegen nicht weniger richtig?

»Jetzt sag schon! Was ist mit dir?«, fragt mein Freund erneut. Sein Blick ist fordernd, seine rechte Augenbraue nah beim Haaransatz.

Mir wird auf einmal bewusst, wie schwer mein Kopf sich anfühlt. So viele Fragen schwirren darin herum, auf die ich keine Antworten finde. Sie drücken mich buchstäblich nieder. Wie soll ich nur irgendetwas davon ansprechen, ohne dass er explodieren oder beleidigt sein wird?

Ich grübele noch einige Momente, bevor ich mich zu einer Antwort durchringe. »Ich weiß nicht, was ich dir noch glauben soll.«

Die erwartete Reaktion kommt postwendend. »Schatz! Jetzt reicht’s verdammt nochmal!« Er schiebt sich hart von der Tischkante weg und steht auf. »Also langsam glaub ich’s dann. Schon wieder das Thema? Wir haben doch schon so oft drüber geredet. Vertrau mir doch einfach mal!«

»Dir vertrauen, Markus?« Ich stoße ein gekünsteltes Lachen aus. »Das ist echt schwer! Du gibst mir nie das Gefühl, dass ich dir irgendwas wert bin.« Er schlägt meine Bemerkung mit einer Handbewegung ab, doch ich lass nicht locker: »Wie kann ich dir denn vertrauen? Du schaust ständig anderen Frauen hinterher. Erzählst mir ständig von deinen früheren Sexpartnerinnen und wenn du mal Zeit für mich findest, dann scheinst du ständig genervt von mir zu sein. Wann hast du das letzte Mal etwas getan, nur um mir eine Freude zu bereiten?«

Er wirft sich auf die Couch, sein Gesicht in ein Kissen versunken. Seine Stimme dringt gedämpft an meine Ohren. »Gerade eben.«

»Gerade eben?«

»Ich hätte dir ein Glas geholt. Hättest es nur sagen müssen.«

Nun war ich an der Reihe aufzuspringen. Der Stuhl fällt klappernd hinter mir zu Boden, ich kümmere mich nicht darum. Eine Gänsehaut krabbelt wie Spinnenbeine meinen Rücken hinauf und meine Arme hinunter. »Also das ist ja mal die dümmste Antwort überhaupt! Du weißt genau, wovon ich rede. Es kommt mir so vor, als wäre ich dir egal! Sogar deine Kumpels sind dir wichtiger als ich. Du liebst mich doch gar nicht, du liebst nur dich selbst! Du bist ein verdammter Egoist!«

»Ein Egoist?« Sein Gesicht taucht aus dem Kissen auf.

»Ja, ein Egoist! Du bist ein Egoist. Fühlst dich nur gut, wenn du andere klein machen kannst.« Markus verzieht keine Miene, aber ich kann an seinen Augen ablesen, dass meine Worte ihn getroffen haben. Er setzt sich aufrecht hin, hält allerdings den Kopf gesenkt und vermeidet den Blickkontakt mit mir. Schlagartig fühle ich meine Tränendrüsen arbeiten. Es ist nicht meine Absicht gewesen, ihn zu verletzen. Am liebsten würde ich zu ihm gehen und alles wieder zurück nehmen, damit er sich besser fühlt. Doch ich muss in diesem Moment einfach stark bleiben und nicht wieder nachgeben. Ich habe zu lange gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Um meiner Entscheidung treu zu bleiben, drehe ich mich von ihm weg.

Ich höre, wie er mit seinen Nägeln rhythmisch auf den Wohnzimmertisch klappert. Das macht er immer, wenn er nachdenkt. »Ja mag sein, dass ich ein Egoist bin. Aber gegen dich, ist doch jeder ein Egoist. Kann ich doch nichts dafür, dass du zu wenig an dich denkst und nicht konsequent genug mit mir bist.«

Habe ich mich vor ein paar Sekunden etwa noch schlecht wegen ihm gefühlt? Mir entkommt ein genervter Aufschrei und ich drehe mich fuchsteufelswild um. »Man kann mit dir nicht normal diskutieren! Deine Aussagen sind nicht mal stichhaltig oder in irgendeiner Weise eine Antwort auf das, was ich gesagt habe. Du nimmst mich überhaupt nicht ernst. Es tut weh! Du tust mir weh! Ich kann das nicht mehr.« Tränenblind eile ich aus dem Raum. Ich möchte nur weg von ihm. Weg von diesem ignoranten Typen, den ich so liebe und der doch immer nur an sich selbst denkt.

In Nullkommanichts quetsche ich die Füße in meine weißen Sneakers, die ich nur gekauft habe, weil sie Markus gefielen. Als ich mir meinen Mantel um die Schultern werfe, bin ich bereits bei der Eingangstür. Mit einer Hand am Türgriff, höre ich Markus hinter mir in den Gang treten. »Bitte geh nicht!«

»Du brauchst Zeit zu denken. Ich möchte nicht mit dir diskutieren, wenn du mich nicht ernst nimmst und mir keine richtigen Antworten geben kannst.« Ich öffne die Tür.

Er hält mich auf. Mit einem Satz springt er an meine Seite und drückt die Tür zurück ins Schloss. »Ich muss nicht nachdenken. Ich weiß, was ich für dich empfinde.«

»Das mag schon sei–«

»Es tut mir leid, verdammt! Du weißt, ich bin nicht so gut mit Worten. Also verlang das nicht immer von mir! Ich rede einfach nicht gerne über Gefühle.«

»Ja, aber das gehört dazu.« Er hält nachwievor die Tür fest im Schloss. Ich gebe den Versuch auf, sie zu öffnen und sorge für Abstand zwischen uns, indem ich einige Schritte in den Gang zurückweiche. »Vor allem, wenn du meine Gefühle ständig mit Füßen trittst.«

Er sucht nach Worten, versucht sie vor sich in der Luft zu greifen und sie zu sich heranzuziehen. Es gelingt ihm teilweise. »Ich geb‘ ehrlich zu. Ich kann mich nicht in deinen Kopf hinein denken, wie du das so gut kannst.« Er versucht sich an einem Lächeln. Ich steige nicht darauf ein. »Ich denke mir, für mich ist alles in Ordnung, dann wird für dich wohl auch alles passen, Schatz.«

»Dem ist aber nicht so. Du willst ja kaum noch Zeit mit mir verbringen, Markus. Bist ständig beim Sport und mit Freunden unterwegs. Wo hab ich da noch Platz?«

»Oh, Schatz.« Er streckt seine Hand nach mir aus, doch ich weiche zurück, so dass ich mit meiner Wade bereits den ersten Treppenabsatz spüre. »Ich werde immer Zeit für dich haben«, fährt er fort. »Darf ich für meinen Schatz nicht schön sein? Du weißt, ich hab’ mich teilweise etwas gehen lassen. Sei doch stolz auf mich, dass ich versuche, wieder vorzeigbar auszusehen und etwas Sport mache.«

Das ist tatsächlich mal ein gutes Argument von ihm. Aber er hat schon vieles behauptet. Woher weiß ich, dass er es dieses Mal wirklich so meint? »Und was ist mit Tanja?« Der Name allein löst schon ein beklemmendes Gefühl in meiner Brust aus.

»Was soll mit ihr sein?«

»Trainierst du nur, um ihr zu gefallen? Ich hab die Blicke zwischen euch doch gesehen. Ich bin nicht dumm.«

Aus Markus Gesichtsausdruck lässt sich allerdings eindeutig schließen, dass er mich für dumm hält. Gut für ihn, dass er es nicht offen ausspricht. »Schatz, das lag daran, dass sie mir damals echt peinliches Zeug von sich erzählt hat, das ihr nun im Nachhinein peinlich ist.«

»Wie kommt die dazu, dir peinliches Zeug zu erzählen?«

»Das Projekt war zäh und man kann keine sechs Stunden am Stück nur über das Arrow Paradoxon reden.«

»Mir ist sehr wohl bewusst, dass ihr keinen ganzen Tag nur über BWL-Themen redet, aber wieso erzählt sie dir peinliches Zeug? Was für Zeug überhaupt?«

Markus beißt sich auf die Unterlippe. »Willst du’s wirklich wissen?« Meine Miene scheint ihn davon zu überzeugen. »Okay, na gut. Aber es ist ihr wirklich sehr peinlich. Als sprich’s bitte nie an.« Er holt einmal tief Luft, dann fährt er fort: »Tanja hatte mal was mit ihrem Cousin am Laufen. Die beiden trafen sich regelmäßig. Erst drei, vier Wochen später, als sie es offiziell machen wollten, bemerkten sie die Gemeinsamkeiten im Familienkreis.« Er lacht. »Ziemlich peinlich, ha?« Ich muss tatsächlich ein wenig grinsen, beim Gedanken an Tanjas Gesicht, als sie es herausgefunden hat.

»Ja, also das ist der Grund, weswegen sie sich immer so ziert, wenn wir uns sehen. Mehr ist da wirklich nicht, Schatz.«

Seine Geschichte klingt in der Tat plausibel, abgesehen von einer Kleinigkeit. »Wieso zeigst du mir dann nicht dein Handy. Du nimmst es immer mit, änderst ständig dein Passwort und schaltest es immer aus, wenn du es doch mal kurz li –«

Noch bevor ich meinen Satz beenden kann, stürzt er aus dem Gang. Als er zurück kommt, streckt er mir sein Handy entgegen. »Hier. Schau mein ganzes Handy durch. Ich wünschte mir, du hättest das Vertrauen zu mir, aber da du es nicht hast… Schau alles durch. Da ist nichts drauf. Ich schreibe niemandem romantische Sachen außer dir.« Ich nehme ihm das Handy nicht aus der Hand. Die Tatsache, dass er es mir anbietet und die Aufrichtigkeit in seinem Blick genügen mir. Meine Laune bessert sich erheblich.

»Du hast mir schon lang nichts Romantisches mehr geschrieben«, sage ich in einem Tonfall, bei dem er hoffentlich heraushört, dass ich es nicht als Vorwurf meine.

»Ist doch auch nicht immer nötig.« Ein Grinser erstreckt sich auf über sein Gesicht. Er hat meinen Tonfall richtig verstanden. »Außerdem sag ich es dir halt lieber, wenn wir uns sehen.«

»Hmm okay.«

Markus zieht mich zu sich heran. »Okay?«

»Okay.«

Ich spüre seinen Atem auf meinem Gesicht, als er mir langsam den Mantel von den Schultern streift. Bevor er mich küsst, murmelt er noch: »Du bist schon nicht gerade einfach, ich hoffe, du weißt das.«

»Ja, du aber auch nicht«, sage ich, sobald wir uns wieder voneinander lösen.

»Das hab ich jetzt mitgekriegt.« Er verzieht sein Gesicht zu einer albernen Grimasse, in einem Versuch, mich nachzuäffen.

»Oh Markus. Du bist so ein Idiot«, sage ich und boxe ihm halbherzig gegen die Brust.

»Ja, aber ich bin dein Idiot.« Er lächelt und drückt mir einen schnellen Kuss auf den Mund, bevor er seine Arme um mich schlingt. Ich erwidere seine Umarmung. Mein Kopf lehnt gegen seine Brust und mein Herz scheint auf einmal federleicht zu sein. Womöglich verursache ich die meisten Probleme tatsächlich selbst. Ich habe schon immer ein Händchen dafür gehabt, Dinge komplizierter zu machen, als sie eigentlich sind. Ich sollte ihm wirklich mehr vertrauen.

Dann steigt mir der Geruch von Dior in die Nase.

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