Kernfusion

von Victoria B.

„Ich hab die Welt nicht verstanden, also bin ich bei dem geblieben, was mir Spaß gemacht hat.“ Sie sagte die Wahrheit. Das ewige Träumen vom Kosmos hatte sie zur Physik geführt. Ihre Augen wanderten nach oben, zum Himmel. Das Observatorium war zu ihrem liebsten Schlafplatz geworden, weil das überhaupt der einzige Ort war, an dem sie noch schlafen konnte. Nirgends war sie den Sternen so nah, wie hier. Und wenn sie den Sternen nah war, hatte alles einen Sinn. War es richtig, dass sie ihn mit her gebracht hatte? Gerade jetzt, als seine Lippen sich näherten, kam ihr der Gedanke, dass er ihr Refugium entehrte. Anstatt ihn zu küssen, nahm sie noch einen Zug von ihrer Zigarette. Er war dem Ort nicht geweiht, dem Ganzen geistig nicht gewachsen. Er war nicht mal Biologe, hatte also mit ihren Teilchen nichts am Hut. Die kleinsten Teile seines Universums waren Phoneme und Morpheme, so wie es eben für alle Philologen der Fall war. Sie wollte ihm seinen Rucksack in die Hand drücken und ihn dann schnellstens vor die Tür setzen.

„Deine Leidenschaft hat dich also an diesen Punkt deines Lebens gebracht?“, fragte er lächelnd.

„Ja. Ist doch scheißegal, an welchem Punkt unseres Lebens wir wann sind, schließlich sind wir alle aus demselben Material wie die Sterne.“ Sie hatte versucht, irgendeinen Literaten zu zitieren. Vielleicht würde er das ja verstehen.

„Ah ja, dasselbe Material … und doch so verschieden … “, sagte er ehrfurchtsvoll.

„Im Prinzip sind wir gar nicht so verschieden. Was uns der Makrokosmos zeigt, spielt sich auch im Mikrokosmos ab. Die einwirkenden Kräfte sind ja auch dieselben.“

Sie fertigte ihn schnell ab. Es war die Phase der Abstoßung. Jedes ihrer Teilchen pulsierte in der eigenen Energie und seine war so fremd. Aber auch stark.

„Ich glaube, letztendlich können wir Menschen nicht verstehen, was sich da oben abspielt. Aus welchem Material wir sind und welche Kräfte auf uns einwirken … ein kleines bisschen beobachten und benennen, das ist wohl alles, was wir können“, seufzte er.

„Im Prinzip können wir schon mehr. Das, was wir beobachten, ist nichts weiter als ein Trugbild. Doch wir haben Möglichkeiten entwickelt, tiefer zu gehen, deduktiv zu arbeiten und Wissen darüber zu erlangen.“ Die körperlichen Berührungen hatten ihr gefallen. Allerdings konnte die geistige Berührung zwischen den beiden offensichtlich nicht erfolgen. Es war, als ob sie einem Kind gegenübersitzen würde.

„Doch wie können wir deduktiv vorgehen, wenn wir dafür Worte benutzen, deren Konzepte allzu menschlich sind? Wir bleiben beschränkt in unseren Möglichkeiten, durch unseren menschlich beschränkten Verstand. Die Definitionen von Kraft, Material und Energie unterscheiden sich allesamt, somit schließen wir aus, dass sie eine Einheit sind.“ Er blickte auf den Boden, so als würde sie nicht begreifen, um was es hier eigentlich ginge. Sie schwieg.

„Wir denken an den Stern, als vom Mensch verschieden. Und doch sind wir aus demselben Material?“ Er schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln. Plötzlich spürte sie, dass er ihren Blick gefangen hatte und nicht mehr los ließ. Es war tatsächlich scheißegal, an welchem Punkt ihres Lebens sie jetzt war. Es war scheißegal, ob er ihren Schlafplatz entweihte. Es war scheißegal, ob Morpheme und Phoneme eine Wechselwirkung brauchten, um zu fusionieren. Denn ihre Leidenschaft hatte sie zu diesem Punkt gebracht. Und wenn sie verschmelzen würden, würde sicherlich Energie frei werden.

 

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