Reißen

von Arina Molchan

Ihre Gedanken waren wie ein Klumpen verknoteter Ketten aus angelaufenem Silber: ein unentwirrbares Durcheinander; ein schmutziges, stumpfes Schwarz, weggeschlossen in einer Schädelschatulle und dort vergessen. Sie waren schon vor langer Zeit oxidiert, weil die Wände des Büros schwefelgelb waren; weil die Lüfter der Rechner einen fauligen Atem herausröchelten, der dann durch die Lungen in das Gehirn gelangte. Wann hatte sie das letzte Mal etwas gedacht, das nichts mit dem Büro zu tun hatte?
Sie knipste ihre Tischlampe als letzte aus, schloss als letzte die Bürotür. Daheim wartete niemand auf sie. Das einzige, das jemals auf sie wartete, war ein leeres Apartment.

Im Glasaufzug, der vom 12. Stock nach unten schwebte, zog sie sich die Pumps von den Fersen. Nur die Feinstrumpfhose schützte ihre Sohlen vor dem beißenden Asphalt draußen. Die Nacht öffnete sich ihren gedankenlosen Schritten.

An der Kreuzung ging sie einfach über Rot, dann durch die Schwärze des Parks. Das Handy leuchtete ihr den Weg wie ein einsames Glühwürmchen in einer zu windigen Nacht. Am anderen Ende des Parks lag Kies: ein Biergartenparkplatz. Die Steinchen zerrissen ihr die Feinstrumpfhose, aber das war ihr egal. Die Laufmaschen fraßen sich die Fußknöchel hoch, während an den leeren Tischen die Heizpilze ihre Schritte mit verschlafenen Augen verfolgten.

Im Schein der letzten Laterne vor dem Autobahnring hatten die Schatten die Farbe von schwarzem Silber. In der Ferne schlängelte sich ein schwefelgelber Buchstabe in der Dunkelheit. Kurz erinnerte es sie daran, dass das Mittagessen im Büro schon lange her war. Das war aber egal. Egal. Sie murmelte das Wort immer wieder, während ihre Füße dem Standstreifen folgten.

Sie wurde angehupt. Egal. Angehupt. Egal. Die vereinzelten Autos schossen wie Kometen an ihr vorbei, lärmten. Aber: alles egal.

Die Luft im schwefelgelben Restaurant an der Autobahn war ranzig und verklebte ihr die Lungen. Ohne etwas zu kaufen, suchte sie nach der Tür mit dem richtigen Buchstaben. Sie stellte ihre Handtasche auf die Armatur und legte die Pumps in das Waschbecken. Sie holte ihr Kosmetiktäschchen heraus, das schnurrend sein Maul für sie öffnete.

Sie ging damit in eine der Kabinen und setzte sich auf die Kloschüssel. Der Bund ihres Rocks schnitt ihr in den Bauch. Sie beugte sich vor und zerriss ihre Strumpfhose, bis ihre Zehen vor ihr ausfächerten. Die Haut ihrer Sohlen war zerfranst von dem Gewaltmarsch, die Zehen teerschwarz. Sie holte den Nagelknipser aus dem Kosmetiktäschchen und setzte an. Die Nägel fielen auf den Boden, danach ganze Hautfetzen.

Sie dachte nichts, spürte keine Scham, kein Zögern diese Schwelle zu übertreten: ihre Haut in Flocken abzuknipsen, in einem roten Muster ihre Beine hoch bis zum Rocksaum. Dann weiter.

Sie knipste, bis sie sich auflöste.

 

Bild: Arina Molchan; Verena Rabus
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