Die 4 Weisheiten – eine Anekdote

von Alexander Wachter

„Die Weisheitszähne müssen raus.“ Wäre meine Kinnlade nicht bereits unten gewesen, wäre sie in diesem Moment heruntergeklappt. Obwohl ich – jung, blond und OP-Jungfrau – mit dieser Ankündigung gerechnet hatte, fühlte es sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Viele Jahre hatte ich es hinausgezögert, doch nun war es soweit.

Mein neuer Zahnarzt Dr. Brandstetter strahlte zu gleichen Teilen Jugendlichkeit und Kompetenz aus, was es mir unmöglich machte, ihm ein konkretes Alter zuzuordnen. Mit seinen Schlauchfingern führte er die gründlichste Mundraumuntersuchung meines Lebens durch. Er legte mir nun väterlich eine Hand auf die Schulter. „Die Weisheitszähne müssen raus, sonst werden alle Zähne schief.“ Als letzten Stich ins Herz fügte er hinzu: „Vor vier Jahren wären Sie im perfekten Alter dafür gewesen.“ Er erklärte mir, dass die Weisheitszähne Widerhaken ausgebildet hatten und bis in den Kieferknochen vorgedrungen waren. Es sei höchste Zeit, sie zu ziehen, bevor sie weiter hineinwachsen und quasi inoperabel werden würden. „Das wird kein Spaß“, sagte er und lachte trotzdem.

Vier Wochen Schonfrist wurden mir gewährt, dann sollten meine Weisheitszähne dauerhaft von mir getrennt werden. Ich gab mir Mühe, mich mental darauf vorzubereiten, fühlte mich jedoch, als würden fünf Jahre Schonfrist nicht genügen. Die Operation bekam ein Datum zugewiesen und sollte wie folgt aussehen: Meine vier Weisheitszähne würden alle auf einmal herausoperiert werden. Ohne Narkose. Dafür mit Betäubungsspritzen und hocheffizienten „Scheiß-Egal-Tröpfchen“, die mich in einen Zustand vollkommener Betrunkenheit und Wurschtseins versetzen würden. Unbehagen machte sich an diesem Punkt der Erläuterung bei mir breit und wohl auch bei jedem, der mich bereits betrunken erlebt hatte.

Sobald mir klar war, dass meine Weisheitszähne und ich keine gemeinsame Zukunft mehr miteinander erleben würden, fiel mir die Parallele zu meinen Ex-Freundinnen auf. Aus diesem Grund – und der Übersicht halber – taufte ich meine Weisheitszähne Maja, Kathi, Bibi und Anna.

Maja, die sich rechts oben befand, war so weit in den Kiefer hineingewachsen, dass das Herausziehen ein haselnussgroßes Loch zwischen meiner Nasennebenhöhle und meiner Mundhöhle zurückließ. Dieses wurde von dem Herrn Doktor fachgerecht zugenäht, dennoch sollte ich darauf achten, in den ersten Wochen nicht zu schnäuzen und beim Niesen dem Mund offen zu lassen. Ansonsten könnte die Wunde aufreißen und neben dem ganzen Blut würde sich auch das erneute Zunähen ungemein schwierig gestalten, da die zerklüfteten Wundränder keinen sicheren Halt für Nadel und Faden bieten würden.

Bibi, die sich auf der anderen Seite unten befand, hatte ihre widerhakige Wurzel so weit in den Unterkiefer geschlagen, dass sie den Nerv umschloss, der für das Gefühl in der Unterlippe verantwortlich war. Die Gefahr bestand darin, den Nerv bei Bibis Entfernung zu verletzen, was in einer anhaltenden Lähmung resultieren würde.

Kathi, der es unten rechts zu eng wurde, und Anna, die links oben bis dato ihr Zuhause nannte, waren unkomplizierter. Keine zu tiefen Wurzeln, keine anliegenden Nervenbahnen. Raus mussten sie dennoch.

Natürlich kam der Tag der Trennung viel zu früh. Zur Henkersmahlzeit tischte mir meine Mutter ein saftiges Rinderfilet mit Bratkartoffeln, Sauce Béarnaise und dazu einen Maiskolben auf. Ich wollte die Beißerchen noch arbeiten lassen, bevor sie in den frühzeitigen Ruhestand geschickt wurden.

Der Weg zur Praxis fühlte sich dann tatsächlich an wie meine letzten Schritte zum Galgen. Im Kontrast zum hellen Sonnenschein wirkte die enge Gasse, in der sich die Praxis befand, noch schattiger und bedrohlicher. Ich bildete mir ein, in der Ferne Ennios Spiel mir das Lied vom Tod zu hören, das mich melancholisch auf mein Ende vorbereitete, während ich die unheilverheißende Türglocke zum Bimmeln brachte.

Die Zahnarztassistentin Mia würde den Herrn Doktor bei meiner Operation unterstützen. Beim Anblick des zierlichen Mädchens, dessen gigantische Zahnspange mich kurzzeitig blendete, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie beim ersten bisschen Blut nicht sofort in Ohnmacht kippte. Mia war so zierlich, ihre beiden Oberschenkel zusammengenommen maßen nicht einmal denselben Umfang wie eine meiner Waden.

Sie hieß meine Mutter zu gehen und in einer Stunde wieder zu kommen. Mich führte sie in ein kleines Behandlungszimmer mit einem leeren Aquarium und aufgeworfenem PVC-Laminat. Darin verabreichte sie mir die „Scheiß-Egal-Tröpfchen“. Es war ein Löffel Zucker mit 30 Tropfen neonblauer Medizin. Sie roch wie Jägermeister und schmeckte wie Schwefel. Ich sehnte mich zurück nach meinem Rinderfilet.

Nun stand ich unter ständiger Beobachtung. Selbst auf die Toilette durfte ich nicht mehr alleine gehen, zu groß war die Gefahr, dass ich das Bewusstsein verlor. Ich verstand das ganze Tamtam nicht, fühlte ich mich doch nach der Einnahme der Tröpfchen keinen Deut anders als zuvor. „Das kommt noch“, versicherte mir Mia. „Ganz schnell dann.“ Ihr Grinsen erinnerte mich an einen Kojoten, der ein Stück Aas entdeckt hatte, und mir wurde bewusst, dass sie vermutlich sehr wohl mit blutigen Operationen umgehen konnte.

Dr. Brandstetter bekam ich an diesem Tag zum ersten Mal zu Gesicht, als er mich einspritzte. Er begrüßte mich freundlich und zwinkerte mir zu. „Sie werden schon sehen, das wird alles halb so wild. Wirken die Tröpfchen schon?“ Ich schüttelte den Kopf. Der Doktor wies mich an, mich zurückzulehnen, den Mund zu öffnen und zu entspannen. Obwohl ich die letzte Anweisung noch nicht ausgeführt hatte, fing er bereits an, mir die erste Betäubung in den Mund zu spritzen. Das Einstechen fühlte sich an, als hätte ich mir ein Stück Pringles beim Kauen versehentlich in das Zahnfleisch gerammt. Ich sah, dass die Spritzennadel, nachdem ich den Einstichschmerz gespürt hatte, noch ein paar weitere Zentimeter in meinen Mund hineingedrückt wurde. Da entschied ich mich, die Augen besser geschlossen zu halten.

Im Endeffekt jagte mir der Herr Doktor 12 Spritzen in den Mund. Die ersten sechs Spritzen bemerkte ich, bei den restlichen war bereits alles taub. Ich hatte mir im Vorhinein Sorgen gemacht, dass ich den Doktor während der Operation durch mein Schlucken bei seiner Arbeit katastrophal behindern könnte. Nun bemerkte ich, dass ich keinen Schluckreflex mehr besaß. Auch gut.

Irgendwann zwischen der ersten Spritze und dem Aufstehen aus dem Einspritzstuhl hatten die „Scheiß-Egal-Tröpfchen“ doch noch ihre Wirkung entfaltet. Der Raum drehte sich, meine Schritte tanzten mit. Ich fühlte mich immer noch Herr all meiner Sinne, empfand allerdings eine erfreuliche Losgelöstheit. Man konnte diese Losgelöstheit den Tröpfchen zuschreiben, aber womöglich hatte ich mich in diesem Moment auch schon mit meinem Schicksal abgefunden. Waren Marie Antoinettes letzte Worte nicht auch eine Entschuldigung an den Scharfrichter gewesen, dem sie versehentlich auf den Fuß getreten war? Monsieur, je vous demande excuse, je ne l’ai pas fait exprès. So sprach keine Frau, die sich nicht mit dem Sterben abgefunden hatte. Gleichermaßen ruhig kam ich mir in diesem Moment vor, als man mich auf den OP-Sessel hievte. Und ähnlich wie Marie Antoinette entschuldigte ich mich nuschelnd und lallend bei Mia dafür, dass ich sie soeben vollgesabbert hatte.

In mühevoller Kleinarbeit – und mit vereinten Kräften von Mia und Dr. Brandstetter – setzte ich mir meine Beats-Kopfhörer auf und startete die Wisdom-Teeth-Playlist, die ich mir aus ebenjenem Grund erstellt hatte. Eine Freundin hatte mir den Rat gegeben, Blurred Lines von Robin Thicke mit auf die Playlist zu packen. Nicht wegen der schönen Gedanken an die Oben-Ohne-Models aus dem Musikvideo, sondern weil der Bassschlag des Liedes die exakt selbe Tonlage wie der Bohrer besaß. Auf diese Art konnte ich den Bohrer ein wenig aus meinem Bewusstsein ausklammern. Ich hatte zwar davor noch nie einen Zahnarztbohrer gehört, der tiefer klang als ein Mosquito, aber ich schenkte der Aussage meiner werten Freundin Glauben. Sie behielt recht. Gleich beim ersten Weisheitszahn – der kaltherzigen Maja – nahm der Bohrer dumpf brummend den Betrieb auf. Ich schloss die Augen und verlor mich in den Upbeatklängen mittelmäßiger Chartstürmer.

Zwischenzeitlich blinzelte ich nach einer schreienden Aufforderung des Doktors, den Mund weiter zu öffnen, und erkannte dunkle Blutspritzer auf seinem gespannten Mundschutz. Mia auf der anderen Seite hatte sogar etwas Blut an der Schläfe kleben. Da kniff ich meine Augen lieber wieder zusammen und hielt sie für den Rest der OP geschlossen.

Im Großen und Ganzen saß ich knapp drei Stunden mit geöffnetem Mund auf dem OP-Stuhl bis mich Mia an der Schulter rüttelte und mich zwang die Augen zu öffnen und die Kopfhörer abzunehmen. „Wir gehen röntgen.“ Dr. Brandstetter wollte sicher gehen, dass keine Zahnstücke in den Wunden übersehen worden waren. Aus diesem Grund wurde ich mit Mia zum Röntgen geschickt, bevor die Wunden zugenäht wurden. Ich bekam einen Becher in die eine Hand und Mias Arm an die andere. Den Becher hielt ich an mein taubes Kinn bis ich anstand. „Sie können gerne den Mund öffnen. Das ganze Blut schlucken ist nicht fein.“ Sie lächelte und ich erwiderte es bestmöglich. Zumindest ergoss sich ein Schwall meines Lebenssaftes in den weißen Becher.

An der Röntgenmaschine musste ich Mia den Becher zurückgeben, einen Bleischutz anziehen und auf das Stück Plastik vor mir beißen. Nachdem Mia mir die Anweisung gegeben hatte, brach sie in Gelächter aus. Ob nervöses Gelächter oder nicht, ich empfand es als unpassend, stand ich doch nur so da und blutete mich voll. „Du spürst natürlich nichts. Warte, ich helf‘ dir.“ Sie führte meinen Mund zu dem Plastikteil und drückte ihn zusammen.

Der Doktor entdeckte keine übersehenen Zahnreste und nähte meine Wunden zu. Ich verzichtete auf die Kopfhörer und auf das Schließen der Augen. Das Schlimmste war ohnehin geschafft. Er fuhr mit einer gebogenen Nadel einige Male in meinem Mund herum, schnitt die überstehenden Fäden ab und verpasste mir noch eine Mundspülung, um zu sehen, ob die Nähte ordentlich gesetzt waren. Dann war ich fertig. Endlich.

Dr. Brandstetter suchte meinen Blickkontakt, damit er wusste, ob ich geistig anwesend war. „Die OP ist super verlaufen. Die Nerven wurden soweit nicht beschädigt.“ Ich tat mein Bestes, mir keine Gedanken über seine Definition des Wortes soweit zu machen. „Wie schon gesagt, beim Niesen und Schnäuzen etwas Acht geben.“ Ich erfuhr, dass alle vier Weisheitszähne gespalten werden mussten, weil keiner nur mit Ziehen und Gut-Zureden herauskommen wollte. Maja und Anna hatten ihren Platz kurzfristig verteidigt und bald aufgeben. Bibi und Kathi hingegen verschafften dem Doktor einige Schweißperlen. Sie krallten sich mit ihren Wurzeln so stark im Kiefer fest, dass der Kieferbohrer zum Einsatz kommen musste. Anschließend galt es noch, die Zahnteile aus dem zerfurchten Wundenkrater herauszusuchen.

„Möchten Sie Ihre Zähne sehen?“, fragte der Doktor, während der OP-Stuhl mich langsam in eine vertikale Lage brachte. „Ahh“, sagte ich, was Ja bedeutete. Er schob den blechernen Ablagetisch zu mir hin. Neben dutzenden blutigen Bohrern, Skalpellen und Mundspiegeln lagen auch meine Ex-Zähne darauf. Allerdings erkannte ich sie nicht mehr wieder. „Diese drei Teile hier gehören zu dem Zahn links unten.“ Ich sah auf die traurigen Überreste von Bibi, die meinen Nerv trotz aller Bemühungen doch nicht niedergerungen hatte. „Der Zahn daneben hielt noch besser. Mit ihm könnte man prima puzzeln.“ Der Doktor deutete auf die sechs, sieben Stücke, die von Kathi übrig geblieben waren. Er startete einen halbherzigen Versuch, sie in ihre ursprüngliche Form zusammenzudrücken, ließ es aber kurze Zeit später bleiben. Ihr war nicht mehr zu helfen. „Rechts oben ging eigentlich ganz ordentlich“, fuhr der Doktor fachmännisch fort. Die dreigeteilte Maja, die er gerade in eine Ecke des Tisches schabte, sah so aus, als würde sie dem Doktor dabei gerne widersprechen. Unüblicherweise sagte sie nichts.

Anna war die Letzte im Bunde. Der Doktor grinste entschuldigend.  „Wir haben die Wurzel und einen kleinen Teil des Zahnschmelzes hier. Sie haben aber leider versehentlich das dritte Stück geschluckt, bevor wir es herausfischen konnten.“ Ich dachte, dass ich zurzeit gar nicht in der Lage war, erfolgreich zu schlucken und dann sowas. Anna wollte scheinbar noch länger in mir bleiben. „Aber machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte mich Dr. Brandstetter und erreichte, dass ich mir deswegen Sorgen machte. „Der Zahn wird in der Regel durch ihren Körper wandern und normal ausgeschieden werden.“ Mia neben mir gluckste.

„Wollen Sie die Zähne mitnehmen?“, fragte mich der Doktor als Mia mich schon den halben Weg durch das Zimmer geführt hatte. Er hielt mir die zusammengehäuften Zahnreste hin. Ich schüttelte den Kopf. Meine Großmutter kam höchstens noch auf die Idee, eine Kette aus den Zähnen anfertigen zu lassen und darauf konnte ich verzichten. Ich brauchte wahrlich keine Erinnerung an dieses Erlebnis.

Im Wartezimmer empfing mich meine Mutter. Ich konnte ihrem Blick ablesen, wie furchtbar ich aussah. Zum Abschied bekam ich von Mia noch zwei Kühlbeutel überreicht. „Nicht das Gesicht hängen lassen. Kühlen Sie Ihre Backen, dann wird das gleich wieder.“ Ich und mein Edvard-Munch-Mund zeigten ihr, wie witzig wir sie fanden. Nämlich gar nicht. Zum Abschied winkte sie mir hinterher. „Bis nächste Woche zum Fäden ziehen.“ Toll. Ich konnte es kaum erwarten.

Auf dem Weg nach draußen, hielt meine Mutter inne und beäugte mich verdutzt. „Du hast da was an deiner Backe.“ Ich schenkte ihr einen meiner Not-Amused-Blicke und wollte weiter gehen. „Nein, ernsthaft.“ Sie hielt mich zurück und nahm meine Hand von der Wange. „Irgendetwas Schwarzes. Sieht aus, als hätte man dich mit einem Edding-Stift angeschrieben.“ Ich wischte mir über die Wange, spürte aber nichts davon. Da fiel mein Blick auf den Kühlbeutel in meiner Hand. In kleinem, schnörkellosem Schwarz stand etwas darauf geschrieben. Ich brauchte einen Moment, bevor ich die verwischten Buchstaben entziffern konnte. „Super gemacht!“ Und darunter Mias Telefonnummer.

Eine Freude über den Termin in der nächsten Woche flammte in mir auf. Ich hatte zum Glück nur vier Weisheitszähne, das Schlimmste sollte überstanden sein. Von hier an konnte es nur noch bergauf gehen.

 

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