Die Entscheidung

von Lydia Wünsch 

Hey Großer!“ Piotrek hörte Neles Stimme und drehte sich sofort um. Als sie ihm entgegen kam, bemerkte er, dass ihre roten Locken kürzer waren als früher. Aber dann lächelte sie ihn an und er erkannte die schmale Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen. „Meine kleine Pippi Langstrumpf“, hatte er sie deswegen manchmal liebevoll genannt.

Nele setzte sich neben ihm ins Gras. „Na du?“, fragte sie. Ihre Stimme war so sanft wie früher. Es war als würde sie sich wie Balsam auf sein geschundenes Herz legen. „Schon unglaublich, was für ein schönes Wetter wir heute haben. Wirkt schon fast, als würde es uns verhöhnen, oder?“, sagte sie. 

Piotrek musste unwillkürlich lächeln. Das war typisch für Nele. Sie musste allem eine tiefere Bedeutung beimessen. Sogar so etwas zufälligem, wie dem Wetter. „Meinst du, es sollte Rücksicht auf unsere Gefühle nehmen?“, fragt er scherzhaft.

Nele zuckte mit den Schultern. „Na, wäre doch nett, oder?“

Piotrek lacht kurz auf und schüttelte den Kopf. Dann wendete er seinen Blick wieder den Gräbern zu, denen sie gegenüber saßen. „Also, wenn du es unbedingt willst, dann freuen wir uns doch, dass wir Mama an so einem schönen Tag beerdigen durften. Wenigstens mussten wir dabei nicht im Regen stehen“, sagte er nachdenklich. „Sie mochte Sonnenschein.“

Na, siehst du? Ist doch gar nicht so schwer.“ Nele lächelte und stupste ihn leicht mit ihrer Schulter an. Piotrek stellte fest, dass seine Gefühle für sie sich kein Stück geändert hatten. „Wie geht’s dir?“, fragte er.

Nele blinzelte in das Sonnenlicht. „Wie soll es mir schon gehen?“, fragte sie.

Weiß nicht. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich will doch nur wissen, wie es dir die letzten Jahre ergangen ist. Oder ist das etwa auch verboten?“ Es klangt gereizter als er wollte.

Nein, natürlich nicht.“ Sie versuchte zu lächeln, doch es gelang nicht mehr so recht. „Ich meine ja nur: Können wir nicht einfach im Moment bleiben? Ich bin gekommen, weil ich deine Mutter sehr gemocht habe. Es tut mir leid, dass du sie verloren hast. Ich wollte heute eigentlich nicht über die Vergangenheit reden.“

Ich will ja auch nicht über „das“ reden“, sagte Piotrek. „Ich will einfach wissen, was du die letzten Jahre gemacht hast. Oder von mir aus: Dann erzähle mir eben, was du im Moment machst.“

Was ich im Moment mache?“ Sie atmete tief aus. „Im Moment“, wiederholte sie und starrte auf die Grabsteine. „Ich stehe auf, und zwar jeden Morgen. Ich atme. Ich esse wieder regelmäßig. Ich gehe sogar zur Arbeit. Allerdings nur Teilzeit. Die übrige Zeit versuche ich immer noch, damit klar zu kommen. An einigen Tagen gelingt es mir, an anderen nicht. Manchmal weine ich. Was ich immer noch nicht kann, ist mit der Schuld umzugehen. Manchmal wache ich nachts auf und höre ihn schreien.“ Sie brach ab. Sie hatte Piotrek kein einziges Mal angesehen, während sie geredet hatte.

Am liebsten hätte er den Arm um sie gelegt, aber er wusste, dass sie das nicht wollte. Seit diesem Tag hatte er sie nicht mehr berühren dürfen. Eine Zeit lang sah er sie nur an, wie sie auf die Gräber schaute und er versuchte, sie zumindest in seinen Gedanken zu umarmen. Nach einiger Zeit, schien sie aus ihrer Gedankenwelt aufzuwachen. „Und wie geht es dir?“, fragte sie.

Jetzt war er an der Reihe. „Ich versuche damit zu leben“, sagte er lahm. „Wir haben Fehler gemacht. Aber wollen wir uns ein Leben lang dafür bestrafen?“

Du sagst das, als wäre es eine Entscheidung“, sagte Nele.

Was ist es denn sonst?“, fragt Piotrek.

Es ist einfach wie es ist“, antwortete sie. „Und jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben. Ich habe als Mutter versagt.“

Du hast nicht versagt“, sagte er lauter als er wollte.

Wie würdest du es sonst nennen?“, fragte sie und sah ihn traurig an.

Wenn überhaupt, dann haben wir beide versagt. Wir haben die Entscheidungen gemeinsam getroffen.“

Das ist was anderes.“ Nele schüttelte den Kopf. „Ich war seine Mutter. Ich hätte spüren müssen, dass es unserem Kind nicht gut geht, dass wir das Falsche tun. Ich war egoistisch und dachte, ich weiß es besser als der Rest der Welt.“

Hör auf, dir so weh zu tun. Du weißt doch was die Richterin gesagt hat.
Nicht umsonst ist ihre Strafe so milde ausgefallen. Wir haben mit bestem Gewissen gehandelt und unseren Sohn aufrichtig geliebt, hat sie gesagt.“

Nein, mein Liebling“, sagte Nele leise. „Ihre Strafe ist so milde ausgefallen, weil sie wusste, dass wir von diesem Tag an sowieso in einem Gefängnis leben werden. Es spielt keine Rolle, ob sie uns eingesperrt hätte, oder nicht. Wir sitzen drin, für den Rest unseres Lebens. Jannik ist …“

Du musst es nicht sagen“, Piotrek hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. „Wir haben es nicht gewusst“, sagte er.

Wir hätten zum Arzt gehen sollen“, sagte Nele.

Wir haben alles versucht“, beharrte Piotrek, „und du warst eine wundervolle Mutter!“ Er klang fast trotzig. „Und jetzt möchte ich nichts mehr davon hören.“ Piotrek stand auf und ging ein paar Schritte vor und zurück. Unschlüssig darüber, was er jetzt tun sollte. „Ich wünschte mir, dass du dir selbst vergibst“, sagte er.

Piotrek, ich bitte dich!“, sagte Nele. „Die Ärzte haben uns doch gesagt, dass Janniks Körper nicht die Nährstoffe bekommen hat, die er brauchte. Daran gibt es nun mal nichts zu rütteln. Wir hätten uns besser über vegane Ernährung bei Babys informieren sollen.“

Aber wir haben doch im Internet nachgeforscht“, sagte Piotrek und merkte, wie hilflos das klang. Er hatte das Gefühl, als würde er von Minuten zu Minute kleiner werden. Nele hatte schon immer eine Art an sich gehabt, Wahrheiten auszusprechen, die ihm Angst machten. „Wir sind doch nicht so eine Art Menschen“, beharrte er. „Wir sind keine Menschen, die ein Kind vernachlässigen. Herrgott, wir hatten einen Naturkostladen. Wir haben ihm die Reismilch und die Quinoa-Bohnen gegeben, die wir selbst auch essen. Unsere Kunden sind zu uns gekommen, um sich über gesunde Ernährung beraten zu lassen. Zu uns!“ Den letzten Satz hatte er fast geschrien. Er fuhr sich durch die Haare und sah Nele verzweifelt an.  

Und das machte uns allwissend?“, fragte Nele stirnrunzelnd. „Oder war es nicht eher so, dass wir einfach nur unsere Lebensweise durchsetzen wollten? Dass wir mit unserer Einstellung nicht falsch liegen und uns keine Fehler eingestehen konnten?“

Wenn du meinst, dass du unsere Vergangenheit so in Erinnerung behalten willst“, sagte Piotrek nun etwas leiser. Er merkte, wie der vertraute Schmerz sich wieder bemerkbar machte. „Ich sehe dich jedenfalls immer noch, wie du Nacht für Nacht mit ihm im Arm daliegst und wie du seine kleinen Finger küsst. Tut mir leid, aber das ist das Einzige, was ich sehe.“ Er richtete sich ein wenig auf, und ohne sich nochmal nach Nele umzusehen, ging er von ihr weg. Sein Herz rutschte dabei mit jedem Schritt ein weniger tiefer, aber hätte er sie noch einmal angesehen, dann wäre alles, was er sich die letzten Jahre aufgebaut hätte, wie ein Kartenhaus zusammengestürzt und hätte nichts mehr von ihm übrig gelassen. „Es ist besser so“, sagte er zu sich. „Es ist eben doch eine Entscheidung.“ 

Inspiration für die Geschichte:

http://www.spiegel.de/panorama/kind-verhungert-bewaehrungsstrafen-fuer-veganer-eltern-a-328416.html

http://www.sueddeutsche.de/panorama/prozess-tod-nach-mangelernaehrung-1.3544683-2

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