Tiefer als der Tod

von Ina Nádasdy

Wenn jemand fragt, wo Albrecht steckt, dann ist die Antwort darauf: auf dem Friedhof. Er liegt dort nicht selbst. Auch keine Verwandten von ihm. Sondern es gefällt ihm dort einfach. Dort ist es still. Nichts und niemand regt sich. Seine Freunde wundern sich schon lange nicht mehr darüber. Ich übrigens auch nicht.

Nicht einmal, als ich in die Einbahnstraße zum Friedhof einbiege. Ja, mit viel Fantasie ist es schon ein netter Ort in dem dämmrigen Sonnuntergangslicht, eigentlich wie ein großer Garten mit abstrakter Kunstausstellung. Ich weiß schon den Namen dafür: Nekropole.

Noch während ich brainstorme, wie die PR für dieses Event ausfallen soll, finde ich Albrecht schließlich vor dem Aufbahrungsraum. Er steht mit seinen Händen in den Hosentaschen vor der Glastür und starrt auf den dahinter liegenden Sarg. Ich stelle mich neben ihn.

„Charlie und Haydn wollen heute ’ne Party machen. Kommst du auch?“, frage ich wie ein kleines Kind das Süßigkeiten will.

„Weiß nicht“, murmelt er ohne den Blick vom Sarg abzuwenden.

„Okay, klar, Leichen sind schon spannender als Charlies Freunde, aber es gibt dann auf der Party bestimmt auch paar Alkoholleichen.“

Albrecht sieht erst mich, dann wieder den Sarg an. Er findet meine Aussage nicht so lustig wie ich. Vielmehr erstaunt mich etwas anderes: Albrecht ist ein gutaussehender Kerl, aber auf dem Friedhof blüht er richtig auf. Die blonden Locken strahlend wie die Sonne, die blauen Augen und der leicht gebräunte Teint zeugen von Vitalität. Jetzt erst scheint er mir doch sehr ausgemergelt.

„Komm schon“, probiere ich es nochmal. „Wir haben dich schon lange nicht mehr bei uns gesehen. Ohne unseren vierten Mann fehlt uns was.“

Albrecht rollt mit den Augen, wie er es immer tut, wenn er denkt, ich würde es nicht sehen. „Wenns denn sein muss“, stöhnt er und bewegt sich kein Stück. Noch immer hat der Sarg seine ganze Aufmerksamkeit. Mühsam reißt er sich davon los. Ich sehe ihm den Zwiespalt direkt an. Er will nicht auf die Party gehen – daraus hat er auch keinen Hehl gemacht.

Ich beobachte Albrecht. Fast tut es mir leid, dass ich ihn hierher mitgenommen habe. Er steht in der Ecke und beobachtet seinerseits die Leute im Wohnzimmer von Haydns Wohnung. Die Musik ist fürchterlich laut und der Alkohol ist billig. Die meisten Leute sind auch schon ziemlich betrunken und verschwitzt. Jetzt fällt es mir wieder ein, warum ich diese Partys hasse. Aber Charlie hatte mich irgendwie festgenagelt, so dass ich nicht absagen konnte. Versteht sich von selbst, dass wenn ich hier leiden muss, Albrecht als Teil unserer Gruppe definitiv keinen besseren Abend haben sollte als ich.

Durch knutschende Pärchen und öbszön tanzende Leute muss ich mich quetschen, um zu Albrecht auf die andere Seite des Raumes zu kommen. Ich drücke ihm ein Glas Jack Daniel’s in die Hand.

„Was Billigeres gab’s nicht?“

Ich deute in die Küche. „Ich glaub, im Kühlschrank habe ich noch einen Putinoff gesehen.“

Er schmunzelt. Das ist das erste Lächeln, das ich seit Tagen von ihm gesehen habe. Und wenn er auch nur den Wodka belächelt, so zählt das doch. Ich versuche ihn in ein Gespräch zu verwickeln, scheitere aber über alle Maßen. Er scheint mir wie tot, denn er weiß kaum, was in der realen Welt, also außerhalb seines Friedhofs, so passiert. Keine Nachrichten, keine aktuellen Filme, nichts. Es interessiert ihn auch nicht. Er ist abwesend, aber nicht abweisend. Er bemüht sich sehr, scheitert aber genauso wie ich. Verrückt, wenn ich mir überlege, dass ich hier mit meinem besten Freund stehe und wir mühsam versuchen, unseren Gesprächen mehr Tiefe zu verleihen. Kurz nach zwei Uhr geht Albrecht auf den Balkon zum Rauchen. Charlie gesellt sich zu mir und erzählt mir kichernd, dass Haydn gerade mit zwei Mädchen, die er seit fünf Minuten kennt, zugange sei. „Ah, ich muss dir ja unbedingt noch wen vorstellen“, ruft er und will mich mit sich ziehen. Aber ich sehe jetzt Albrecht, der mir zu verstehen geben will, dass er jetzt geht. Ich halte ihn am Arm fest. „Bleib noch kurz, ich bin gleich wieder da.“ Und ich lasse mich von Charlie mitziehen.

Als ich wiederkomme, ist Albrecht weg. Ich suche die ganze Wohnung nach ihm ab, weiß aber, dass es keinen Sinn hat. Aus der Party ist nicht nur ein Gelage, sondern eine richtige Orgie geworden. Ich sehe zu viele nackte Körper. Es widert mich an, und ich kann Albrecht nicht einmal böse sein, dass er gegangen ist.

Vielleicht kann ich ihn noch einholen, denke ich. Als ich zu seiner Wohnung komme und klingle, kommt keine Reaktion. Das ist ungewöhnlich, da er einen sehr leichten Schlaf hat und mich noch nie ignoriert hat. Ich habe die Vermutung, dass er gar nicht zuhause ist. Dann kann er nur auf dem Friedhof sein.

Dort finde ich ihn auch. Im Schein einer Laterne sehe ich ihn graben. Vorsichtig schleiche ich mich heran, in der Hoffnung, unentdeckt zu bleiben. Albrecht hat sich ein frisches Grab zum Ausheben gesucht. Jetzt steht er vor dem Loch und – mir ist fast so, als ob er sich davor scheut, weiterzumachen. Ich beobachte ihn, wie er mühsam versucht, den Sarg zu öffnen und die Leiche herauszuheben. Es dauert eine Weile, aber dann liegt sie neben ihrem Grab. Eine junge Frau, wenn ich mich nicht täusche. Er setzt sich neben sie und hält sanft ihre Hand. Mit dem Daumen streichelt er besonders sacht über ihre ledrige Haut. Es ist, als hätte er etwas äußerst Kostbares in der Hand. Ich komme nähe, er hat mich noch nicht bemerkt. Sein Atem geht stoßweise und seine Wangen glühen wie bei einem Kind, das auf die weihnachtliche Bescherung wartet. Und doch wandert eine Gänsehaut seine Arme hinauf. Der ganze Körper zittert leicht. Seine Jeans ist offen, und jetzt sehe ich seine Erregung. Dann sieht er mich an. Seine Augen glitzern in der Dunkelheit.

Ich lasse mich neben Albrecht auf den Boden sinken. Er vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Er weiß jetzt ganz genau, dass ich weiß, was hier passiert. Jetzt bemerke ich auch erst den faulig modrigen Geruch, der von ihr ausgeht, und verziehe die Nase.

„Du hättest ja dann eigentlich nur Sex mit einem Stück Fleisch. Und nicht mit einem Partner“, stelle ich fest, als ich auf sie deute. „Eine Liebe, die nicht erwidert wird, kann sich auch nie vollenden.“ Ich schaue sie jetzt genauer an. Ihre Haut ist gelblich, ein wenig aufgedunsen. Sie wirkt alles andere als gesund. Und ich habe sofort das Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Klar, sie ist ja auch tot. Ich muss mir die Hand vor den Mund halten.

„Und wo wäre der Unterschied zu anderen Menschen? Du glaubst doch nicht, dass es bei denen“ – er meint die Leute auf der Party und es klingt bei ihm genauso angeekelt wie mich diese Leiche anwidert – „um Liebe oder um die Person im Einzelnen geht. Es geht nur um Sex. Eine Sexualität jenseits des Menschen. Also nicht anders als bei mir.“

Ich kann nichts darauf erwidern. Es scheint mir logisch, was er sagt. Ich sehe wieder zu ihr hinüber, dann zu Albrecht, dann wieder zu ihr. Er wirkt so verliebt, beinahe richtig glücklich, vor allem aber erregt. Von ihr.

„Das hier …“, fange ich verunsichert an. „… das hier ist falsch. Lass sie uns wieder eingraben.“

Albrecht reagiert nicht darauf.

„Es ist bald Morgen“, versuche ich es nochmal. Das Argument funktioniert. Er nickt schwach, hebt ihren Arm an und gibt ihr einen Abschiedskuss auf die Hand. Ich verziehe unbemerkt das Gesicht. Dann packt er sie und legt sie zurück in ihr ewiges Bett. Mir drückt er schließlich seine Schaufel in die Hand und verschwindet, um dann kurz darauf mit einer weiteren Schaufel wiederzukommen. Auf meinen fragenden Blick murmelt er nur: „Ja, ich kenne mich hier aus.“

Wir decken sie nun mit Erde zu und richten die Blumenschalen und Kränze wieder auf ihrem Grab zurecht. Wir überprüfen nochmal alles. Eine Stunde hat es wohl gedauert, und ich bin schon sehr erschöpft, tatsächlich todmüde. Ich blicke zu Albrecht. Er ist genauso matt wie ich. Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter. „Ich kann es nicht verstehen“, sagte ich. „Erzähl mir davon.“

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