Verwandlung

von Elias Vorpahl

Aschegraue Wolken zogen über den Wald hinweg. Ihr Körper fühlte sich taub und schwer an: Flügel statt Arme. Facettenaugen statt Pupillen. Feine Härchen wie Fell statt einer Haut. Die Verwandlung war eine Enttäuschung. Ein Adler hatte sie werden wollen. Fliegen wollte sie. In großer Höhe über den Wald. Stattdessen hockte sie jetzt auf einem Fichtenzapfen und sah die Welt wie durch ein Raster. Nur ein bisschen hatte gefehlt, und sie wäre zumindest ein Specht geworden. Stattdessen die Insektenflügel. Sie fühlte schon jetzt Heimweh. Ein Jahr in diesem Körper. Wie sollte sie das aushalten? Und Michael? Was war aus ihm geworden? Er wollte sich in einen Wolf verwandeln. Hatte er es geschafft? Dann roch sie das Kamillengelb. Keine zehn Meter von ihr. Und dahinter, noch fünf Meter weiter, duftendes Karmesinrot. Sie roch Farben. Sie schlug die schweren Flügel und machte einen Satz nach vorn. Langsamer. Noch einmal Flügelschlag, jetzt schneller. Und sie hob ab. Der Fichtenzapfen unter ihr wurde kleiner. Das Karmesinrot kam näher. Automatisch und instinktiv. Sie landete direkt im Kelch. Trank von der Milch. Ihre Mundwinkel voller Pollen. Sie verließ die Nelke. Voll Duft und Farbe taumelte sie in ein Meer von Blumen. Satt und schwer ließ sie sich am Ufer einer Pfütze nieder. Sie wusch sich die Pollen aus dem Fell. Ihre Antennen spiegelten sich im Wasser. Wie Spinnenbeine wuchsen sie aus ihrem Chitinschädel. Wie lange würde es dauern, sich an diesen Anblick zu gewöhnen? Ein grotesker Körper in Schwarz und Gelb. Wer hatte sich das ausgedacht? Als der Regen einsetzte, fand sie Unterschlupf im Loch eines Ahornbaums. Von dort aus beobachtete sie die letzten Ausläufer der rostroten Sonne. Das Licht versank am Horizont und machte aus dem Wald ein Märchen. Wo war Michael in diesem Moment? Was war aus ihm geworden? Ein Glühwürmchen hockte in einer Ecke, was ihr recht war. So musste sie in dieser ersten Nacht nicht allein sein. Der Wurm spendete sein teelichtgelbes Leuchten. Vom Wald drangen die Geräusche zu ihr. Nachtaktive Jäger und die Schreie ihrer Opfer. Das Heulen der Wölfe ließ sie nicht einschlafen. Würde Michael töten? Sie dachte an ihn. Ein Jahr lang würde sie es tun. Jede Nacht. Er war ein guter Mensch. Aber ein Wolf? Konnte ein Wolf überleben, wenn er gut war? Irgendwann schlief sie doch ein. Wilde Träume von Rot, Orange und anderen Düften. Als sie wieder erwachte, gab es zwei Gedanken: Wo war sie? Und: Hunger.

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