Fremde Heimat

von Ina Nádasdy

Wenn ich einmal die Stadt für immer verlassen müsste,
würde ich am selben Tag alt … (Antal Szerb)

Schon von weitem konnte er die drei Meter großen Buchstaben in sattem Dunkelblau sehen. Das Grundig-Emblem prangte an den Gläsern des Gleishallen-Giebels des Münchner Hauptbahnhofes. Konstantin konnte nie den Grund dafür benennen, aber diese Lettern zu sehen, erfüllte ihn mit einer Art von Glück: einem Zufriedensein durch die kleinen Dinge im Leben. Denn er freute sich kaum über etwas.

Auch wenn er hier lebte, daheim war er hier nicht und war eher froh, wenn er München wieder verlassen konnte. Aber diese monumentale Reklame zauberte ihm jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht. Gerade bahnte er sich seinen Weg durch den Duft von Asiafutter, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln hinaus auf die äußeren Gleise. Dabei lief er an einem schwarz-roten Railjet vorbei, der eben auf dem Gleis neben ihm in die Halle fuhr. Konstantin blickte auf die Anzeige: 13.30 BUDAPEST KELETI.

Fernweh ergriff ihn, aber seine Reiseangst machte es ihm unmöglich, eine längere Reise zu unternehmen. Er hatte schon einmal ein Zugticket nach Venedig und war vor dem Zug gestanden. Einsteigen konnte er aber nicht.

Die Türen des Railjets öffneten sich und er beobachtete den Wechsel der Passagiere. Er müsste nur einsteigen. Aber er konnte es einfach nicht. Lächerlich war das. Tagtäglich könnte er Zugfahren. Und bis zu einer halben Stunde machte es ihm auch nichts aus. Aber Fernzüge, da sperrte sich alles in ihm.

„Grüß‘ dich!“, rief eine Stimme hinter ihm. Konstantin drehte sich um und erblickte einen jungen Schaffner, der auf ihn zu eilte. Sein uniformer Anzug, der ihm viel zu groß war, flatterte im Wind, der durch die Halle zog.

„Ah, Zadkiel!“, grüßte er zurück und schüttelte dem Burschen die Hand. „Alles gut bei dir?“

„Ja eh. Arbeit halt. Fährst heute mal mit?“, fragte Zadkiel und grinste sein Gegenüber verschwörerisch an.

Konstantin sah einigen Passanten nach, die an ihnen vorbei zogen. „Nein“, sagte er und versuchte, es so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. Schon seit einigen Jahren spielten sie diese Spiel. Konstantin konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie sie damals ins Gespräch kamen. Aber sie sahen sich immer wieder hier an diesem Gleis und je nachdem, wie viel Aufenthalt Zadkiel hier hatte, unterhielten sie sich bei einer Zigarette. Er hatte ihn auch einmal nach seinem Namen gefragt. „Ach“, hatte Zadkiel lachend gesagt, „meine Eltern waren sehr esoterisch damals. Und sie meinten ein Erzengel, der Freiheit und Ausgeglichenheit repräsentiert, wäre der ideale Namensvetter für mich.“

Zadkiel sah auf seine Armbanduhr. „Schade. Muss los. Das nächste Mal dann. Ich krieg dich noch“, verabschiedete er sich und zwinkerte Konstantin noch einmal zu, bevor er in den Zug sprang und dieser lautstark seine Reise antrat.

Konstantin blieb zurück und sah ihm nach.

Zuhause warf Konstantin als erstes sein Jacket über einen Stuhl, krempelte die Hemdärmel hoch und ließ sich in seinen Sessel fallen. Er blickte zu seinem riesigen Bücherregal. Ein Buch sprang ihm förmlich ins Auge. Eine Reiseführer für Budapest. Es hatte seinem Vater gehört. Er stand auf, holte das bereits abgegriffene Buch aus dem Regal und blätterte es durch. Schon tausendmal hatte sein Vater sich seine Routen zurecht gelegt, hatte es aber nie nach Ungarn geschafft. Sein Vater, dessen Eltern aus Ungarn geflohen waren, hatte noch fließend Ungarisch gesprochen. Konstantin konnte nur noch wenige Brocken. Aber der Klang der ungarischen Sprache löste in ihm jedes Mal eine angenehme Gänsehaut aus. Und er nahm jede Gelegenheiten wahr, Lángos zu essen.

Früher war er an Allerheiligen mit seinem Vater ans Grab von dessen Eltern gegangen. Auf dem Grab standen Namen, Daten und der Zusatz „aus Ungarn“. Daran erinnerte er sich noch gut, obwohl er schon seit Jahrzehnten nicht mehr dort war. Konstantin selbst hatte sie nicht mehr erlebt, aber sein Vater hatte ihm immer liebevoll von ihnen erzählt. Später, als Konstantin älter war, kamen dann die Geschichten über Ungarn und seine Traditionen. Diese Erinnerungen lösten ein heimatlichen Gefühl in ihm aus. Dann pfefferte er das Buch in die Ecke. Sein Vater hatte es nicht nach Ungarn geschafft und er würde es auch nicht schaffen.

Es war eigentlich zu lächerlich, er war 5o Jahre alt und wagte es nicht, alleine zu reisen. Seine Angst, das wusste er, begründete er auf das absolute Unwohlsein, auf ein Gefühl, dass alles falsch laufen würde, was ging.

Lieber sah er seit Jahren zu, wie all seine Freunde ihrer Wege gingen, in entfernte Länder reisten, exotische Orte besuchten. Einmal – es war ein kalter Tag im Januar – da folgte sein Blick einem der schwarz-roten Züge, der sich wie ein wunderschöner Lindwurm seinen Weg über die vereisten Gleise bahnte, den Schnee hochwirbelte und in einer Schneewolke verschwand. Seit dem Tag quälte ihn das Fernweh.

Als er schließlich wegen eines Auftrages doch wieder zum Münchner Hauptbahnhof kam, achtete er gar nicht auf seine Umwelt. Den Blick aufs Smartphone gerichtet, suchte er seinen Weg durch den Menschenirrgarten. Er stieß gegen ein menschliches Hindernis. Er murmelte eine Entschuldigung und wollte weitergehen, aber er wurde aufgehalten. Konstantin sah auf und blickte in Zadkiels Gesicht. Dieser sah ihn verwundert an. Ob alles gut mit ihm sei?

„Ja, aber natürlich.“

Zadkiel zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Ja eh. Wir fahren nach Budapest. Komm mit.“

„Was? Ich … Ich kann nicht. Ich hab Arbeit.“

„Du bist selbstständig. Und wir sind nicht lang weg. Das geht schon.“

Konstantin sah sich um. Da war niemand, der ihm helfen konnte. Keiner, der ihm sagte, was er tun sollte. Ob er einen Fehler machte, wenn er einstieg. Ob er es bereuen würde, wenn er hier blieb.

„Was ist jetzt?“, fragte Zadkiel.

Konstantin wand sich. Er drehte sich nach links und nach rechts. „Ich habe kein Gepäck.“

„Brauchst du nicht. Wir fahren nach Budapest und zurück.“

„Ich kann nicht. Zadkiel, ich … ich … werde sterben in diesem Zug!“ Konstantins Stimme wurde gleich um einige Oktaven höher. „Und ich könnte nicht einfach raus, wenn ich wollte!“

Sein Gegenüber nickte. „Ganz ruhig, Alterchen. Ich wäre immer in deiner Nähe.“

Konstantin wand sich immer noch. Dankbar und mit zitternden Händen nahm er die Zigarette entgegen, die Zadkiel ihm samt Feuerzeug anbot. Nach einem tiefen Lungenzug, stieß er den Rauch wieder aus. Es beruhigte ungemein. „Ich hab kein Ticket.“

Zadkiel lachte. „Komm, steig ein.“ Er streckte Konstantin die Hand hin.

Und als dieser sie widerwillig ergriff, zog er ihn in den Zug. Die Türen schlossen sich hinter ihm. Konstantins Atmung glich nur noch einem Keuchen. Was hatte er gemacht?

Er sah sich um. Sitzreihen, Gepäck, Taschen, Menschen. Sie redeten und lachten. Kinder liefen den Gang entlang. Aber er hörte nichts. Es war alles so unwirklich. War er wirklich hier? Oder bildete er es sich nur ein? Ein Schwindel erfasste ihn. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Watte gefüllt. Benommen stützte er sich an einer Lehne ab. Seine Beine wurden schwer und gaben fast nach. Dann spürte er Zadkiels Hand auf seiner Schulter. „Ganz ruhig. Komm mit, ich hab was für dich. Ist bei meinen Sachen beim Lokführer.“ Aufmunternd lächelte er Konstantin an und bedeutete ihm, ihm zu folgen. Vorne im Zug angekommen, huschte Zadkiel kurz in den Führerraum und kam mit einem Buch in der Hand wieder. Er drückte es Konstantin mit einem Grinsen in die Hand. „Es kann nicht angehen, dass du nach Budapest kommst ohne Antal Szerb zu kennen.“

Konstantin betrachtete das Buch. Antal Szerb: Reise im Mondlicht. Davon hatte er schon gehört.

„Jetzt bist beschäftigt während der Zugfahrt. Und wenn, bin ich ja da. Jetzt suchen wir dir nen guten Platz.“

Konstantin nickte nur. Seine Kehle war zugeschnürrt. Alles war so eng. Er fühlte sich eingesperrt. Im Zug, in seiner Kleidung, in seiner Haut. Nichts passte mehr. Seine Lunge schaffte es nicht mehr, sich auszudehnen. Auch sie war gefangen in ihrem Rippengefängnis. Keine Luft drang in sie ein. So schnell er auch atmete, es reichte nicht aus. Die Beklemmung drückte seinen Brustkorb und seinen Bauchraum zusammen. Er konnte förmlich spüren, wie sich sein Magen drehte, wie sein Herz zu stolpern begann. Und selbst wenn er gewollt hätte, er hätte keinen Ton herausgebracht. Zadkiel schob ihn auf einen Platz am Fenster – der Sitz neben ihm war sogar frei geblieben – und drückte ihm eine Wasserflasche in die Hand.

„Ich will hier raus. Lass mich raus!“, flehte Konstantin und krallte sich an Zadkiels Revers fest. Dieser löste in einer unendlichen Ruhe seine Hände, setzte sich neben ihn und nahm ihn in den Arm. „Alles wird gut.“

Lachhaft! Das war mit Abstand die schlechteste Lüge, die es auf dieser Welt gibt! Alles wird gut. Wie abgedroschen!

„Ich komm immer wieder vorbei, ja?“, teilte ihm Zadkiel und wandte sich dann zum Gehen,

Konstantin nickte. Zwar ärgerte es ihn, wie Zadkiel ihn wie ein kleines Kind behandelte, aber dennoch war er unglaublich dankbar dafür, dass er ihn mitnahm und ihn nicht alleine ließ.

Er sah aus dem Fenster. Eine siebenstündige Reise lag nun vor ihm. Er sah auf das Buch in seiner Hand und begann zu lesen, während er aus den Augenwinkeln nur noch grob die verschiedenen Stationen erspähte. Salzburg – Linz – St. Pölten – Wien – Hegyeshalom – Mosonmagyarovar – Győr – Tatabanya. Zadkiel hatte Wort gehalten und sah immer wieder einmal nach dem Rechten.

Gerade ließ er sich neben Konstantin nieder. „So, in zehn Minuten sind wir in Budapest.“ Nach einer Pause meinte er: „Bereust du’s?“

„Nein“, lächelte Konstantin, dann aber verzog er das Gesicht. „Aber was passiert jetzt? Wie komme ich nach Hause? Wie -“

„Ruhig, mein Alter“, lachte Zadkiel. „Wir steigen zusammen aus, dann zeig ich dir den Keleti-Bahnhof und den Vorplatz. Das musst du schon gesehen haben. Und dann sehen wir weiter.“ Er klopfte Konstantin wieder auf die Schulter. Dieser verschränkte die Arme und presste sich noch mehr in seinen Sitz. Na, das konnte ja heiter werden.

Der Railjet fuhr in die große, neorenaissancistische Halle. Die Beleuchtung ließ sie in einem warmen Orange erstrahlen. Als Konstantin aus dem Zug trat, bemerkte er die Leute um sich herum nicht. Er ging schnurstracks weiter in die Halle hinein und betrachtete das architektonische Meisterwerk.

Hier war er zuhause, das wusste er. Hier würde er für immer bleiben. Ein Gefühl von Endlich-Zuhause-Sein übermannte ihn und er spürte die Tränen in seinen Augen. Jahrzehnte hatte es gedauert und nun war er endlich hier und er fühlte sich jung wie nie. Und endlich daheim.

Das hätte seine Reise sein können. Und trotzdem bewegte er sich nicht von der Stelle und starrte nur auf Zadkiels Hand. In dieser lag nun seine Zukunft. Zadkiel hielt sie ihm offen hin.

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