Der Wolf

von Elias Vorpahl

„Wenn Blicke töten könnten. Einhundert Messerstiche. Jeden Tag. Tot bin ich trotzdem. Mein Name ist Wolf. Wolfgang, aber die Paar, die ihn nennen, sagen Wolf. Ja, das passt. Der einsame Jäger. Trotzt Kälte und Hunger. Lieblosigkeit. Trotzt Leblosigkeit. Es war ein kurzes Leben: Kindheit. Ich sehe sengend heiße Bolzplätze. Wir spielten trotzdem. Lachen, tatsächlich Lachen. Eine Heimat gab es. Eine Mutter. Einen Vater. Keine guten Eltern, aber Eltern. Geschwister, ein oder zwei, es spielt keine Rolle. Als Kind. Ich schlug die Augen auf. Ich war hier. Kein Erwachen. Ein Erwachsen. Erwachsensein. Wie ist es also? Als Toter? Das fragen die Leute nicht. Die Leute fragen: Warum? Wieso denn? Ich weiß es nicht. Alles war schwer. Schule, Liebe, Arbeit. Es fiel mir so schwer. Ich will euch sagen, wie es ist. Jeden Tag stehe ich auf. Die Stadt schlummert noch in ihren Betten. Gähnt vor sich hin. Dann mach ich meine Runde. Finger taub. Es ist schön. Die frische Brise. Die Ruhe. Es ist kalt. So kalt, dass ich gehe. Nirgendwohin, aber immer weiter bis die Stadt erwacht. Ich sehe euch. Menschen. Zielstrebig, eilig. Kalt. Es ist so kalt. Wie jeden Tag sitze ich vor meiner Wand. Es ist eine gute Wand. Sauber, Sonne kommt sogar durch. Die Wand ist nahe der Backstube. Es riecht gut. Vor mir steht die Dose. Ich habe mehrere. Verschiedene Farben, je nach Zeit. Im Frühling orange. Im Sommer grün, usw. Meine erste Dose war schwarz. Es war Winter. Der traurigste Winter meines Lebens. An dem einen Tag zog ich aus. Ich fand die Wand und setzte mich. Unter meiner Kleidung verbarg ich sie. Die Dose. Minutenlang saß ich da. Ich wagte es nicht. Hielt sie versteckt. Weinte und brach. Ein Stück war zerbrochen. Ein Stück. Doch die Dose klimperte. Das Brot kaufte ich woanders. Weit weg von der Mauer. Weit weg. So stirbt man. Stück um Stück, Tag für Tag. Ich sehe die Menschen noch, aber sehe sie nicht an. Bedanke mich. Sehe sie nicht an. Jeder Blick ein Stich. Abends gehe ich dann zum Feuer. Frauen wie Männer stehen da im Kreis. Trinken. Verfilzte Bärte. Zu lange Kleider. Keiner hört den anderen, aber jeder sich selbst. Und doch. Alle sagen das gleiche. Ich höre mich sprechen. Tote Worte in die Nacht gehaucht. Scheiß auf den Staat. Ich spuck auf den Boden und blick in das Feuer. Für einen kurzen Moment sehe ich mich. In den Flammen. Von Hitze umschlossen. Ich brenne. Dann erlischt die Glut. Allein wickele ich mich in meine Decke. Allein. So bitte ich euch. Versteht. Auch ein Toter muss leben.

Und wenn nicht, dann nehmt euch so viel ihr wollt. Ihr habt es nötiger als ich. Wolf“

Stand es vor ihm auf einem vollgekritzelten Stück Karton. Der Penner sah scheiße aus. Seine Dose klimperte.

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