Salto Mortale

von Martin Trappen

Ich stehe auf dem Dach. Zwischen meinen Füßen sehe ich unter mir den Asphalt. Der Balkon des Nachbarhauses ist fünf Meter entfernt. So weit kann ich nicht springen, denke ich mir. Ich erinnere mich daran, wie ich das erste Mal hier oben stand. Ich war acht Jahre alt und meine Freunde stachelten mich zu einer Mutprobe an. „Na los, spring schon!“, riefen Sie mir zu. „Du bist doch kein feiges Huhn, oder?“ Ich stand wie versteinert da. Ich war nicht gesprungen. Auch jetzt zittern meine Hände, als sie sich am kalten Metall des Geländers festhalten. Ich atme schwer und trete vom Dachrand zurück. Die Krawatte schnürt mir die Kehle zu. „Feiges Huhn, feiges Huhn!“, höre ich sie nach all den Jahren immer noch. Ich versuche, mich daran zu erinnern, was aus den anderen geworden ist. Mario ist mittlerweile verheiratet und hat drei Kinder. Philipp war bereits in der Chefetage einer großen Automobil-Firma in München. Tom ist Lehrer und hat sich inzwischen geoutet. Jens kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Ich keuche und frage mich, ob meine alten Schulfreunde auch einmal vor so einer Entscheidung standen. Haben sie sich für das Risiko entschieden? Oder haben sie sich an die Sicherheit geklammert? Ist es immer riskant, den Heimatort zu verlassen? Kann min sich in Sicherheit wägen, wenn man sein Leben lang dortbleibt?

Habe ich Angst vor dem Tod? Nur ein Idiot fürchtet sich nicht davor. Aber vor dem Tod kann man nicht fliehen. Auch fünf Meter vom eigenen Haus kann es einen erwischen. Wenn man zum Beispiel in die Fahrbahn eines betrunkenen Autofahrers gerät. Nein, Angst um mein Leben ist es nicht, die mich lähmt. Nicht mehr. Es ist etwas weniger Greifbares, etwas Beängstigenderes. Mit einem Sprung vom Dach lassen sich meine heutigen Probleme nicht lösen.

„Ben, was machst du denn hier draußen?“ Ich blicke zur Tür und sehe, dass mein Vater zu mir auf die Dachterrasse gekommen ist. „Du holst dir den Tod in der Kälte, ohne Jacke!“, ruft er und zündet sich eine Zigarette an. „Erzähl nur ja deiner Mutter nichts davon“, fügt er so leise hinzu, so dass nur ich es höre. Ich schmunzele, und frage mich, ob Mama immer noch auf diesen alten Trick hereinfällt. Dennoch spüre ich die Kälte deutlich auf meiner Haut und mir fällt auf, dass ich meinen eigenen Atem vor meinem Gesicht sehen kann. Ich reibe meine Hände und stehe auf, um meine Beine zu bewegen.
„Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen“, sage ich und verschränke die Arme vor der Brust, „die pausenlosen Glückwünsche von der gesamten Verwandtschaft machen einen müde.“

„Hör bloß auf, ich kann mich an meine eigene Verlobung erinnern. Da waren dreimal so viele Verwandte dabei. Ich dachte, ich sterbe. Den ganzen Abend habe ich keinen einzigen Happen zu essen bekommen“, erzählt mein Vater und ascht in den metallenen Eimer, den er zu diesem Zweck auf dem Dach platziert hat.

„Wie war das, als du Mama geheiratet hast?“, frage ich, „Hattest du Angst? Warst du besorgt, ob du die richtige Entscheidung triffst? Hast du dich gefragt, was das Leben noch anderes für dich bereithält?“

„Sicher. Das ist so als junger Mann. Du überlegst dir tausend Wege, die du im Leben beschreiten könntest. Aber letzten Endes kannst du nur einen davon gehen. Und wenn du dir’s auf halbem Weg anders überlegst, musst du einen gewaltigen Umweg in Kauf nehmen.“ Ich schaue auf den Nachbarsbalkon und mein Vater folgt meinem Blick. „Hängst du dich immer noch an dieser Sache auf?“

„Du erinnerst dich daran?“, frage ich.

„Ich habe deine Mutter nie so wütend erlebt wie an jenem Abend“, sagt mein Vater und zieht an seiner Zigarette. „Du hast Glück, dass ich nichts vom Schlagen in der Erziehung halte, sonst hätte ich dir ordentlich den Hintern versohlt.“

„Verdient hätte ich es“, sage ich, „obwohl ich nie gesprungen bin.“

„Das spielte keine Rolle. Ihr hattet auf dem Dach nichts verloren. Deine Mutter und ich, wir hatten es dir strengstens verboten. Zu allem Überfluss habt ihr den Schlüssel aus unserem Schlafzimmer geklaut“, schimpft mein Vater.

„In der Gruppe waren wir mutiger, aber dümmer,“ gebe ich zu.

„Du denkst hoffentlich nicht daran, diese Mutprobe nachzuholen?“, will mein Vater wissen und ascht ein weiteres Mal ab. „Abgesehen davon, dass du nicht der Sportlichste bist, weiß ich nicht, wie ich es dem Schmidt erklären soll, dass mein erwachsener Sohn eine seiner Topfpflanzen kaputtgemacht hat.“

„Du meinst dieses verwelkte Häufchen Elend dort drüben?“, frage ich und zeige auf eine besonders erbärmliche, eingegangene Geranie.

„Mir doch egal welche, ich will nur ein Gespräch mit diesem alten Griesgram vermeiden“, sagt mein Vater, und wir beide lachen lauthals. Als wir wieder Luft bekommen, fragt er mich: „Ehrlich, Ben, so ein Sprung beweist nichts, das ist dir hoffentlich klar?“ Mein Vater nimmt einen weiteren Zug. „Dort unten wartet eine hungrige Schar von Verwandten, aber dort unten wartet auch deine Frau fürs Leben.“ Eine kurze Pause. „Deine Schwester, die euch beide zusammengebracht hat und nicht glücklicher darüber sein könnte.“ Eine weitere Pause. „Dein bester Freund und Trauzeuge, der extra aus München angereist ist.“ Er nahm noch einen Zug. „Und deine Mutter nicht zu vergessen, die uns beiden die Hammelbeine langzieht, wenn wir ihr Soufflé kaltwerden lassen.“

Ich sehe meinem Vater in die Augen und kann nur mit dem Kopf nicken. „Komm, gehen wir wieder rein ins Warme“, sagt er und wirft den Zigarettenstummel in den Eimer.

Ich blicke auf das Haus gegenüber. Was hat mich je daran fasziniert? Es war nur eine langweilige Terrasse: verblasstes Holzfurnier, ein Plastiktisch samt Stühlen und einige abgestorbene Topfpflanzen. „Kommst du? Es wird Zeit“, fragt mein Vater von der Tür aus.

„Ich komme“, sage ich, drehe mich um und gehe wieder ins Haus.

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