Die großen Bäume

von Serina Naß

Die Bäume strahlen jene Ruhe aus, die einen erfasst, wenn man durch eine Allee fährt. Die Lichtfetzen sprenkeln den Boden, der Wind verwischt jegliche Form. Frieden breitet sich in mir aus. Diese Ruhe, die einem manchmal kurz vorm Einschlafen gegönnt ist. Wenn die Atmung ohne Anstrengung ganz tief wird und man sich selbst, ohne zu erschrecken, endlich klar erkennen kann.

Es ist nichts zu hören. Kein Motor. Kein Kind. Nicht einmal ein Vogel. Völlige Stille im Rauschen der Brise.

Ich bin gerne hier. Hier bei dir. Bei deinem neuen Zuhause. Dann kann ich dich wieder spüren.

Manchmal, aber nur ganz selten, denke ich nicht an dich! Dann erschrecke ich. Zucke regelrecht zusammen, denn der Schmerz, der darauf folgt, ist nicht nur dein Verlust, er ist mein Versäumnis, meine Schuld. In solchen Momenten kann ich nicht her kommen. Kann dir nicht in die Augen sehen.

Aber heute nicht. Heute habe ich an dich gedacht. Heute, gestern, morgen, immer. Nur weiß ich nicht, was ich dir sagen soll. Diese Zeiten sind vorbei. Zulange ist es schon her. Meine Namen sagen dir nichts mehr. Du kennst sie nicht. Niemanden. Alles neu und alles ohne dich. Gern hätte ich dir erzählt, was mich bewegt. Von meinen Freunden, meiner Wohnung, meiner Arbeit, meinem Leben. Doch das ist dir alles unbekannt. Ich kann es dir nicht sagen. Ich kann dir nicht zeigen, wie sehr du hier fehlst. Wie viel du verpasst. Ich kann nicht!

Also sitze ich hier, im frisch gemähten Gras, und schweige. Ich schweige dir alle meine Worte zu. Ich schicke dir meine Gedanken ohne Stimme. Sie ist auch nicht nötig. Du bist ja hier. Sitzt bei mir auf der Decke. Einst gehörte sie dir. Aber auch das ist schon so lange her. Viel zu lange. Die Welt hat sich viel zu schnell gedreht, seit dir.

Ich versuche dir gerecht zu werden, seit dem. Ich versuche das zu tun, was du nicht mehr kannst. Aber es ist schwer. Es ist eine Last, eine Bürde. Für zwei zu atmen. Für zwei zu leben. Für zwei zu fühlen. Für zwei zu sein.

Alles ist vergänglich. Das weiß ich! Ich weiß, dass du nicht mehr da bist. Ich weiß, dass ich dich liebe. Dass ich dich vermisse. Dass du trotzdem bei mir bist, zumindest jetzt und hier.

Der Wind frischt etwas auf. Sicher ist meine Gänsehaut deshalb aufgeprickelt. Das Gras duftet herrlich. Wiese ist mein Lieblingsduft. Ich kuschle mich in unsere Decke. Sie ist schon lange nicht mehr weich. Hat deinen Duft schon längst verloren. So wie alles andere auch. Dein Duft ist von der Welt verschwunden. Mit dir. Und dafür hasse ich dich ein wenig. Es roch immer so herrlich bei dir. Ich wünschte, ich hätte ihn mir bewahrt, ihn irgendwie konserviert. Doch es ist zu spät. Es gibt nichts mehr von dir.

An Tagen wie heute möchte ich dir von den Wolken erzählen. Aber wahrscheinlich kennst du sie eh viel besser als ich. Also lasse ich es bleiben. Was sollte ich dir schon erzählen…

Alles was ich habe, sind Fragen. Jede Menge Fragen. Aber ohne Antworten, kann ich sie dir nicht stellen. Ich kann nicht.

Am Anfang griff ich aus Reflex immer zum Hörer, wollte dich anrufen. Bis mir klar wurde, dass du nicht abnehmen wirst. Mittlerweile probiere ich es nicht mehr. Nicht einmal ein kleiner Reflex ist noch zurück geblieben.

Manchmal kann ich mich nicht mehr an deine Stimme erinnern. Ich vergesse dein Gesicht. Den Glanz deiner Haare. Dann suche ich schnell die alten Fotos. Aber es ist nicht dasselbe. Sie sind starr und unbewegt. Ein so kurzer Moment, der dir nicht gerecht wird. Sie bringen mir dein Bild nicht zurück. Erinnern mich nicht an deine Bewegungen. Nicht an deine Art zu Reden. Nicht mal das Gefühl deiner Umarmung kommt zurück. All diese Dinge sind verloren. Die wichtigen Dinge sind weg. Verblassen von Tag zu Tag mehr. Egal wie fest ich versuche sie zu halten. Sie werden gehen. So wie dein Haus gegangen ist. Und deine Kleidung, dein Besitz, dein Lebenswerk. Es ist alles gegangen, so wie du.

Und selbst wenn ich meinen Kindern von dir erzählen werde, dein Leben in die Herzen meiner Enkel trage, so wirst du doch diese Welt verlassen. Irgendwann. Denn sie kennen dich nicht. Hatten nie die Chance dazu. Sie werden nur meine Stimme in ihren Köpfen hören, in ihren Herzen wahren. Meinen Schmerz und meine Liebe spüren. Nie jedoch ihre eigene.

Und wenn ich gegangen bin und auch meine Spuren verblassen, dann bist du schon lange von dieser Welt verschwunden. Ausgelöscht in allen Herzen, in keinen Gedanken mehr verfangen. Weil keiner nach dir gefragt werden kann. Aber das ist nicht schlimm. Ganz und gar nicht. Denn wenn es soweit ist, dann bin ich bei dir. Ich werde dich tröstend in den Arm nehmen. Ich werde dir den Trost schenken, den du dir verdient hast. Den du mir auch immer gegeben hast. All die Liebe, die ich in mir trage, gebe ich dann endlich wieder frei.

Die Wolken ziehen ganz langsam über meinen Kopf. Genüsslich lassen sie sich vom Wind verschieben. Ob du wohl auch hinauf blickst? Ob du weißt, wie sehr du mir fehlst? Wie viel dein Verlust unsere Welt verändert hat? Mich verändert hat?

Ich bin nicht sicher, ob du weißt, wie viel von meinem Herzen du mit dir mitnahmst, als du gingst. Ich weiß auch nicht, ob du das wissen sollst. Ich will dir keinen Schmerz bereiten. Und so lächle ich in mich hinein. Schmunzle über unsere Vergangenheit, über die Zukunft und ein bisschen übers Jetzt.

Bald ist meine Zeit hier vorbei. Dann muss ich wieder los. Dann werde ich meine Decke zusammenlegen und sie wird voller Grashalme sein. Aber ich lasse sie dran, weil sie doch zu dir gehören.

Und dann werde ich gehen. Entlang der großen Bäume. Die Sonne wird Lichtflecken in mein Haar zaubern. Und ich werde, wie immer, ein ‚Bis Bald‘ mit dem Wind zu dir schicken.

Und ich weiß, dass ich dich irgendwann wieder haben werde. Doch ich weiß nicht, wann das sein wird. Und bis dahin trage ich deinen Verlust mit mir. Ich lasse dich nicht los. Lasse dich, so gut ich kann, nicht vergessen.

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