Der Erdgeist und der Fuchs – Teil 1

von Miyazawa Kenji: 土神と狐 (Tsuchigami to kitsune)

frei übersetzt von Arina Molchan

Am nördlichen Rand einer weiten Grasebene befand sich ein kleiner Hügel. Er war gänzlich von stachelspitzem Gras überwuchert. Auf seiner Kuppe aber wuchs eine einzelne, wunderschöne Birke. Sie war nicht sehr groß, ihr Stamm leuchtete in einem glänzenden Schwarz und ihre Äste breiteten sich anmutig aus. Im Mai sahen ihre bleichen Blüten wie kleine Wolken aus; im Herbst fielen ihr die Blätter golden und purpurn und bunt von den Zweigen.

Alle Vögel, vom Kuckuck bis zum Sperling, vom Buschsänger bis hin zum winzigen Zaunkönig und dem Rotkehlchen kamen, um in ihrem Geäst zu singen. Aber wenn ein junger Habicht oder ein anderer großer Vogel dort Platz nahm, dann schauten die kleinen Vögel aus der Ferne herüber und wagten sich nicht näher heran.

Die Birke hatte zwei Freunde. Einer war ein Erdgeist, der inmitten einer sumpfigen Senke etwa fünfhundert Schritte vom Hügel entfernt wohnte; der andere war ein brauner Fuchs, der immer irgendwo im Süden aus der Grasebene auftauchte. Von den beiden war es wahrscheinlich der Fuchs, den die Birke bevorzugte. Trotz seines verheißungsvollen Namens war der Erdgeist nämlich zu wild. Seine Haare waren ungekämmt und hingen ihm wie Bündel zerzauster Baumwollfäden herunter. Seine Augen waren blutunterlaufen und seine Kleidung sah aus, als wäre sie aus Algen gemacht. Er lief immer barfüßig und seine Fingernägel waren lang und schwarz. Im Gegensatz dazu war der Fuchs sehr kultiviert, verärgerte nie jemanden und brachte einen auch nie in Verlegenheit.

Wenn man sie genau miteinander verglich, lag der eigentliche Unterschied aber anderswo: Der Erdgeist war stets ehrlich, während der Fuchs wahrscheinlich nicht immer die Wahrheit sagte.

*

Es war ein Abend am Anfang des Sommers. Die Birke war in weiche, junge Blätter gekleidet. Sie füllten die Luft um sie herum mit einem wundervollen Duft. Die Milchstraße erstreckte sich weiß schimmernd über den Himmel und die Sterne zwinkerten und blinzelten und blinkten über dem ganzen Firmament. In so einer Nacht also besuchte der Fuchs die Birke und brachte ihr einen Gedichtband mit.

Der Fuchs trug einen dunkelblauen Anzug, frisch aus der Schneiderei, und seine hellbraunen Schuhe knarzten leise bei jedem Schritt.

„Welch eine friedliche Nacht“, sagte er.

„Oh, ja!“, hauchte die Birke.

„Siehst du dort drüben das Sternbild des Skorpions über den Himmel kriechen? Weißt du, im alten China nannte man den großen Stern da den ‚Feuerstern‘.“

„Aber ist der nicht derselbe wie der Mars?“

„Nein, nein, nicht derselbe wie der Mars. Der Mars ist ein Planet. Dieser hier ist ein echter Stern.“

„Aber was ist der Unterschied zwischen einem Planeten und einem Stern?“

„Nun ja, ein Planet kann nicht aus eigener Kraft leuchten. In anderen Worten: Ein Planet borgt sich das Licht von andersdwo, sonst kann er nicht sichtbar werden. Ein Stern ist von jener Sorte, die aus sich selbst heraus leuchten kann. So ist die Sonne, zum Beispiel, natürlich ein Stern. Für uns sieht sie groß und blendend aus, aber wenn man sie von ganz weit weg betrachtete, würde sie genauso aussehen wie die kleinen Sterne.“

„Wirklich? Also ist die Sonne nur einer der Sterne? Dann scheint es mir, müsse der Himmel ganz viele Sonnen besitzen – nein, Sterne – ah, wie dumm von mir, natürlich ‚Sonnen‘.“

Der Fuchs lächelte großzügig. „Ja, so könnte man es ausdrücken“, sagte er.

„Ich frage mich, warum manche Sterne rot, andere gelb und und wieder andere grün sind.“

Der Fuchs lächelte erneut großzügig und verschränkte mit einer großen Bewegung die Hände vor der Brust. Das Poesiebuch unter seinem Arm rutschte gefährlich, aber irgendwie gelang es ihm, es nicht fallen zu lassen.

„Nun ja“, sagte er, „zuerst waren alle Sterne wie große, flauschige Wolken. Es gibt noch viele von dieser Art am Himmel. Ein paar kann man in der Andromeda sehen, einige im Orion, und andere im Sternbild der Jagdhunde. Einige dieser Sternwolken sind spiralförmig und einige sind rund wie die Mäuler von Fischen.“

„Oh, Sterne wie Fischmäuler – wie wundervoll!“

„Man kann es fast nicht glauben, nicht wahr? Aber so sind sie. Ich habe sie in einem Observatorium gesehen.“

„Wirklich? Ich wünschte, ich könnte sie auch sehen!“

„Ich könnte sie dir zeigen. Ich habe nämlich ein Teleskop aus Deutschland bestellt. Es sollte irgendwann im nächsten Frühjahr hier ankommen. Sobald es da ist, kannst du einen Blick hineinwerfen.“

Der Fuchs hatte gesprochen, ohne darüber nachzudenken. Gleich darauf dachte er sich: „Herrje, habe ich meiner Freundin schon wieder eine Flunkergeschichte erzählt? Aber ich tat es ja nur, um sie glücklich zu machen. Ich habe damit wirklich keinen Schaden anrichten wollen. Später werde ich ihr die Wahrheit sagen.“

Für eine Weile war der Fuchs ganz still. Die Gedanken trieben ihn um, aber die Birke war zu entzückt, um dies zu bemerken. „Ich bin so froh!“, sagte sie. „Du bist so lieb zu mir!“

„Aber natürlich!“, sagte der Fuchs etwas niedergeschlagen. „Du weißt, dass ich alles für dich tun würde. Übrigens, magst du den Gedichtband lesen? Er ist von einem Mann namens Heine. Natürlich ist es lediglich eine Übersetzung, aber sie ist gar nicht so schlecht. “

„Oh! Dürfte ich mir das Buch ausleihen?“

„Aber sicher! Du kannst es behalten, solange du willst … Nun ja, ich muss langsam wieder los. Aber bevor ich mich verabschiede: Mir kommt es so vor, als hätte ich vergessen, etwas zu sagen.“

„Ja, über die Farbe der Sterne!“

„Stimmt! Aber lass uns das aufs nächste Mal verschieben. Ich möchte nicht deine Gastfreundschaft ausnutzen.“

„Das tust du ganz und gar nicht!“

„Wie dem auch sei, ich komme bald wieder vorbei. Bis dahin: Alles Gute dir und auf Wiedersehen! Ich lasse dir das Buch da. Mach’s gut!“

Der Fuchs begab sich unvermittelt auf den Heimweg. Die Blätter der Birke raschelten sanft im Südwind, der just in diesem Moment aufgekommen war. Sie hob das Buch auf und begann im schwachen Leuchten der Milchstraße und dem sternenübersäten  Himmel darin zu schmökern. Der Band beinhaltete „Lorelei“ und viele andere schöne Gedichte von Heine. Die Birke las und las fast die ganze Nacht hindurch. Erst lange nach drei Uhr, als der Stier bereits im Osten über der Grasebene aufging, wurde sie leicht schläfrig.

*

Die Morgendämmerung brach an und die Sonne stieg in den Himmel. Der Tau funkelte auf den Grashalmen und die Blumen blühten mit all ihrer Kraft. Langsam, ganz langsam aus dem Nordosten, in das Morgenlicht getaucht, als ob er sich selbst mit geschmolzenem Kupfer übergossen hatte, kam der Erdgeist. Er schlenderte gemächlich heran, seine Arme nüchtern vor seiner Brust verschränkt.

Irgendwie ärgerte das die Birke. Dennoch ließ sie ihre hellgrünen Blätter in seine Richtung schimmern, als er näher kam, sodass ihre Schatten über das Gras huschten und flatterten.

Der Erdgeist trat still heran und blieb vor ihr stehen. „Einen guten Morgen, Birke.“

„Guten Morgen.“

„Weißt du, Birke, es gibt viele Dinge, die ich nicht ganz verstehe, wenn ich so darüber nachdenke. Wir wissen nicht sonderlich viel, stimmt’s?“

„Welche Dinge denn?“

„Nun, das Gras, zum Beispiel. Warum ist es grün, wenn es aus der dunkelbraunen Erde herauskommt? Und dann sind da noch die weißen und gelben Blumen. Das ist mir echt schleierhaft.“

„Könnte es sein, dass die Grassamen das Grüne und das Weiße schon in ihrem Inneren haben?“, sagte die Birke.

„Hm, ja. So könnte es vielleicht sein“, sagte er. „Aber abgesehen davon, ist es mir ganz unerklärlich. Nimm zum Beispiel die Giftpilze im Herbst. Die sprießen aus der Erde ganz ohne Samen und dergleichen. Und die wachsen in Rot und Gelb und allen möglichen Farben. Das verstehe ich wirklich nicht.“

„Wie wäre es, wenn du den Herrn Fuchs fragtest?“, sagte die Birke, die immer noch vom nächtlichen Gespräch ganz beeindruckt war und es nicht besser wusste.

Das Gesicht des Erdgeistes wechselte plötzlich die Farbe. Er ballte die Fäuste. „Was? Den Fuchs? Was hat der Fuchs gesagt?“

„Oh“, sagte die Birke. Ihre Stimme brach. „Nichts Bestimmtes. Es ist nur so, dass er vielleicht die Antwort wüsste.“

„Und warum denkst du, dass ein Fuchs einem Erdgeist etwas beizubringen hätte, ha?“

Nun war die Birke so verunsichert, dass sie nur noch zitterte und bebte. Der Erdgeist stapfte hin und her, hatte die Arme vor der Brust gefaltet und mahlte laut mit den Zähnen. Sogar das Gras fröstelte vor Angst, wann immer sein tintenschwarzer Schatten es streifte. „Dieser schändliche Fuchs, dieses Ungeziefer!“, sagte er. „Kein Fünkchen Wahrheit ist in ihm! Kriecherisch, feige und dazu auch noch neidisch ist er!“

„An deinem Schrein ist doch bald das jährliche Fest, oder?“, sagte die Birke, nachdem sie sich endlich wieder gefasst hatte.

Der Gesichtsausdruck des Erdgeistes wurde etwas weicher. „Jawohl“, sagte er. „Heute ist der Dritte des Monats, also sind es nur noch sechs Tage bis dahin.“ Doch dann dachte er eine Weile nach und es platzte aus ihm heraus: „Diese Menschen sind ein sinnloser Haufen! Heutzutage bringen sie mir keine Opfergaben mehr dar, nicht mal an meinem Festtag. Also, der nächste, der seinen Fuß auf mein Gebiet setzt, den zieh ich runter auf den Boden des Sumpfes zum Dank für all seine Mühe.“

Er stand da und kaute wütend an diesem Gedanken herum. Die Birke, besorgt darüber, dass ihre Versuche,  ihn zu beruhigen nur das Gegenteil bewirkt hatten, konnte nichts anderes tun, als mit ihren Blättern in der leichten Brise zu rascheln. Eine ganze Weile lang ging der Erdgeist hin und her, mahlte mit den Zähnen, seine Arme vor der Brust verschränkt. Sein ganzer Körper schien in all dem Licht, das die Sonne über ihn goss, zu lodern. Je mehr der Erdgeist nachdachte, desto wütender wurde er. Am Ende konnte er es nicht mehr aushalten: Mit wildem Geheul stürmte er in Richtung seiner Senke davon.

*

Der Ort, an dem der Erdgeist lebte, war ein feuchter, kalter Sumpf, überwuchert von Moos und Klee. Undurchdringliches Röhricht wuchs da, hier und dort eine Distel oder eine schrecklich verbogene Weide. Es gab glitschige Stellen, an denen das Wasser sich zu rostigen Pfützen sammelte. Ein Blick reichte aus, um zu wissen, dass an diesem Ort alles schlammig und irgendwie unheimlich war.

Auf einer Insel, die sich aus diesem Sumpf erhob, befand sich der Schrein des Erdgeistes. Der Bau war sechs Fuß hoch, aus unbehauenen Holzstämmen zusammengezimmert.  Der Erdgeist streckte sich in voller Länge neben dem Schrein aus und kratze sich lange und ausgiebig die dunklen, hageren Beine.

Da bemerkte er einen Vogel über den Himmel fliegen. Also setzte der Erdgeist sich auf und schrie: „Schusch!“ Der Vogel taumelte verängstigt und schien zu fallen. Er flüchtete in die Ferne, doch je weiter er flog, desto mehr verlor er an Höhe, als wären ihm die Flügel plötzlich lahm geworden. Der Erdgeist lachte und war dabei, wieder aufzustehen, als er zufällig zum kleinen Hügel hinübersah, auf dem die Birke wuchs. Sofort kehrte sein Zorn zurück: Sein Gesicht wurde fahl, sein Körper wurde steif wie ein Schürhaken und er begann, an seinem wild zerzausten Haar zu zerren.

Zur selben Zeit war ein einsamer Holzfäller unterwegs zum Berg Mitsumori. Er kam vom Süden her in die Nähe der Senke und folgte dem schmalen Pfad, der sich an ihrem Rand entlang schlängelte. Der Holzfäller schien ganz genau über den Erdgeist Bescheid zu wissen, denn von Zeit zu Zeit schielte er nervös in die Richtung des Schreins. Aber natürlich konnte er dort niemanden sehen.

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