Bunkerkind

von Sophia Thomsen

Es war einmal ein Riese, der sah die Welt und weinte.

Der weinte Tränen aus flüssigem Beton, und während sie von seinem Gesicht fielen, wurden sie langsam fest. So standen sie dann überall in der Landschaft, halberstarrt, wie seltsame Pilze. Dann kamen die hungrigen Mäuse und fraßen sich durch den Beton, fraßen Gänge und Räume, aber bevor sie Fenster fressen konnten, härtete der Beton in ihren Mägen aus und sie verendeten. Auf den Kötteln der toten Mäuse wuchsen Menschen wie Pilze hervor, erst die blassen Gesichter, dann die weißen Leiber, dann die Beine. So kamen die ersten Menschen in den Bunker.

Ich kenne diese Geschichte, seit ich mich kenne. Ich lasse sie mir immer wieder von meiner Mutter erzählen, wenn sie erschöpft von der Schicht auf den Feldern kommt. Dann schmiege ich mein Gesicht an ihren Körper und atme ihren Duft ein, während die Ärmelnaht ihrer Bluse sich auf meiner Wange abzeichnet. Leise reiht meine Mutter Wort an Wort.

Ich wohne mit meinen Eltern in einer Nische im zweiten Stock. Mein Vater arbeitet in der Kläranlage, meine Mutter auf den Feldern. Manchmal darf ich sie auf der Arbeit besuchen. Es ist schön dort, ich würde gerne zwischen den Pilzen umherlaufen, aber das darf ich nicht. Sie sind viel zu empfindlich.

Ich habe viele Spielkameraden. Wir verstecken uns, wir fangen uns. Wir flüstern uns im Dunkeln Geheimnisse ins Ohr.

Früher, sagt mein Vater, gab es im Bunker Licht, aber mit der Zeit ist es immer weniger geworden, und schließlich ist es ganz ausgegangen. Man konnte sehen.

Ich vermisse das Licht nicht, ich erkenne die Anderen an ihren Stimmen, an ihren Schritten, an ihrem Geruch. Wenn ich mich zwischen meinen Eltern und Geschwistern einrolle, fühle ich mich geborgen.

„Wozu braucht man Licht?“ frage ich. „Um zu lesen.“ Vater drückt mir etwas in die Hand, es raschelt. Ich taste glatte Seiten mit scharfen Kanten. Ich lasse sie durch meine Finger gleiten, immer wieder, es fühlt sich schön an. „Was ist das?“ „Ein Buch.“ „Wozu braucht man es?“ „Für Geschichten. Früher haben wir Geschichten darin aufbewahrt.“

Geschichten? Welche Geschichten? Es gibt nur eine Geschichte.

Es war einmal ein Riese, der sah die Welt und weinte…

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