Geborgenheit

von Lydia Wünsch

Bei der vergangen Lesung im Café Blá haben wir unsere Zuschauer gebeten, uns allen einen Prompt zum Thema „Sehnsucht“ aufzuschreiben. Diese haben wir dann untereinander ausgelost. Jeder hat einen kurzen Text zu seinem Prompt verfasst. Ich habe „Geborgenheit“ gezogen.

Ich glaube, Geborgenheit schleicht sich auf leisen Sohlen an.

Ich stelle sie mir vor wie ein junges Mädchen, das am Weihnachtsmorgen zu früh aufwacht. Im Halbschlaf räkelt sie sich in ihrem Bett und dreht sich nochmal herum, um noch ein bisschen weiter zu schlummern. Es ist noch dunkel draußen, und nur die bunte Lichterkette am Fenster strahlt ein sanftes Licht aus.

Das Mädchen gähnt und streckt sich in ihrem Bett aus. Probeweise lässt sie schon mal einen Fuß unter der Decke hervorscheinen. Der Fuß ist nackt, denn im Schlaf hat sie sich einen Socken abgestreift. Mit diesem nackten Fuß testet sie jetzt, wie kalt es ist, und ob sie schon bereit ist, aufzustehen. Langsam gleitet sie ganz aus dem Bett, und mit zusammengekniffenen Augen und zerzaustem Haar steht sie nun daneben und überlegt, was als nächstes zu tun sei. Sie öffnet die Türe und lugt hinaus, dann geht sie leise auf ihren Zehenspitzen aus ihrem Zimmer. Immer noch mit nur einem Socken. Sie streift durch das leere Haus. Alles ist still und dunkel, und sie ist ganz alleine. Aber sie hat keine Angst, denn es gibt ja die bunten Lichter an den Fenstern. Diese schimmern und glitzern aufregend und machen das Haus hell genug, um es zu durchstreifen. Sie fühlt, dass heute etwas Großes bevorsteht. Sie spürt die Kälte des Bodens an ihrem nackten Fuß, und das Kribbeln, das dadurch entsteht, durchfährt ihren ganzen Körper. Bis hinauf zu ihren Wangen.

Ich glaube, Geborgenheit ist, am Weihnachtsmorgen zu früh aufzustehen. Wenn alle anderen noch schlafen, und du ganz alleine darauf wartest, dass es beginnt. Wenn Dunkelheit einem keine Angst einflößt, sondern Verheißung bedeutet. Wenn noch keine Narben auf der Seele einem selbst den schönsten Moment ein klein bisschen trüben. Wenn man sich stattdessen ganz und gar der Verheißung hingeben kann, in dem sicheren Wissen, dass das, was kommt, gut sein wird.

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