Märchen, nachts

von Arina Molchan

Ich habe schon immer in dieser Hütte gelebt – wahrscheinlich schon immer. Sie hat schwarze Wände, eine schiefe Tür. Die Dielenbretter sind so morsch, dass sie nachts gefrieren. Tagsüber schmelzen sie und riechen nach faulendem Holz und nasser Erde, riechen wie meine Kleidung, wie meine Haare. Manchmal höre ich ein Herz unter den Brettern schlagen. Vielleicht ist es ein Herz.

*

Nie verirrt sich jemand hierher – wahrscheinlich nie. Nur der Wind, das hungrige Tier, leckt mit seiner blauen Zunge unter dem Türspalt nach mir, nach meinen Knochen zum Nagen. Das andere Tier habe ich schon lange verbrannt. Es war ein Wolf mit Augen voll Wahn, mit Zähnen wie Zacken und vor ihm war ein Mädchen in Rot auf den Einband gemalt. Sie war eine von vielen, die gehen mussten.

*

Ich war schon immer allein – wahrscheinlich schon immer. Nie hat mich jemand geküsst, mich warm gehalten. Die kleine Meerjungfrau brannte schlecht – zu viel Salzwasser; und dem Mädchen mit den Schwefelhölzern ging die Flamme aus. Schwarzes, nasses Holz ist alles, was immer zurückbleibt. Selbst unter der Erde.

*

Hunger ist das einzige, das wirklich brennt – wahrscheinlich das einzige. Deshalb hatte die Frau im Wald den Ofen befeuert und die Kinder gerufen. Deshalb waren sie zu ihr gekommen. Wenn draußen die Nacht dunkel und kalt ist, wie meine Hütte, sieht jedes Feuer einladend aus.

 

 

 

Foto von luizclas

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