Rückkehr an den Ort der Kindheit

von Arina Molchan Als wir weggingen, sperrten wir die Zeit ein. Sie solle auf uns warten – wir würden am Tag darauf zurückkehren. An irgendeinem Tag darauf. Wir bereiteten alles vor. Ich setzte die Strohpuppe ans Fenster, damit sie nach uns Ausschau hielt, ich pflückte Kornblumen, Kamille und Mohn, schnitt silberne Espenzweige und band alles…

Märchen, nachts

von Arina Molchan Ich habe schon immer in dieser Hütte gelebt – wahrscheinlich schon immer. Sie hat schwarze Wände, eine schiefe Tür. Die Dielenbretter sind so morsch, dass sie nachts gefrieren. Tagsüber schmelzen sie und riechen nach faulendem Holz und nasser Erde, riechen wie meine Kleidung, wie meine Haare. Manchmal höre ich ein Herz unter den Brettern schlagen. Vielleicht ist…

wir, jünger

von Arina Molchan Ich erinnere mich: wir, jünger, zwischen unseren Händen die Milchstraße, zwischen unseren Händen nichts. Wie habe ich dich geliebt, damals, bloß durch das Spüren deiner Haut        

Inhalt einer kühlen Beziehung

von Arina Molchan Im Kühlschrank liegt eine geköpfte Zwiebel, ein altes, grauweißes Schweinespeckstück und ein kümmerlicher Rest Käsekuchen. Die Gabel steckt drin, zwar nicht mehr aufrecht, aber sie steckt. Ich stecke auch fest: essen oder es sein lassen? Ich schnüffel am Schweinespeckstück – riecht ranzig. Die Zwiebel riecht gar nicht mehr, sie ist nur noch…

Natur disconnected

von Arina Molchan Zwei Männer in Tweed stehen im Park und erkennen nichts. Einer von ihnen wird mir später von diesem Moment erzählen und sagen: „Damals, unter der Zeder, haben wir es nicht gesehen“ und „Hätten wir es geahnt, dann …“. Aber noch stehen sie da im Vogelschreiregen und verstehen nicht. Verstehen nicht, warum sich…

Es ist heiß #3 – Tischwolke 7

von Arina Molchan Sie lächelte, und er dachte an Wassermelonenschnitze: Ihre Lippen formten den wunderbarsten Halbkreis und zeigten viel zu viel Zahnfleisch. Sie verdeckte es mit ihren Fingerknöcheln, legte sich die Kirschkernfingernägel an die Zähne und kaute bei dieser Gelegenheit, bis der Lack splitterte und die Nagelhaut blutete. Dann umarmte sie, als wäre nichts gewesen, mit den aufgerissenen Fingern ihr Glas und…

Unter dem leeren Himmel

von Arina Molchan Heute werde ich mich erinnern, verstehen, was du in deinen letzten Tagen gesehen haben musstest, allein, also warte ich, bis der blaue Zug heranrollt, schnaufend zum Stehen kommt, die Fenster blind in der Sonne, wie damals mit dir in der Kindheit und wie immer ist er leer und ich steige ein, immer…

Single-Player

von Arina Molchan Ich komme von der Arbeit nach Hause, in mein Nest aus Kabeln und Schnittstellen. Rechts steht das ungemachte Bett, links an der Wand der Käfig. Die Neonröhre an der Decke surrt. Ich streife alles bis auf die Unterwäsche ab, schmeiße die Arbeitsuniform auf den Boden und beginne mein feierabendliches Ritual: Powercocktail schlucken,…

Für immer halten

von Arina Molchan Gestern haben wir sie herausgezogen – die junge Frau aus dem Moor. Ihr Arm war in die Torfstechmaschine gekommen – man hatte die Knochen nicht knacken gehört, aber ihre gegerbten Finger auf dem Förderband zucken gesehen, bevor sie im Schlund des Hexlers verschwunden waren. Im Dorf sagten sie, dass sie dem alten…