Sparsam optimistisch

von Arina Molchan Ich wollte ans Meer. Endlich wieder mal raus, in die salzige Sonne. Ich hatte mir letzten Oktober einen Bikini gekauft. Einen zwanzig Prozent reduzierten, auf den es nochmal zehn Prozent gab – wegen dem „Alles muss raus! Letzte Chance!“ Dann kam der Winter und der Frühling und keine Aussicht auf Urlaub –…

Sehnsucht nach Dunkelheit

von Arina Molchan „Gefallener Sternschnuppen großflächige Räumung wurde verordnet. Schließen sie alle Fenster und Türen und bleiben Sie in ihren Häusern“, knisterte es auf allen Radiowellen gleichzeitig durch die hell erleuchtete Nacht. Die Sternschnuppen – eigentlich Kolonien von biolumineszenten Mikroorganismen –  hatten sich zum ersten Mal Ende Dezember auf die Straßen gelegt; auf die Dächer der Häuser,…

Vom Zwiebeldrachen, philosophischen Fragen über Eis und einem Fensterhund

von Arina Molchan Was passiert, wenn man einen Text aus dem Deutschen ins Japanische, Tadschikische, Bengalische, Hebräische übersetzen lässt und dann in die Sprache der Maori und wieder ins Deutsche? Von einer Maschine? Wieviel ist lost in translation? Wieviel unerwartete Poesie schleicht sich ein? Ein Experiment: Vom Zwiebeldrachen, philosophischen Fragen über Eis und einem Fensterhund…

Der Erdgeist und der Fuchs – Teil 1

von Miyazawa Kenji: 土神と狐 (Tsuchigami to kitsune) frei übersetzt von Arina Molchan Am nördlichen Rand einer weiten Grasebene befand sich ein kleiner Hügel. Er war gänzlich von stachelspitzem Gras überwuchert. Auf seiner Kuppe aber wuchs eine einzelne, wunderschöne Birke. Sie war nicht sehr groß, ihr Stamm leuchtete in einem glänzenden Schwarz und ihre Äste breiteten…

Der Erdgeist und der Fuchs – Teil 2

von Miyazawa Kenji: 土神と狐 (Tsuchigami to kitsune) frei übersetzt von Arina Molchan <- zurück zu Teil 1 Als der Erdgeist den Holzfäller bemerkte, durchströmte ihn wilde Schadenfreude. Er streckte seinen Arm in die Richtung des Mannes aus, packte dann mit der anderen Hand sein eigenes Handgelenk und tat so, als würde er den Arm zurückziehen….

Der Erdgeist und der Fuchs – Teil 3

von Miyazawa Kenji: 土神と狐 (Tsuchigami to kitsune) frei übersetzt von Arina Molchan <- zurück zu Teil 2 Es war recht dunkel. Trotzdem konnte der Erdgeist die Fuchsstimme deutlich im Nebel ausmachen, der schwach im blassen Mondschein leuchtete. „Aber natürlich“, sagte der Fuchs gerade, „nur weil etwas den Gesetzen der Symmetrie folgt, kann man es nicht…

Nachtgesicht

von Arina Molchan   zwei Schritte zur Seite um die Kluft spüren zu lassen im Gesicht schien die Nacht bald würden im Licht der Mondsichel erfrorene Glühwürmchen ihm seine Schulter ins Wanken bringen – er unterbrach mich ließ das Wort leicht gewellt der Mondsichel kräuselte die Fläche geschützt hinter Mauern bewehrt, überspannt   So ist…

Rückkehr an den Ort der Kindheit

von Arina Molchan Als wir weggingen, sperrten wir die Zeit ein. Sie solle auf uns warten – wir würden am Tag darauf zurückkehren. An irgendeinem Tag darauf. Wir bereiteten alles vor. Ich setzte die Strohpuppe ans Fenster, damit sie nach uns Ausschau hielt, ich pflückte Kornblumen, Kamille und Mohn, schnitt silberne Espenzweige und band alles…

Märchen, nachts

von Arina Molchan Ich habe schon immer in dieser Hütte gelebt – wahrscheinlich schon immer. Sie hat schwarze Wände, eine schiefe Tür. Die Dielenbretter sind so morsch, dass sie nachts gefrieren. Tagsüber schmelzen sie und riechen nach faulendem Holz und nasser Erde, riechen wie meine Kleidung, wie meine Haare. Manchmal höre ich ein Herz unter den Brettern schlagen. Vielleicht ist…