*Zugehör

von Arina Molchan Wenn du dich durch die vitrinenverzerrte, bildschirmblaue, kopfhörertaubstumme Last-Minute-Masse drückst, jemanden anrempelst, fast stehen bleibst, weil die zwei Daunenmäntel vor dir zu langsam sind und du zu schnell, weil dein Lebensmittelpunkt in der Tasche vibriert, eine Nachricht, noch eine Nachricht, weil du noch in den dritten Stock musst, oder doch in das…

Sonnenstich

von Arina Molchan Anton und Elias saßen nackt auf der Aussichtsplattform des Baumhauses und starrten auf den Berg am Horizont. Die Sonne knallte auf ihre Schultern und der einzige Schatten hatte sich unter das Blätterdach des schwitzenden Waldes zu ihren Füßen gewühlt. Beide hatten die Augen halb geschlossen, die Schenkelhaut in die Ritzen der Rattanstühle hineingeschmolzen,…

Reißen

von Arina Molchan Ihre Gedanken waren wie ein Klumpen verknoteter Ketten aus angelaufenem Silber: ein unentwirrbares Durcheinander; ein schmutziges, stumpfes Schwarz, weggeschlossen in einer Schädelschatulle und dort vergessen. Sie waren schon vor langer Zeit oxidiert, weil die Wände des Büros schwefelgelb waren; weil die Lüfter der Rechner einen fauligen Atem herausröchelten, der dann durch die…

Liebesbotschaft

von Arina Molchan Carolin schloss das Fenster und hängte das rote Bettlaken über die Gardinenstange, um Nico und seinen Traktor nicht mehr sehen zu müssen. Ihr Zimmer roch schon genug nach Gülle – und Nico … er arbeitete bestimmt wieder im Hof, nur um ihr auf die Nerven zu gehen mit seinem Flaum unter der Nase und dem Caro, schau mal,…

Kristallklar

von Victoria B. „Heute ist ein guter Tag.“ Ich inhaliere von der Pfeife und beobachte, wie die Nacht die Schatten aller Bewohner verschlingt. Eine gierige, dürre Hyäne ohne Skrupel. Von ihren Klauen zerfetzt, werden sie den stinkenden Schlund hinunter gewürgt und anschließend verdaut. Dann verlieren einige ihren menschlichen Teil. In der U-Bahn sehe ich sie fast nur nachts: Gestalten,…

Waldemar Popow hat eine Erleuchtung

von Arina Molchan Waldemar Popow schloss das siebte Lichtrentier an das Kabelnetz aus Timern und Verlängerungstrommeln an. Jetzt leuchtete sein kleiner Vorgarten wie eine Märchenlandschaft des Schreckens. Der Zaun hatte grüne Lichtpusteln an der Bambusblickschutzmatte, dazwischen wanden sich rote Neonseile um die Gitterstäbe und auf jeder Pike saß ein Schneemann, die schwarzen Knopfzähne zu einem…

Das Haus ohne Türen

von Arina Molchan Wir hatten schon von ihr geträumt, noch bevor sie den Weg zum Haus ohne Türen fand. Wir sahen sie kommen, in ihren staubigen Strohschuhen, mit ihren schwieligen Fußknöcheln – wie alle anderen herumziehenden Waisen vor ihr. Nur ein Weg führte zum Haus, vorbei an dem Feld, auf dem die Erde aufgeworfen war,…

Bisse

von Dominik Erhard Sehr attraktive Mädchen haben oft hässliche Füße, was mich zeitweise enorm traurig macht. Nicht, dass mich diese schwieligen roten Stellen an den Fersen, oder die Blasen am Knochen neben dem großen Zeh abstoßen würden – es macht mich einfach nur traurig, wie man nach einem Tag traurig ist, den man sich schöner…

Stumm[el]

von Arina Molchan Auf ihrem Nachttisch schwelte der volle Aschenbecher. Sie lag in der Mulde der Matratze, Sprungfedern in jedem Wirbel, und zerrauchte die karierten Papierröllchen zu Stummeln. Sie waren innen ganz leer, nur Grafit und Luft statt des Tabaks: Liedentwürfe von ihm, dem Mitbewohner mit der immer geschlossenen Zimmertür. Sie inhalierte ihren Sinn und…