Sehnsucht nach Dunkelheit

von Arina Molchan

„Gefallener Sternschnuppen großflächige Räumung wurde verordnet. Schließen sie alle Fenster und Türen und bleiben Sie in ihren Häusern“, knisterte es auf allen Radiowellen gleichzeitig durch die hell erleuchtete Nacht.

Die Sternschnuppen – eigentlich Kolonien von biolumineszenten Mikroorganismen –  hatten sich zum ersten Mal Ende Dezember auf die Straßen gelegt; auf die Dächer der Häuser, wie Schnee aus schimmernden Flocken. Zuerst sah es so aus, als hätte die Natur zur Weihnachtsdekoration beitragen wollen und deshalb alles mit einem Glanz überzogen, aber die menschgemachten Lichterketten gingen und das Nachtleuchten blieb. Und vermehrte sich. Im Januar schon verstopften die Sternschnuppen die Regenrinnen in den Bergtälern, klebten an Schuhsohlen und Hausmatten, sammelten sich in Pfützen im Hausgang. Im Februar dann kam die Schlaflosigkeit. Keine Blenden und Schlafmasken halfen mehr gegen die Lichtmassen, die selbst hinter den geschlossenen Augenlidern weiterleuchteten. Das neue Volksleiden bekam sogar einen Namen: Insomnia Lucifacta, durch Licht bedingte Schlaflosigkeit.

Im März wölbten sich ganze Lichtverwehungen auf den Feldern und im Wald hafteten die Sternschnuppen den Baumstämmen an, den Fuchsschwänzen und den Ohren der Hasen. Die Wildschweine wühlten das Licht auf, und die Rehe ästen sich hindurch. In den Bergen versanken die Täler im Lichtsmog und nur noch die Gipfel kannten die Dunkelheit.

In genau diese Richtung, auf einer schmalen Serpentinstraße, pflügte ein Auto durch das nächtliche Lichtgestöber. Drinnen rauschten die Radiosender:

„..fall… / …uppen groß… / … Räum… / …ordnet. Schließen Sie all… / … ster… / …ubaier

Freitagsmusig ausm Stuberl! Heut für sie am Tuba: Hansi Oberdorfler!“

Angelika ließ das Radio endlich in Ruhe und schob ihre Sonnenbrille zurecht. Gedudel aus dem Stuberl war besser als die Volkswarnung in Dauerschleife. Wenigstens spielten noch die kleinen Sender etwas Musik vom Band.

Angelika dachte über die kleinen Sender nach, über die Sternschnuppenräumung. Das Gift, das man bei der letzten Säuberungsaktion einsetzte, hatte Angelikas Haut mit roten, juckenden Flecken überzogen.

Sie wandte sich an ihren Mann, der stur durch die Windschutzscheibe stierte, das Lenkrad mit weißen, haarigen Knöcheln umgriffen, und sagte: „Die setzen bestimmt wieder Chemie ein!“

Björns Gesicht wirkte seltsam grau in dem Nachtleuchten, als wäre nichts mehr menschlich an ihm.

„Pass auf beim Fahren!“, fügte sie hinzu. „Du hast ja kaum schlafen können. Vergiss nicht, dass deine Kinder hinten drin sitzen.“

Björn blickte unverändert nach vorne, nur der kleine Finger seiner rechten Hand zuckte kurz. Angelika deutete das als Zeichen, dass er sie gehört hatte.

Sie klappte die Sonnenblende herunter, um im Spiegel die Rückbank zu überprüfen. Dort saßen ihre zwei Bengel.

„Rafi, Engel, du machst deine Augen kaputt!“, sagte sie.

Rafael krümmte sich über sein Handy, das Display mit beiden Händen abschirmend, und versuchte, etwas zu sehen, ohne etwas zu sehen. Das Schimmern der Sternschnuppenwehen bedeckte das gläserne Autodach und strahlte wie der hellste Himmel. Rafaels älterer Bruder, Michael, konnte auch nichts erkennen. Er blickte durch die abgedunkelte Fensterscheibe nach draußen und sah nur Weiß.

Zieh wenigstens deine Sonnenbrille an!“, sagte Angelika zu Rafael, und klappte die Blende wieder hoch.

Im Radio schwankten ein Akkordeon, eine Tuba und ein Hackbrett ihre letzten Akkorde durch die Lautsprecher. Dann war es kurz still, bevor es piepste und die Stimme vom Band meldete: „Gefallener Sternschnuppen großflächige Räumung …“. Zehn Mal hintereinander.

Angelika schaltete das Radio aus.

Die Autoheizung rauschte sanft. Im Kofferraum schlotterten die Reißverschlüsse der Taschen aufeinander. Björn warf die Scheibenwischer an, und fegte die nassen Lichtflocken auf der Windschutzscheibe auseinander. Er beugte sich vor, die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen, und steuert das Auto weiter in Schrittgeschwindigkeit den Hang hinauf. Das Gummi an den Scheibenwischern schleifte quietschend über das Glas.

„Birgit träumt nur noch in Weiß“, sagte Angelika. „Als würde dieses Zeugs sich schon durch ihr Hirn fressen.“ Sie wartete auf eine Reaktion von irgendjemanden, und als keine kam, fügte sie hinzu: „Das kommt bestimmt davon, dass sie so viele Schnuppen in ihrem Haus hat. Einmal nicht geputzt, und schon hat sich das Zeug vermehrt … kriegt sie nie wieder weg. Wächst expon… expontetiell, sagten sie letztens im Radio.“

Björn wechselte den Gang.

„Birgit glaubt, dass sie langsam Alzheimer kriegt davon. Als sie letztens an ihre Kindheit denken wollte, war da plötzlich alles weg. Sie hat alles vergessen. Als hätte es dort geschneit. Also, in der Erinnerung. Obwohl sie an den Sommer dachte. Die hat da nichts mehr gesehen. Alles einfach nur weiß, weiß, weiß.“

Nach einer Kurve sagte Michael: „Wenn sie ihre Erinnerung vergessen hat, woher wusste sie dann, dass es dort Sommer war?“

„Na, sie weiß doch, an was sie gedacht hat!“ Angelika klappte die Sonnenblende wieder herunter, um ihren Ältesten auf der Rückbank in dem kleinen Spiegel sehen zu können. Michael malte mit dem Finger auf die Fensterscheibe. „Manchmal fragst du echt dumme Sachen!“, fügte sie hinzu, bevor sie die Klappe wieder hochschnappen ließ. Sie sah vorwurfsvoll zu ihrem Mann, so, als wäre es seine Schuld, dass ihr Sohn immer dämliche Fragen stellte. „Übrigens“, sagte sie zu Björn, „sagst du uns endlich, wohin wir fahren?“

Björn schwieg zunächst, öffnete dann seinen Mund, blinzelte, als wäre er gerade geweckt worden, und schloss den Mund wieder. Dann zog er die Augenbrauen zusammen, als müsste er angestrengt überlegen.

„Björn?“

„Mein Akku ist aus.“ Rafael hämmerte mit dem Telefon paar Mal gegen die Fensterscheibe und warf es dann gegen den Fahrersitz. Es prallte ab und verschwand irgendwo im Fußraum. „Mama!“

„Engelchen, nimm doch einfach das Handy von Michael“, sagte Angelika. Sie hatte sich zum Rücksitz umgedreht und blickte über den Rand ihrer Sonnenbrille zu ihrem jüngsten Sohn. Dann drehte sie sich noch ein bisschen mehr, und sagte zum Ältesten: „Michael, gib Rafi dein Handy.“

Michael hörte auf, Strichmännchen an die beschlagene Scheibe zu malen, griff in seine Hosentasche und reichte seinem Bruder das Smartphone. Rafael schlug auch dieses in den Fußraum.

„Ich will meins!“

„Björn, Rafis Akku ist aus!“

„Du bist so ein behindertes Mof“, zischte Michael zu seinem Bruder.

„Das habe ich gehört!“ Angelika wirbelte herum. „Entschuldige dich bei deinem Bruder!“

„Ich hasse dich.“ Michael wandte sich seinen Strichmännchen zu, das Gesicht grau errötet in dem seltsamen Nachtleuchten.

Rafael kickte, erwischte aber nicht das Schienbein seines Bruders, sondern schlug sich den Fuß an dem Fahrersitz an und fing an zu heulen.

„Björn!“ Angelika schob sich die Sonnenbrille auf die Stirn. „Björn! Mach was!“

Ihr Mann blinzelte weiter verwirrt durch die Windschutzscheibe.

„Hallo!“ Angelika stieß ihn in die Schulter. „Ich rede mit dir! Dein Sohn plärrt.“

„Du bist echt so ein Opfer!“

„Michael!“

„Mamaaa!“

„Björn!“

Björn trat auf die Bremse. Alle Finger seiner rechten Hand zuckten. Rafael vergaß zu flennen. Angelika wartete.

Nach einer kurzen Weile legte Björn den ersten Gang wieder ein und zwang das Auto weiter durch die Lichtwirbel.

„Na toll. War’s das, oder wie?“ Angelika zog ihre Sonnenbrille ganz aus und schirmte stattdessen ihre Augen mit der Hand ab. „Du schleppst uns weiß Gott warum, weiß Gott wohin und schweigst? Wirklich?“

„Mein Fuß tut weh!“

„Halt die Klappe, Rafi!“ Angelika stieß genervt mit dem Finger auf den Radioknopf und überflutete das Auto mit zünftigem Gedudel.

„Du bist ein Idiot, Björn“, fügte sie hinzu, bevor sie das Radio so laut drehte, dass die Lautsprecher schepperten.

Björns Finger zuckten nicht mehr. Sie schoben die Gangschaltung runter, hoch, runter, rechts hoch. Angelika musste sich in den Kurven an der Tür festhalten.

Willst du uns umbringen? Langsamer!“, sagte sie.

„Mir wird schlecht!“ Rafael brüllte, um die Freitagsmusig aus dem Stuberl zu übertönen.

Björn zog die Augenbrauen noch weiter zusammen, verengte die Augen zu Schlitzen, nur um gleich darauf sie aufzureißen. Gespenstisch grau im Gesicht, mit Lichtschlieren auf den Augäpfeln, rammte er plötzlich seinen Finger auf den Knopf des Autodachs. Das Glas begann, sich langsam nach hinten zu schieben. Der Fahrtwind wummerte in der Öffnung und drückte Sternschnuppenmassen in das Innere des Autos.

„Björn!“ Jetzt kreischte Angelika.

Das klebrige Licht quoll und quoll hinein durch das Autodach. Kurz nachdem das Lenkrad im Weiß verschwand, kam ein langgezogenes, metallisches Schrammen – die Leitplanke entlang – und dann der Aufprall.

Abseits der schmalen Serpentinstraße, ganz verquert, stand das Auto, wie eine zerbrochene Lichtkugel, und blutete ein Radiorauschen heraus. Der schwärzeste Himmel spannte sich von Berggipfel zu Berggipfel. Die Lawinenschranken stützten Kolonien von leuchtenden Organismen, vermischt mit altem Schnee, in die Höhe und schimmerten.

Im Auto, ganz leise, flüsterte eine Stimme:

„Angelika? … Geli? Ich weiß … es wieder. Ich wollte euch doch … bloß die Dunkelheit zeigen.“

Niemand antwortete. Das Leuchten funkelte still.

 

[Zuerst erschienen am 17.03.2017]

Das Prosatier erklärt:
Die Prosathek hat sich einer besonders interessanten Herausforderung gestellt: Wir haben beschlossen, dass wir alle dieselbe Geschichte schreiben wollen. Also haben wir uns ein einheitliches Setting und einen Plot überlegt. Die Eckdaten waren: eine vierköpfige Familie macht einen Wochenendausflug in die Berge, der Vater ein Geheimnis, das Autodach wird im Laufe der Geschichte geöffnet und das Auto bleibt stehen. Welcher Art das Geheimnis ist und warum was geschieht, durfte sich jeder selbst überlegen. Die Geschichten schrieben wir klammheimlich, sodass kein Thekie von der Geschichte des anderen wusste. Erst als alle Geschichten fertig waren, haben wir sie miteinander geteilt. Herausgekommen sind sechs Texte mit den gleichen Voraussetzungen, aber unterschiedlichen – und zuweilen sehr überraschendem – Ende. Aber nicht nur das: Auch durch unsere Schreibweisen, Perspektiven und Stimmen ist jede Story vollkommen individuell geworden.

Weitere Schneeschmelzgeschichten sind:

Ohne euch“ von Annika Kemmeter

„Reise mit Hindernissen“ von Ina Nádasdy

Papa bringt das in Ordnung“ von Lydia Wünsch

Willkommen in der Herrengasse“ von Martin Trappen

Der Tag, an dem die Welt aus dem Gleichgewicht geriet“ von Verena Ullmann

 

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