Wie eine Fliege Weihnachten feierte

von Frank Stein

Im Flug denkt die Fliege sich manchmal: Warum bin ich allein? und: Alles bewegt sich so langsam.

Manchmal denkt die Fliege sich auch: Das klebrig Süße da – das ist für mich! Ich werde mich laben am lieblichen Dufte …

Manchmal denkt die Fliege sich: Da ist ein Schatten, bevor etwas Lautes und Plötzliches sie trifft und ihr Leben beendet.

[Textende Nr. 1]

In zwei Stunden ist auch meine Schicht beendet, dachte sich Frank im „Tempel“ an der Bar. Seit Nadja krank machte und er nur mit Emilio hier stand, kam er mit dem kunstvollen Werfen des Shakers nicht hinterher. Seine Finger waren nass, im Glas klirrte das Eis und das Metall perlte. Frank wischte seine Hand an der Schürze ab und öffnete eine neue Flasche, die ihn dafür anzischte. Den Vodka Tonic schob er der Vogelscheuche über den Tresen zu.

Die Vogelscheuche nannte sich eigentlich Ina Nászowás. Sie war momentan freiberuflich dabei, ihr Leben in Alkohol zu ertränken (trotz und vielleicht vor allem wegen Weihnachten). Manchmal legte sie auch Karten. Erst heute Morgen hatte ihr das Deck zwei Dinge offenbart: Großes Glück und Schlechte Nachrichten – was sie dazu bewogen hatte, ihren Wohnwagen in der alternativen Wohnsiedlung in Johanneskirchen zu verlassen und im Tempel auf ihr großes Glück und die schlechten Nachrichten zu warten.

Dabei müsste sie sich nur umschauen, um ein paar schlechte Nachrichten auf der Titelseite der Süddeutschen zu sehen, die ein auffällig unauffälliger Mann mit Hut in der Hand hielt. Er lugte immer wieder über den Zeitungsrand in den Raum, versuchte sich alle Gesichter zu merken, Gesprächsfetzen aufzuschnappen. Das tat er gewohnheitsmäßig, weil er prinzipiell nie zwischen Freizeit und Arbeit unterschied. An seiner Seite lehnte eine Frau im blauen Kleid an der Bar, die eingehend die Karte studierte.

„Marty, wollen Sie mal einen Cocktail probieren? Etwas Süß-fruchtiges?“, fragte sie den Mann.

Sie wissen, was am besten zu tun ist, Frau Molch“, antwortete er, woraufhin sich die Frau zum Barkeeper umdrehte und Sex on the Beach bestellte.

Alex Wachtmeister, der am Tisch unweit der Bar saß, dachte auch an Sex. Allerdings begann bei diesem Gedanken sein linkes Auge nervös zu zucken. Er wusste nicht, wie er sein Dateschlamassel noch dazu bringen sollte. Sein Gegenüber trank nämlich gerade eine lächerlich kleine und lächerlich teure Menge Wein und jedes Mal, wenn Lydia das Glas absetzte, grinste der Lippenstiftabdruck am Weinglasrand Alex böswillig an. Na, kein Geld mehr?, schien er ihm zuzuflüstern.

Die echten Geldprobleme hatte aber Victoria Burana. Sonst hätte sie sich niemals dazu herabgelassen, in dieser Spelunke „Last Christmas“ zu singen, ihr Talent so schändlich zu verkaufen für Nichts. Kaum etwas. Zumindest nicht ausreichend für ihren Lebensstil. Mit der Gage konnte man sich ja nicht einmal einen Hut von Aniko Senchi leisten.

Aniko Senchi verdiente nämlich ihren Lebensunterhalt durch das würdevolle Tragen und Entwerfen von Hüten. Unglaublich, aber wahr. Selbst Verena Pfuhlmann – die Besitzerin des legendären Tempels im Herzen Schwabings – musste es sich eingestehen, dass Annika (so wie sie zu ihrer gemeinsamen Schulzeit geheißen hatte) es fast weiter gebracht hatte, als sie selbst. Aber nur fast. Annika fehlte nur der Sinn für den Fluss des Geldes in der Grauzone des Gesetzes. Vielleicht sollte sie ja Annika zu Weihnachten einen Seminarbesuch bei diesem Elias van der Pfahl schenken …

Während alle im Tempel also mit sich selbst beschäftigt waren, saß eine Frau am Fenster, schaute heraus auf die blinkende Stadt und dachte: Für Fische klingt das Geräusch von Schnee, das auf die Teichoberfläche fällt, unglaublich laut. Neben ihrem Weizenglas klebten noch die Überreste der Fliege, aber die Frau beachtete sie nicht.

So erging es der Fliege in der Weihnachtszeit.

[Textende Nr. 2]

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