Gut Ding

von Annika Kemmeter

„Kannst du nicht noch ein bisschen …“ Sabine streckt ihre Hand nach mir aus, die Augen träge. Die Bettdecke bewegt sich schläfrig über ihrem warmen Körper in meine Richtung.
„Du weißt doch“, sage ich und bleibe stark. Wie jeden Morgen.
Ihre Lippen schmollen. Ich küsse sie und sage: „Der frühe Vogel …“
„… kann mich mal“, antwortet sie und dreht sich von mir weg.

Die Dusche hat noch kein warmes Wasser und zwingt mich zum kneippen. Wie jeden Morgen. Eiseskälte von außen nach innen von rechts nach links. Wann war ich das letzte Mal krank?

Beim Bäcker erwartet mich ein warmes Croissant. Mein Vater wusste, wovon er sprach, als er mir seinen Spruch vom Vogel einbläute. Die Kunden nach mir werden mit kalten, bald trockenen Croissants abgespeist werden.

Ich strecke mich in einem leeren Vierer aus, während die U-Bahn zur Arbeit rattert.

Als ich ankomme, habe ich noch Zeit, mir einen Kaffee aufzubrühen, bevor ich mich an den Schalter setze. Fünf Minuten vor der Zeit …, singt es in meinem Kopf. Dann warte ich auf den ersten Kunden. Früher habe ich selbst Strichlisten geführt. Ich: fünfzehn in einer Stunde, Anne Althus: zehn. Ich: vierzehn, Jan Gebracht: acht. Heute übernimmt das der Computer. Ich liebe Statistiken. Sie zeigen mir, dass ich meine Arbeit professionell erledige. Pausen brauchen die anderen. Ich arbeite routiniert und effizient. Überreiche Fahrpläne, nehme Fahrgastrechte entgegen, tausche Fahrscheine gegen Geldscheine. Früher wussten die Leute, dass sie sich bei mir anstellen mussten, wenn sie nicht lange warten wollten. Heute gibt es das Nummernsystem. Die Berge aus Nummernzettlen wachsen in meinem Mülleimer doppelt so hoch wie in denen der anderen.

Unsere Chefin kommt am späten Vormittag, legt uns unauffällig eine Notiz auf die Tische, Besprechung um halb eins, steht darauf.

Ich weiß, was kommen wird: Seit Wochen spekulieren die Kollegen über einen  Babybauch. Ich habe es am Rande mitbekommen, kümmere mich aber nicht um solches Geschwätz. Es geht mich nichts an. Ich bin hier, um die Kundenwünsche abzuarbeiten. Würden sich die Kollegen wenigstens über neue Systeme und Schulungen unterhalten! In anderen Bahnhöfen ist die Performance besser, die Abläufe sind schlanker.

Versammlung im Pausenraum. „Einige haben es schon geahnt“, beginnt die Chefin. Jetzt erst wird mir klar, worauf alle hinauswollen. Jemand wird ihren Job übernehmen! Ich spüre ein Bauchrauschen, wie ich es in meiner Kindheit das letzte Mal gespürt habe.

Sie spricht von Tugenden und wen sonst könnte sie meinen? Langjähriger Mitarbeiter, da komme nur ich in Frage. Dann höre ich meinen Namen. Alle sehen mich an, klatschen respektvoll. So ist sie, unsere Chefin. Von Konventionen hält sie nichts. Sie hätte mich zuerst unter vier Augen sprechen müssen, mich fragen, ob ich bereit war, die Verantwortung zu übernehmen. Ich verneige mich, fühle mich wieder zum Klassensprecher gewählt, mit roten Ohren aber diesmal ohne Zahnlücke. Wir gehen in ihr Büro, während sich die anderen über die Kinderriegelpackungen hermachen, die meine Chefin mitgebracht hat.

„Sie wissen natürlich, dass Sie einiges ändern müssen, Herr Beyer“, sagt sie.
Ich bin so aufgeregt, dass ich fast hechle. „Natürlich! Schlankere Prozesse. Optimierung. Streichung von Pausenzeiten.“
Ein schiefes Lächeln verzerrt ihr Gesicht: „Ganz im Gegenteil. Sie müssen Ihr Arbeitsethos anpassen. Da gibt es gute Kurse. Wir wissen Ihre Arbeit zu schätzen, aber es wird  Ihnen klar sein, dass Sie sich als Vorgesetzter ändern müssen. Ich habe lange überlegt, wem ich diese Aufgabe geben kann. Herr Gebracht, Frau Althus, die haben den Dreh raus, aber sie haben abgelehnt.“
Mein Mund steht offen. „Frau Althus? Herr Gebracht? Die sind viel langsamer als ich!“
„In der Ruhe liegt die Kraft.“
Ich starre sie wortlos an. „Sie hätten wirklich Herrn Gebracht vorgezogen?“, bringe ich schließlich heraus. „Wissen Sie, wann der immer kommt?“
„Darum geht es doch nicht. Ich schätze sehr Ihre Zuverlässigkeit und Integrität. Aber der Kunde möchte nicht abgefertigt werden wie Gepäck auf dem Gepäckband! Er will als Mensch wahrgenommen werden. Kundenzufriedenheit ist das Stichwort unserer Zeit.“
„Pünktlichkeit sollte es sein!“
„Pünktlichkeit!“ Sie lacht  mich aus.
„Der frühe Vogel …“, beginne ich.
„Im digitalen Zeitalter gibt es das nicht mehr. Pünktlichkeit, der frühe Vogel … Entweder machen Sie die Kunden im persönlichen Gespräch glücklich oder Ihr Job geht flöten. Pünktlichkeit! Verstehen Sie doch, Herr Beyer: Gut Ding will Weile haben.“
„Der frühe Vogel …“, beginne ich erneut, als die Chefin mir ins Wort fällt: „will Weile haben.“
Ich sacke zusammen.
„Entweder Sie schreiben sich das auf die Fahne, oder ich muss jemand anderen suchen.“

Ich sehe aus dem Fenster auf die Gleise. Der verspätete ICE nach Hamburg fährt gerade mit geänderter Wagenreihung auf einem anderen Gleis ein als geplant. Ich habe alle Zeitpläne im Kopf. ICE-Nummern verdrängen Geburtstage, Züge fahren auf Schienen durch meine Träume. Ich jongliere mit Flex- und Sparpreisen, kenne Nachttarife und Taxinummern für Gestrandete auswendig. Warum?, denke ich. Warum kenne ich die Zugnummern auswendig, aber nicht die Geburtstage meiner Freunde?

„Herr Beyer?“

Wie viele Kunden haben an meinem Schalter gestanden? Tausende? Doppelt so viele wie bei anderen.  Und das ist alles egal? Mach weiter wie bisher, und dein Job geht flöten? Der Job, die Freunde, die Liebe. Wie es ist, wenn plötzlich nichts mehr Sinn macht? Ein zielstrebiges Rauschen ins Weiße, Kalte, Leere. Bin ich der Vogel, der auf der Suche nach dem größten Wurm durch den Nebel gegen eine Betonwand kracht?

„Suchen Sie jemand anderen“, sage ich. „Ich muss priorisieren. Urlaub. Ab sofort. Mit dem angesparten Urlaub aus dem letzten Jahr, bin ich … die nächsten acht Wochen weg.“
„Herr Beyer, jetzt kommen Sie aber mal …“
„Der frühe Vogel will Weile haben!“, rufe ich und verlasse den Raum. Ich will Weile haben.

 

Image by Image by Gerd Altmann from Pixabay

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