Schneeschmelze – Reise mit Hindernissen

am

von Ina Nádasdy

Raphael? Raphael, hörst du mir eigentlich zu?“ Maggie musterte ihren Mann vom Beifahrersitz aus.

Ja, ich höre dir zu“, stöhnte er. „Ich habe es vernommen. Nächste Woche kommt deine Mutter. Das ist nicht schwer zu erraten, weil sie jedes Jahr zur selben Zeit zu Besuch kommt.“ Raphael starrte weiter auf die Straße und lenkte den Wagen durch den Autobahnverkehr.

Erraten? Also hast du mir nicht zugehört!“ Maggies Stimme überschlug sich. Sie schloss die Augen und seufzte. Sie musste sich beruhigen. Es würde nichts bringen, wenn sie ihn jetzt anfuhr. Er würde sich nur weiter zurückziehen. Ja, sie hatte es bemerkt. Schon seit längerer Zeit verheimlichte er ihr etwas, aber sie kam nur nicht darauf, was es war.

Ich habe dir doch zugehört. Worüber beschwerst du dich?“

Du -“

Psst! Die Kinder“, unterbrach er sie leise, aber barsch, mit einem ironischen Unterton, wie sie fand, und machte einen Wink nach hinten zum Rücksitz. Maggie drehte sich um. Ihre zwei Jungs, Tim und Felix, saßen von ihren Gameboys gebannt brav hinten.

So kannst du doch nicht mit mir reden, Raphael!“, motzte sie in flüsternd an.

Jetzt sah er sie an und sprach in einer fast nervtötenden Ruhe zu ihr, wobei er jedes einzelne Wort betonte als spräche er mit einem Kind: „Du gehst mir allmählich auf die Nerven. Und wenn du heute noch in der Hütte in den Bergen ankommen willst, dann muss ich mich jetzt konzentrieren, sonst verfahre ich mich noch einmal.“

Da saß sie nun mit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie schnappte nach Luft und versuchte, die Tränen in ihren Augenwinkeln wegzublinzeln. Aber das war absolut unnötig, weil er sie gar nicht mehr beachtete. Es wäre ihm auch egal gewesen, wenn sie jetzt geweint hätte. Aber ihre Selbstachtung hätte arg darunter gelitten, würde sie vor ihm Schwäche zeigen, deshalb drehte sie sich einfach weg, nahm einen großen Schluck aus ihrer Thermoskanne und starrte aus dem Fenster. Die Berge waren in einem dichten Schleier von Nebel und Wolken gefangen und waren nur leicht zu erahnen.

Es war erstaunlich hell für die Uhrzeit. Es war schon halb sechs abends und trotzdem war die Sonne noch nicht untergegangen. Für Maggie war die Sommerzeit so normal wie Atmen. Nie hatte sie Probleme mit der Zeitumstellung gehabt. Ob es das war, was Raphael zu schaffen machte? Er klagte oft darüber, hatte er doch Zeitumstellungen in Russland nie kennen gelernt. Das musste es sein, deswegen war er so unausstehlich.

Maggie sah auf den Rücksitz. Tim und Felix waren mittlerweile friedlich eingeschlafen. Es war ganz still im Auto. Die Stille konnte sie aber nur kurz genießen, denn auf einmal schepperte es, und die zwei Jungs schreckten hoch. Es erklang ein Schleifen und Maggie konnte im Seitenspiegel die Funken fliegen sehen.

Alles gut, es ist nur der Auspuff. Der Gummi, der ihn hält, ist locker. Das passiert öfter“, erklärte Raphael.

Öfter? Und du bringst das Auto nicht zur Werkstatt?“

Ich kann es selbst richten. Das reicht doch wohl.“

Vielleicht sollten wir dann mal eine Pause machen“, schlug Maggie vor. „Die zwei werden Hunger haben. Und du kannst es ja dann richten!“

Raphael nickte nur. Und bei der nächsten Gelegenheit fuhr er bei einem Rastplatz raus. Er stellte das Auto ab und stieg gleich zum Rauchen aus. Der Auspuff müsse schließlich ja erst auskühlen, wie er sagte. Maggie trank noch einmal aus ihrer Kanne und weckte ihre Jungs.

Mama, dürfen wir Autofahren spielen?“, fragten sie und sahen Maggie aus großen Kinderaugen an.

Maggie lächelte und gab Tim den Autoschlüssel. „Aber nur die Zündung einschalten, hörst du? Nicht den Motor. Verstanden?“

Die Jungs nickten und schon waren sie auf dem Fahrer- und Beifahrersitz und drückten Knöpfe. Maggie sah, wie die Fenster hoch- und herunterfuhren, hörte, wie das Radio an- und ausging. Sie beobachtete wie Tim auf den Fahrersitz kletterte und das Lenkrad von links nach rechts drehte und wieder zurück. Felix spielte mit dem Radio und drückte weitere Knöpfe. Sie musste lächeln. Kinder werden viel zu schnell erwachsen.

Dann sah sie sich um. Der Nebel lichtete sich langsam, und die Berge waren immer mehr zu sehen. Raphael stand etwas abseits und zündete sich eine Zigarette an.

Meinst du nicht, dass du zu viel rauchst?“, fragte Maggie, als sie auf ihn zu kam.

Ich denke, das kannst du getrost mir überlassen.“

Papa, Papa! Tim war’s! Tim war’s!“, rief Felix und lief auf seine Eltern zu.

Raphael packte ihn, noch während Felix lief, und hob ihn hoch. „Was war Tim?“

Ich war’s nicht!“, warf dieser dazwischen.

Tim hat das Autodach kaputt gemacht!“, rief Felix.

Raphael setzte ihn ab und ging zum Auto. Er setzte sich hinein und inspizierte das Schiebedach. Es ließ sich nicht mehr schließen. Er drückte auf den Knopf und ein Surren ertönte, das klang, wie ein durchdrehender Motor. Frustriert ließ er seinen Kopf in den Nacken fallen und massierte seine Nasenwurzel und fluchte lautstark.

Tim war’s!“, rief Felix, der zum Auto gelaufen war.

Das ist nicht wahr! Du lügst!“, schrie dieser seinen jüngeren Bruder an.

Ruhe jetzt, alle beide! Setzt euch ins Auto und seid ja still!“ Raphaels Stimme war jetzt sehr leise geworden. Die beiden Jungen packten sich an den Händen und stiegen sofort in den Wagen. Sie wussten genau, dass, wenn Papa einmal nicht mehr schrie, sie ihn besser nicht noch mehr reizten. Er hingegen war ausgestiegen und hatte sich vom Auto entfernt.

Maggie trat nun auf ihn zu und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. „Bitte beruhige dich doch.“

Raphael drehte sich weg und zündete sich eine Zigarette an. Maggie atmete tief durch und sah gen Himmel. Der Nebel hatte sich verzogen, der Himmel war aufgeklart. Jetzt konnte man die Berge in ihrer majestätischen Größe sehen. An den Gipfeln lag noch Schnee, hier unten jedoch war er beinahe weggeschmolzen.

Raphael war inzwischen unter das Auto gerutscht, um den Auspuff wieder in den Gummi zu hängen.

Sie wollten doch nur spielen. Es ist nicht ihre Schuld, dass die Technik jetzt spinnt“, versuchte Maggie ihn noch einmal zu beruhigen. „Vielleicht sollen wir einfach nicht zu der Hütte. Vielleicht ist es besser so.“

Jetzt blickte er sie an. „Wo hast du nur diesen Schwachsinn her? Vielleicht ist es besser so? Was für eine billige Einstellung!“ Er schnaubte. „Vielleicht hast du recht.“

Wann bist du nur so geworden? Du bist unmöglich! Was ist denn nur los mit dir? Jetzt rede endlich mit mir! Reden hilft.“

Er schnaubte und nahm noch einen tiefen letzten Zug und murmelte, während er die Zigarette unter seinem Schuh ausdrückte: „Ja, das sagt Hannah auch immer.“

Jetzt stockte Maggie. Hannah? Was hatte seine Chefin damit zu tun? „Raphael, was soll das?“

Du willst es hören? Dieses Wochenende ist mein Abschiedsgeschenk. Ich verlasse dich, Maggie. Hannah und ich, wir sind seit einem halben Jahr zusammen. Ich hätte es dir am letzten Abend gesagt. Glaubst du denn wirklich, ich hätte nicht bemerkt, was in deiner Thermoskanne drin ist? Denkst du wirklich, ich würde den Alkohol nicht riechen? Meinst du, ich hätte nicht gesehen, was du unseren Kindern antust? Denkst du, ich hätte ihre blauen Flecke nicht gesehen?“ Raphael wartete ihre Antwort gar nicht ab. Stattdessen ging er zum Kofferraum, holte ihre Reisetasche heraus und drückte ihr diese und etwas Geld in die Hand. „Nimm dir ein Taxi. Die Kinder nehme ich.“

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